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Schutz der Freiheit - eine Lebensaufgabe

Grimm-Preis 2012 Schutz der Freiheit - eine Lebensaufgabe

Mit einer gleichermaßen persönlichen, informativen und unterhaltsamen Rede bedankte sich ­Heribert Prantl für seine Auszeichnung mit dem Brüder-Grimm-Preis der Marburger Universität.

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Aus den Händen von Uni-Präsidentin Professorin Katharina Krause nimmt Grimm-Preisträger Professor Heribert Prantl Urkunde und Medaille entgegen. 

Quelle: Michael Hoffsteter

Marburg. „Die Brüder Grimm, meine Großmutter und die Kraft der Provinz“: So war die Dankesrede des Journalisten Heribert Prantl überschrieben, mit der das Publikum in der Alten Aula auf eine Reise in seine Familien-Vergangenheit entführte. Und zwar verriet der bundesweit bekannte „Süddeutsche Zeitung“-Redakteur, dass er im Gegensatz zu anderen Kollegen nicht berühmte Väter oder journalistische Koryphäen als Lehrmeister gehabt hatte. Stattdessen sei es seine Großmutter Maria Prantl gewesen, die ihn über die Märchen der Brüder Grimm an das Lesen und Schreiben herangeführt habe.

„Die ebenso resolute wie gütige Bauersfrau“ hatte spezielle Hobbys: Briefe schreiben, die Bibel lesen und die Grimmschen Märchen“, berichtete Prantl. Und so habe er auch anhand der Märchen der Brüder Grimm bereits im Alter von viereinhalb Jahren lesen gelernt. Doch davon habe die Jury wohl nichts gewusst, als sie ihm den Brüder-Grimm-Preis zuerkannt habe.

Die „große Ehre“, einen Preis mit dem Namen der Brüder Grimm zu tragen, brachte Prantl auf die Idee, einmal im Archiv der „Süddeutschen Zeitung“ nachzuschauen, wie oft er denn seinen Zeitungstexten den Grimmschen Texten die Ehre gegeben habe. Und dabei stieß er auf einen „überraschend großen Stapel“ mit Leitartikeln und politischen Essays aus seiner Feder, die den Einfluss von Jacob und Wilhelm Grimm auf seine Kommentierung der deutschen Politik deutlich gemacht hätten.

So nannte Heribert Prantl den ehemaligen Grünen-Frontmann Joschka Fischer eine Art Froschkönig. Die CSU habe sich wie Hans im Glück einreden lassen, dass Karl Theodor zu Guttenberg das Huhn sei, das goldene Eier lege. Und der amtierende Außenminister Guido Westerwelle spiele im Kabinett von Bundeskanzlerin Angela Merkel dieselbe Rolle wie die Pechmarie im Märchen von der Frau Holle.

„Märchen sind mehr als possierliche Erzählungen“

Besonders ausführlich beschäftigte sich der politische Journalist mit der Weiterentwicklung eines Märchens der Brüder Grimm anlässlich des 70. Geburtstags des langjährigen Kanzlers Helmut Kohl. Unter dem Titel „Ein Lob der Provinz“ wandelte er das Märchen „Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen“ ab.

Mit einer Tatkraft, die schon fast etwas Stumpfes gehabt habe, habe Kohl jede Gefahr überwunden. „Dort, wo das Märchen, von dem, der das Fürchten lernen wollte, mit dem Gewinn des Königreiches endet, ging die reale Geschichte des Helmut Kohl erst richtig los. Weil er mehr konnte als der Held des Märchens, dem nie einer hilft, der mutterseelenallein ist.“

Ausgehend von diesem von der Süddeutschen Zeitung immer kritisch begleiteten „Helden“ aus der pfälzischen Provinz schlug Prantl in seiner Rede einen Bogen zu den Brüdern Grimm, die an ihrer Heimat im Hessischen gehangen hätten.

„Die Märchen sind der Hort der Provinz, die Kinder- und Hausmärchen sind sein Schatz“, bilanzierte der Münchener Journalist und neue Grimm-Preisträger. Doch Jacob und Wilhelm Grimm seien mit dem Sammeln und Bearbeiten der Märchenschätze nicht die „Märchenonkel der Nation“ in einer ­„biedermeierlichen Gelehrten­idylle“.

Ein wahrer Verfassungspatriot

Es werde ihnen auch nicht gerecht, sie romantisch zu verniedlichen, zu entpolitisieren und weltfremden Stubengelehrten zu machen. Die Grimms seien zwar keine Politiker, aber doch als sich dem König Ernst August verweigernde Teile der „Göttinger Sieben“ politische Professoren gewesen.

Vor allem zwei Lehren zieht Prantl aus dem Leben und Werken der Brüder Grimm: „Wir lernen, dass Märchen mehr sind als possierliche Erzählungen und dass der Schutz der Freiheit eine Lebensaufgabe ist“.

Bevor der mit 5000 Euro dotierte Grimm-Preis an Prantl überreicht wurde, gab es gleich zwei Lobreden. Eine davon hielt der Marburger Rechtsanwalt Dr. Peter Becker, der besonders die verfassungsrechtlichen Beiträge des promovierten Juristen und Honorarprofessors der Universität Bielefeld, würdigte. Becker bezeichnete den Preisträger als einen wahren Verfassungspatrioten. Anhand der Beiträge Prantls in der SZ diagnostizierte Becker, dass Prantl Verfassungen liebe, das Volk schätze und Volksabstimmungen fordere. Er halte die Menschenrechte hoch und sei kein Freund der Geheimdienste.

Becker forderte, dass in einem noch nicht geschriebenen Verfassung-Lesebuch die interessantesten und lehrreichsten Essays Prantls mit Kommentaren zusammengefasst werden sollten. In seiner Laudatio auf Heribert Prantl ging Professor Karl Braun, europäischer Ethnologe, auf die journalistische Rolle des Mannes aus einem Ort bei Regensburg ein. Er habe stets ein Augenmerk auf die Achtung der im Grundgesetz festgeschriebenen Grundsätze, die das gesellschaftliche Zusammenleben regeln, gelegt und ist in Alarmbereitschaft, „wenn diese aus demokratischem Geist verfassten Grundsätze missachtet, in Frage gestellt werden oder gar gekippt werden sollen.“ Seine Artikel seien Legion. „Das Verändern zum Besseren ist Beweggrund seines Schreibens.“

Auf diese Worte sowie die Urkunde aus den Händen der Uni-Präsidentin Katharina Krause hatte der Grimm-Preisträger 2012 vor allem eines zu sagen: „Danke, diese Worte machen mich verlegen.“

Ein bodenständiger Mann, der von Präsidentin Krause vor allem für seinen unermüdlichen Einsatz für Verfassungsgrundsätze und seine prägenden Arbeiten gewürdigt wurde.

von Manfred Hitzeroth und Carsten Bergmann

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