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Schule will Unterricht für alle bieten

Inklusion Schule will Unterricht für alle bieten

Als erst zweite Förderschule in Hessen will die Bettina-von-Arnim-Schule im Stadtwald ab dem kommenden Schuljahr inklusive Grundschule werden.

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Tiergestützte Pädagogik ist ein Teil des Konzepts in der Bettina-von-Arnim-Schule: Der zdamals wölfjährige Kevin füttert im Jahr 2012 die Ziegen im schuleigenen Ziegenstall.

Quelle: Foto: Tobias Hirsch

Marburg. Die Bettina-von-Arnim-Schule in der Trägerschaft des Vereins für Heilende Erziehung Marburg, betreibt die Eröffnung einer inklusiven Grundstufe und hat dafür einen Antrag auf Zulassung beim staatlichen Schulamt gestellt. Vor den Weihnachtsferien bekamen die Pädagogen einen Zwischenbescheid vom Staatlichen Schulamt: Aus pädagogischer Sicht bestünden „keine Bedenken“, heißt es in dem Schreiben, das Roland Freitag, der Geschäftsführer des Trägervereins, vom Schulamt erhalten hat. Es seien lediglich noch ein paar Fragen zu beantworten und einige Unklarheiten zu beseitigen, sagte Freitag der OP. Das Schulamt habe eine Zulassung zum kommenden Schuljahr in Aussicht gestellt.

In der Bettina-von-Arnim-Schule werden bisher Schülerinnen und Schüler mit verschiedenen sonderpädagogischen Förderbedarfen beschult. Die Klassen sind klein, haben maximal 10, nur im Ausnahmefall 12 Schüler. So können Schüler mit unterschiedlichem Förderbedarf in einer heterogenen Lerngruppe betreut werden. Die Leitbilder der Privatschule sind die anthroposophische Heilpädagogik und die Waldorfpädagogik. Seit mehr als zwei Jahren befassen sich Kollegium und Trägerverein mit der Fragestellung „inklusiver Unterricht“. Inklusion von der Förderschule aus denken: Auf diesen Weg will sich die Bettina-von-Arnim-Schule machen.

Mit kleinen Klassengrößen, Ganztagsangeboten, individueller Förderung je nach persönlichem Bedarf und der Öffnung in den Stadtteil, sei man seit Jahren in der Lage, inklusiven Unterricht zu leben, sagen etwa die Lehrerinnen Katrin Hadenfeldt und Sabine Mertz im OP-Gespräch. „Wir wissen, wie es geht“, sagen die Pädagoginnen selbstbewusst - unter anderem deswegen, weil sie Erfahrungen damit haben, Schüler mit verschiedenen Behinderungsarten gemeinsam zu unterrichten.

Übergang auf weiterführende Schulen ermöglichen

In mehr als einjähriger Arbeit hat die Bettina-von-Arnim-Schule ein Grundschul-Curriculum entwickelt und zur Genehmigung vorgelegt. Es basiert auf der Grundüberzeugung, dass die Herausbildung von sozial-emotionalen Fähigkeiten die Grundlage auch für kognitives Lernen ist. „Aufgrund unserer kleinen Klassengrößen können wir individuell auf jeden Schüler eingehen“, sagt Katrin Hadenfeldt. Und Sabine Mertz ergänzt: „Mit Lehrern, Sozialpädagogen und FSJlern schaffen wir einen Lernort, an dem sich nicht die Kinder der Schule anpassen müssen, sondern die Schule sich den Kindern anpasst.

Entscheidend für die Kultusbehörden ist, dass durch die neu zu gründende Inklusionsstufe ein Übergang der Schülerinnen und Schüler für alle weiterführenden Schulen hergestellt werden kann. Dem Kollegium ist vor dieser Anforderung nicht bange: Der Trägerverein beschäftigt Grundschul- wie Förderschullehrer, und eine weitere Stelle für einen Grundschullehrer oder eine Grundschullehrerin wurde ausgeschrieben.

Geplant ist, dass die neue inklusive Schule weiter mit kleinen Klassen arbeitet: 12 bis 14 Schüler pro Klasse, davon ein Drittel Förderschüler und zwei Drittel Grundschüler, sind angedacht. Das Angebot richtet sich vor allem an Kinder aus Marburg, „aber wir wissen auch von anderen Eltern, dass sie ein inklusives Angebot für ihre Kinder für interessant halten.“ Als Konkurrenz zur bestehenden Schullandschaft sehen sich die Pädagogen von der Bettina-von-Arnim-Schule nicht, eher als „Ergänzung“.

Auf jedes Kind eingehen können

Nicht verschweigen will Roland Freitag, dass die Bettina-von-Arnim-Schule als Schule in nicht öffentlicher Trägerschaft ein Schulgeld erhebt. Es richtet sich nach der finanziellen Leistungsfähigkeit der Eltern, wird im Gespräch vereinbart und beträgt zwischen 50 und 300 Euro.

Vorbild für die Initiative am Stadtwald ist der St. Vincenzstift Aulhausen. Mit dem Angebot einer inklusiven Grundschule seit dem Schuljahr 2012/2013 nimmt die eine Vorreiterrolle in Hessen ein: Erstmals wurde eine Förderschule für nicht-behinderte Kinder geöffnet. Dazu übertrug die Schule laut ihrer Homepage das Konzept der individuellen Förderung, das sie schon lange praktizierte, auch auf Kinder ohne besonderen Förderbedarf. Damit können die Lehrkräfte auf die Kinder ganz anders eingehen, und so stellt sich das auch Roland Freitag für die Bettina-von-Arnim-Schule vor: „Entscheidend ist, dass wir auf jedes einzelne Kind entsprechend seinen Bedürfnissen eingehen können.“

Angst, dass das Angebot nicht angenommen wird, haben weder Freitag noch die Lehrerinnen Katrin Hadenfeldt und Sabine Mertz. „Die meisten Eltern wissen, dass kleine Gruppen und individuelle Förderung für ihre Kinder am wichtigsten sind“, sagt Sabine Mertz.

  • Ein Informationsabend für Eltern, die sich für die inklusive Grundschule interessieren, findet am 26. Januar ab 20 Uhr in der Bettina-von-Arnim-Schule statt.

von Till Conrad

 
Hintergrund
Mit der Ratifizierung der UN- Behindertenrechtskonvention durch Deutschland und dem Hessischen Schulgesetz vom 1. August 2011 haben Kinder mit Behinderung einen Rechtsanspruch darauf, gemeinsam mit Nichtbehinderten unterrichtet zu werden. Der so genannte inklusive Unterricht ist so für alle Grundschulen verpflichtend, wenn ein entsprechender Bedarf besteht. Förderschulen sind im Gesetz nicht für inklusiven Unterricht vorgesehen. In Hessen gibt es eine heftige schulpolitische Debatte darüber, ob Förderschulen parallel zur inklusiven Grundschule erhalten bleiben sollen.
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