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Schweigen brechen, Hilfe suchen

Missbrauch Schweigen brechen, Hilfe suchen

Ein Thema, das verletzt, wütend, betroffen,verlegen macht. Eines, das trotzdem kein Tabu sein darf. Sexueller Missbrauch von Kindern und Jugendlichen muss eines: in der Gesellschaft zum Thema gemacht werden.

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Sexueller Missbrauch von Kindern und Jugendlichen darf nicht tabuisiert werden. Das fordern die Kinderschutzfachkräfte Ulrike Schütz und Annegret Schulte.

Quelle: Thorben Wengert / pixelio.de

Marburg. Über Zahlen sprechen sie nicht gerne. Sagen nicht, wie häufig am Tag oder in der Woche bei ihnen das Telefon klingelt. Am anderen Ende eine verzweifelte Mutter, die den Verdacht äußert, ihr Kind werde sexuell missbraucht. Eine Erzieherin, die etwas zu ahnen scheint, aber nicht weiß, wie sie weiter vorgehen soll. Ein Jugendlicher, der sich anonym an den Kinderschutzbund wendet. Hilfe sucht, um Rat fragt. Nein, Zahlen nennen sie nicht. Nur so viel lassen sie durchblicken: „Selbst wenn es nur drei Fälle im Jahr wären. Es wären drei zu viel.“

Das Thema „sexueller Missbrauch“ an Kindern und Jugendlichen beschäftigt Annegret Schulte, Psychotherapeutin für Kinder und Jugendliche, und Ulrike Schütz, Diplom Pädagogin, nahezu täglich. Beide arbeiten beim Kinderschutzbund. Beide haben in ihren mehr als 20 Berufsjahren zu viel gesehen, um noch Illusionen zu haben. Das Thema Missbrauch an Kindern ist allgegenwärtig. Damals, heute und wohl auch in der Zukunft. „Es hat sich in den vergangenen Jahren eine Kultur des Hinschauen und des Hinhörens entwickelt. Aber das muss weiter verfeinert werden“; erklärt Annegret Schulte. Sie informiert Erziehern und Lehrern, versucht den Blick und die Sensibilität für das Thema weiter zu schulen. „Es gehört zum Pflichtprogramm in Schulen und Kindertagesstätten, dass man über das Problem informiert.“ Die Fachkräfte des Kinderschutzbundes stehen nicht nur im direkten Kontakt mit Opfern und Familien. Sie werden auch als „Kinderschutzfachkraft“ von Einrichtungen der Jugendhilfe und von Personen, die beruflich im Kontakt mit Kindern und Jugendlichen stehen hinzugezogen.

Hilfe für anonyme Anrufer

Sexueller Missbrauch an Kindern und Jugendlichen - ein Thema, das gleich die Luft nimmt, Stimme und Blick ernst werden lässt. Wann fängt er an, der Missbrauch? Wo ist die Grenze? Eine Frage, die die beiden Mitarbeiterinnen des Kinderschutzbundes immer wieder gestellt bekommen. Eine Frage, auf die sie keine allgemeingültige Antwort geben können. „Das ist schwer zu definieren. Man kann nicht einfach sagen, dass nur gewisse Taten Missbrauch sind“, erklärt Annegret Schulte. Sexueller Missbrauch könne auch schon durch anzügliche Blicke und Worte geschehen. „Wenn das dauerhaft passiert, kann das auch schädigen“, führt Annegret Schulte weiter aus. „Kinder haben eine Sexualität. Aber die ist anders als die von Erwachsenen. Die können das nicht einordnen. Unter sexuellem Missbrauch sind alle Handlungen und Äußerungen zu verstehen, die die Sexualität eines Erwachsenen auf ein Kind projizieren“, fügt Ulrike Schütz hinzu. Manchmal seien es Jugendliche, die anonym den Kontakt zu den Mitarbeiterinnen des Kinderschutzbundes suchen. Jugendliche, die gerade erst ihr Sexualität erkunden und begreifen, dass sie bereits in ihrer Kindheit Opfer von sexuellen Übergriffen waren.

Die Therapeutinnen arbeiten nicht nur mit den Opfer sexueller Gewalt, sondern beziehen auch die Familie mit ein. „Es ist nach all den Jahren auch immer wieder ermutigend zu sehen, wie Kinder und Familien auch schwerste Erfahrungen meistern können“, berichtet Annegret Schulte.

Selbstbewusstsein fördern

Gemeinsam mit ihrer Kollegin setzt sie sich für mehr Therapieplätze und Hilfsangebote für betroffene Kinder und Jugendliche ein. Aber nicht nur das. Die beiden Mitarbeiterinnen des Kinderschutzbundes gehen einen Schritt weiter: „Es muss auch mehr Therapieangebote für Täter geben“, macht Annegret Schulte deutlich. Die Warteliste für einen Behandlungsplatz sei lang - sowohl auf der Opfer, als auch auf der Täterseite. Eines aber, das lehnt Psychotherapeutin Schütz ab: „Destruktives Mitleid und damit einhergehend die Vorverurteilung. Niemand kann den Missbrauch ungeschehen machen. Aber es heißt nicht, dass das Leben vorbei ist.“

Aber wie ein Kind schützen? Ist das überhaupt möglich? In einer Zeit, in der Kinder auch durch Internet-Bekanntschaften im ungeschützten Raum in Kontakt mit fremden Menschen treten können. Noch nicht durchschauen können, in welchem Umfeld sie sich gerade bewegen? Einen vollständigen Schutz, so Ulrike Schütz, gebe es nicht. Wohl aber sei es wichtig, das Thema nicht als Tabu zu behandeln. „Kinder müssen von klein auf immer wieder die Botschaft bekommen: Man darf dich nicht anfassen. Du darfst Nein sagen.“ Eine Erziehung zu Selbstbewusstsein - kein Allheilmittel. Nein. „Aber ein Schritt in die richtige Richtung und es müssen einfach mehr Gelder fließen, damit Opfer ihre Erfahrungen aufarbeiten können“, macht Schütz deutlich.

von Marie Lisa Schulz

Hintergrund

  • Anrufer können sich anonym beim Kinderschutzbund informieren. Kontakt:06421/67157 oder per Mail info@kinderschutzbund-marburg.de. 
  • Auch der Verein Wildwasser Marburg, Fachberatungsstelle zu sexueller Gewalt in der Kindheit, bietet Beratungsgespräche an. Diese werden telefonisch vereinbart.Kontakt: 06421/14466.

Weitere Beratungsstellen: 

  • Pro Familia: 06421/21800.
  • Notruf Marburg e.V. Beratungsstelle für belästigte und vergewaltigte Frauen. 06421/21438, montags 16 bis 18 Uhr und donnerstags 9 bis 11 Uhr.
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