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Schule als Schutz vor Schreckens-Ritual

Genitalverstümmelung Schule als Schutz vor Schreckens-Ritual

Antonia Waskowiak hat eine Lebensaufgabe: Die 23-Jährige ist Schuldirektorin in Kenia und beschützt Mädchen vor dem brutalen Ritual der Genitalverstümmelung. Hunderte könnte sie mithilfe von Spendengeld retten.

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Das Ritual weiblicher Genitalverstümmelung ist in Kenia weit verbreitet: Mindestens 27 Prozent aller Frauen (schätzungsweise acht Millionen) wurden im Laufe des ­Jugendlebens beschnitten. Beschneiderinnen verwenden dabei immer wieder handgemachte Werkzeuge und Rasierklingen – für Kritiker ein Hygienehorror.

Quelle: Archiv

Marburg. An das Feld des Grauens erinnert sie sich sofort. An den Ort, an dem Rasierklingen das Leben junger Mädchen verändern, wo laut kenianischer Tradition aus Kindern Erwachsene werden. Antonia Waskowiak kennt das Werk der Beschneiderinnen im Südwesten des Landes, die jeden Dezember täglich Dutzenden Neun- bis 18-Jährigen die Klitoris abschneiden. Die Marburgerin hat die Blutlachen auf dem Feld, die sich über Kilometer ziehenden roten Tropfen auf den Pfaden gesehen, die aus offenen Wunden laufen.

„Das ist ein schrecklicher Anblick, und doch ist es dort das größte Fest neben der Hochzeit“, sagt die 23-Jährige. Während den Mädchen auf dem Fußmarsch ins Heimatdorf Blut aus dem Unterleib tropft, sie Schmerzen leiden, tanzen Verwandte und Freunde singend, feiernd um sie herum - obwohl die Beschneidung seit 2011 gesetzlich verboten ist.

Mindestens sieben bis acht Millionen Kenianerinnen sind nach Erhebungen des „Kenyan­ Demographic Health Survey“ von der sogenannten Female Genital Mutilation (FGM) betroffen. Die Beschneidung ist ein Initiationsritus. Danach gelten die Mädchen als heiratsfähig. 38 der 43 ethnischen Gruppen Kenias praktizieren diese Tradition, beim Stamm der Kuria, bei denen Waskowiak lebte, sind fast alle Frauen (93 Prozent) beschnitten. Verbreitet ist die Praxis vor allem unter armen, ­ungebildeten ­Bevölkerungsgruppen in ländlichen ­Regionen, vor allem unter ­Muslimen, aber auch unter Christen.

Vier Wochen beim Aufbau einer Schule geholfen

Die Rettungsassistentin besuchte Kenia erstmals 2011, ein Jahr vor den Beschneidungsszenen auf dem Acker. Sie half damals vier Wochen beim Aufbau einer Schule in Senta, ein Dorf nahe­ Kehanchu. Steine schleppen, Lehm formen, Ziegel brennen: Ein freiwilliger Entwicklungshilfeeinsatz, wie ihn jährlich Tausende leisten. Doch für Waskowiak veränderte sich fortan das Leben. „Ich hatte das Gefühl, etwas unvollendet zurückzulassen. Jedenfalls wusste ich, dass ich in der kurzen Zeit niemandem wirklich geholfen habe“, sagt sie.

Denn schon vor ihrem Trip hatte sie sich speziell wegen der Ausrichtung der entstehenden Schule auf Aufklärungsarbeit zu Genitalverstümmelung dort engagiert. Doch sei es für sie und ihre Gruppe Ehrenamtlicher neben der Arbeit auf dem Bau bei einigen Gesprächen mit Experten geblieben. Das reichte ihr nicht, Waskowiak plante ihre Rückkehr noch vor dem Heimflug. „Ich beginne doch nichts, ohne es fertigzustellen.“ Und gelernt, wie sie Frauen von den Beschneidungen abbringen könne, habe sie in den wenigen Wochen schon gar nicht. „Halte ich nur eine ab, habe ich schon gewonnen.“

Kaum ein Klassenraum war fertig

Ein Jahr später stand Waskowiak wieder im Dorf („Ich hatte 700 Euro dabei und dachte, ich könnte die Welt verändern“), die von ihr gefertigten Ziegel lagen noch herum, kaum ein Klassenraum war fertig, weiterhin ließen sich Mädchen beschneiden. Die Marburgerin wohnte über Monate beim Schuldirektor, der die ­Institution 2006 gründete und schrittweise mit ehrenamtlichen Entwicklungshelfern baute. Sie packte­ weiter auf dem Bau mit an, finanzierte mit ihren 700 Euro Fundamente und suchte nebenbei übers Jobben in einer Arztpraxis Kontakt zu Genitalverstümmelten.

So findet sie heraus, dass es keines der Rettungs-Camps mehr gibt, die einst Verweigerern in der Zeit der Ritualsdurchführung (jedes zweite Jahr zwischen November und Dezember) Zuflucht boten. Existieren würden diese nicht mehr, so schilderten ihr es Dorfbewohner, weil sich Mädchen ja sowieso freiwillig beschneiden ließen. „Suspekt“, sei ihr das angesichts der brutalen Szenen gewesen.

