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Flüchtlinge an der Steinmühle

Schulkarrieren der besonderen Art

Neun der 15 minderjährigen Flüchtlinge, die seit den Herbstferien in der Steinmühle leben und lernen, können ab Sommer den regulären Unterricht besuchen.
Das „Bremer Haus“ auf dem Gelände des Landschulheims Steinmühle in Cappel: Dort leben und lernen seit den Herbstferien unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Foto: Thorsten Richter

Das „Bremer Haus“ auf dem Gelände des Landschulheims Steinmühle in Cappel: Dort leben und lernen seit den Herbstferien unbegleitete minderjährige Flüchtlinge.

© Thorsten Richter

Marburg. Björn Gemmer vom Schulleiterteam der Steinmühle spricht schlicht von einer „Erfolgsgeschichte“: Alle 15 unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge, die in den Herbstferien an der Steinmühle angekommen waren, seitdem dort in einem früheren Internatsgebäude leben und Deutsch-Intensivkurse belegt haben, sind noch da – „gesund und frohgemut“, wie Gemmer sagt.

Neun von ihnen haben ihre Deutschkurse so weit verbessert, dass sie nach den Sommerferien den regulären Schulunterricht an der Steinmühle besuchen können – sieben der Jungs in der zehnten Klasse, zwei jüngere in der siebten Klasse.

Die Steinmühle hatte die Gruppe mit dem Ziel aufgenommen, möglichst viele der 15 Jungen aus Syrien, Eritrea und Afghanistan zum Abitur zu führen – ein in Hessen einmaliges Projekt.

„Zwei von denen, die es noch nicht geschafft haben, in den regulären Unterricht zu wechseln, können es noch packen“, sagt Gemmers Schulleiter-Kollege Bernd Holly. Maximal zwei Jahre dürfen Flüchtlinge die Deutsch-Intensivkurse besuchen.

Für vier Schüler wird an der Schule überlegt, wie sie einen anderen Abschluss erreichen können. Sie gehörten, sagt Holly, in ihren Heimatländern eher  zu bildungsfernen Schichten.

Alle 15 Schüler machen in den Sommerferien ein Praktikum in einem Marburger Betrieb – bei einem Gartenbauer, in einem Autohaus, in einer Kita. „Sie haben realistische Berufsperspektiven“, sagt Gemmer.

Was die Pädagogen am meisten freut: Die Jugendlichen sind  gut integriert. Fünf von ihnen spielen Fußball in einem Verein, bei Blau-Gelb Marburg oder dem FSV Borts-/Ronhausen. Fußballspielende Mitschüler hätten sie einfach mal zum Training mitgenommen – „das funktioniert“, sagt Holly. Und immer öfter beobachtet Steinmühlen-Geschäftsführer Dirk Konnertz, dass sich die Flüchtlinge und die deutschen Kinder auf dem Schulgelände gemeinsam beschäftigen.

Dabei hat nicht alles, was sich die Steinmühlen-Leitung vor den Herbstferien ausgedacht hatte, um der Gruppe die Eingewöhnung zu erleichtern, funktioniert. Das „Buddy-Konzept“ etwa, nach dem deutsche Schüler einen der Flüchtlinge als „Paten“ betreut haben, ging nur formal auf: Persönliche Kontakte zwischen den beiden jeweiligen Partnern sind nicht entstanden, gesteht Gemmer – „aber die Jungs nehmen dennoch am Schulleben teil.“

Schicksal hat die Jungen zusammengeschweißt

Zur Bilanz nach neun Monaten gehört auch, dass die 15 Flüchtlinge zusammenhalten wie Pech und Schwefel. Diplom-Pädagogin Tanja Herfert, die Leiterin der Gruppe, glaubt, dass „ihr gemeinsames Schicksal sie zusammengeschweißt“ hat. Sie ist stolz darauf, dass die Gruppe sich „demokratische Strukturen“ geschaffen hat und auch danach lebt: So gibt es klare Hausregeln, die die Jungen selbst erstellt haben, es gibt einen gewählten Klassen- und einen Haussprecher.

Einkaufs- und Kochgruppen sorgen dafür, dass die Anforderungen des Alltags – auch das gehört zum pädagogischen Konzept der Steinmühle – gemeinsam gemeistert werden. Beim Louis-Braille-Festival Anfang des Monats haben sich die 15 Jungen als ehrenamtliche Helfer gemeldet und den meist blinden oder sehbehinderten Gästen in Marburg geholfen. „Man merkt deutlich, dass sie etwas zurückgeben wollen“, sagt Holly nicht ohne Stolz.

Natürlich gibt es aber auch immer wieder Szenen, in denen die völlig unterschiedliche Lebenserfahrungen der Flüchtlinge deutlich wird. Dass sie beim Fahrradfahren etwa einen Helm tragen sollen, sei ihnen nicht beizubringen, sagt Holly.

„Die haben halt eine ganz andere Risikoerfahrung durchgemacht“, sucht er nach einer Erklärung.

Tanja Herfert berichtet von Problemen anderer Art: Einige der Jungen erhalten regelmäßig belastende Nachrichten aus der Heimat, die Nachzugsperspektive für Familienangehörige verschlechtert sich, viele sind von ihren Fluchterlebnissen traumatisiert. Herfert ist deswegen glücklich, dass die Jungen professionelle Hilfe durch einen Psychologen annehmen. „Das ist der größte Erfolg“, sagt sie.

Bis die sieben älteren Schüler dann im kommenden Sommer die zehnte Klasse abgeschlossen haben, sollte, so hofft Gemmer, die letzte formale Hürde vor dem Abitur aus dem Weg geräumt sein: Das Hessische Schulgesetz fordert zwei Fremdsprachen als Zugangsvoraussetzung für die Oberstufe. Flexible Lösungen seien notwendig, sagt Gemmer.

Denkbar wären zum Beispiel Prüfungen in Arabisch oder in Farsi. Dazu brauche es Lehrer, die in diesen Fächern eine Unterrichtsbefähigung haben. Man sei in Gesprächen mit dem Kultusministerium.

Die sechs, die den Sprung in den Regelunterricht noch nicht geschafft haben, werden weiter in einer Intensivklasse Deutsch unterrichtet. In diese Klasse, so die Schulleitung, können noch sechs bis acht junge Menschen aufgenommen werden. „Es müssen keine unbegleiteten Flüchtlinge sein“, erläutert Gemmer.

von Till Conrad


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