Aber klar, wenn es ­alle im Umfeld machen, gelte eine Verweigerung als „uncool“. Waskowiaks Entschluss war ­gefallen: „So ein Camp, einen Schutzort, einen Platz für die, die nicht mitmachen wollen, braucht es.“ In dessen Aufbau wolle sie Zeit, Kraft und Geld investieren.“ Und die halbfertige Schule sei „der ideale Ort“ für diesen Ansatz. Ihr Credo: „Wer gebildet ist, sagt auch nein zur Beschneidung.“

Mehrere Monate und 2000 weitere Spenden-Euro später baut sie mit Helfern eigenhändig die letzten vier der insgesamt acht Klassenräume - bis sie, wiederum zurück in Deutschland, im Oktober 2013 eine Schocknachricht erreicht: Der Gründer und Schuldirektor, der „für mich wie ein zweiter Vater geworden ist“, verstarb unerwartet. Die Schule­ stand vor dem Aus. „Er hatte ­alles gemacht, alles gemanaged, alles organisiert.“ Waskowiak flog zur Beerdigung, eine Woche später kam sie als neue Schuldirektorin der „Bena Academy“ zurück.

"Der Schulbetrieb muss von selbst laufen"

Die Elternvertreter, die Lehrer, die Familie des Verstorbenen, alle hatten darum gebeten, dass die Marburgerin, die mit ihrem Geld, ihrer Zeit, ihrer Kraft die Schule zur Hälfte mitaufgebaut hatte, diese Funktion übernimmt. „Die Dorfbewohner haben einmal gebetet, dann war es quasi beschlossen. Seitdem habe ich eine Schule am Hals“, sagt sie und lacht. Waskowiak, die sich die Landessprache Swahili antrainiert hat, ist ehrenamtlich für 300 Erst- bis Achtklässler verantwortlich. „Klipp und klar habe ich die Zuständigkeiten geregelt, der Schulbetrieb muss von selbst laufen, da ich eben nicht alle paar Wochen losfliegen und Probleme zusammenkehren kann.“

Ihre Hauptzuständigkeit seit Ende 2013: Spendensammlung für den Weiter- und Ausbau der Schule sowie des Unterrichts- und Lernmaterialangebots. Und es geht voran. Die Aufklärung zur Genitalverstümmelung hat sie im Lehrplan verankert, Pädagogen eingestellt, entlassen, den Schulleiter gefeuert, Krankenschwestern angeheuert, ein Kindergarten ist mittlerweile angebaut - und das „Rescue-Camp“, der Ort zum Schutz vor dem Beschneidungs-Ritual beginnt Ende dieses Monats. 200 Mädchen aus umliegenden Dörfern, die der Genitalverstümmelung entgehen wollen, werden dann bis zum Tag vor Heiligabend - dem letzten Tag des Rituals - betreut. Intensiver Aufklärungsunterricht zu den physischen und psychischen Folgen der Beschneidung, Musik, Spiele, Ausflüge:­ eine Art Ferienfreizeit liegt dem Konzept zugrunde.

„Unsere Angst ist, dass in diesem Jahr besonders viele junge Mädchen, sogar Achtjährige, beschnitten werden, weil der Druck der ­Regierung auf die Stämme nun immer größer wird.“ Als sie vor Jahren die Beschneidungszeremonie erstmals mitbekam, war das noch anders. Damals seien lediglich ein paar Polizisten ins Dorf gekommen, die sich dann mit Macheten verjagen ließen.

"Moralischer Zeigefinger bringt nichts"

Gefährlich ist der Kampf gegen die blutige Tradition geblieben. Waskowiak ist daher vorsichtig, sie will über den Unterricht in der Schule nicht die Anhänger der Tradition bekehren, sondern Familien aufklären - jenen, die bereit sind, sich die Risiken und Probleme erklären zu lassen. „Man muss den Menschen helfen, es selbst zu erkennen und sie in ihrer Entscheidung zu stärken. Mit dem moralischen Zeigefinger zu wedeln bringt nichts.

Denn wenn sich ein Mädchen, bei dem man denkt, sie würde das Ritual bei Zeiten nicht mit sich machen lassen, doch dazu entschließt, muss man ihr dazu ebenso freudestrahlend gratulieren wie ­denen, die ihre Verweigerungshaltung durchhalten.“ Ein entscheidender Teil ihres „Rescue-Camps“ ist daher die Abschlusszeremonie: Den Verweigerer-Mädchen soll eine Feier geboten werden, wie jenen Altersgenossen, die beschnitten wurden und von der Familie hochleben gelassen worden sind.

Einmal, das gibt sie zu, zweifelte sie an ihrem Engagement. Es war ein Tag, an dem eine Bande durch die Region zog und Kühe - das wertvollste Gut auf dem Land - stahl und bei dem Raubzug ihre Nachbarn ermordete. „Wären die ein Haus weitergegangen, gäbe es mich nicht mehr.“ Dass sie bereits zweimal überfallen, ihr die Handys geklaut wurden, erwähnt sie beiläufig.

Ebenso, dass sie täglich mehrere Heiratsanträge bekommt. War es nicht ein naiver Schritt einer jungen, weißen, blonden Europäerin sich ins Gewirr von Afrikas Stammes- und Männergesellschaft zu begeben? „Ich hatte keine Ahnung, ob ich das alles schaffe. Vieles ist ja total anders als in Deutschland, man ist ständig mit Kulturschocks konfrontiert.“ Jedoch: „Verarschen, etwa bei Bau- oder Wasserpreisen, kann mich niemand mehr.“ Wozu aber die ganze Mühe? „Mein Herz hängt an all dem, ist ein Teil von mir geworden.“

  • Dokumentation „The Cut“ am Sonntag (11.30 Uhr) im Cineplex-Kino; Antonia Waskowiak informiert bei einer Matinée über ihre Arbeit.
  • Spenden-Kontakt: Via E-Mail: aswaskowiak@googlemail.com oder Telefon 0178/1812192.

von Björn Wisker

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