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Schuldgefühle nach der Frühgeburt

Weltfrühchen-Tag Schuldgefühle nach der Frühgeburt

Wenn ein Kind zu früh auf die Welt kommt, wird eine freudig erwartete Geburt plötzlich zu einem Schockmoment. Die Eltern benötigen dann häufig eine besondere Betreuung, um die Situation zu verarbeiten.

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Professor Rolf Maier (von links), Ilea Burgard, Mirjam Wege, sowie Professor Erich Schanze und Professor Rainer Moosdorf vom Rotary Club in einer Kinderspielecke im Klinikum.Foto: Peter Gassner

Marburg. „Wenn das Kind auf die Intensivstation kommt, ist das für die Eltern erst einmal eine Schocksituation“, weiß Mirjam Wege. Die Psychologin und Psychotherapeutin kümmert sich am Uniklinikum in Marburg um Angehörige von Frühgeborenen. Nicht selten stellten Eltern sich selbst dann die Frage: „Was habe ich falsch gemacht?“ Die Verunsicherung, was mit dem Kind passiert, führe zu dem Gefühl von Hilflosigkeit und Inkompetenz.

Ilea Burgard kennt dieses Gefühl. Ihre Tochter Leana ist keine Frühgeburt, dennoch liegt sie auf der Intensivstation für Neugeborene. Sie hat eine angeborene Fehlbildung, die zu Atemnot führt. Ohne eine spezielle Vorrichtung am Kiefer würde sie ersticken. Erst durch eine Therapie soll Leana nach einigen Monaten selbstständig atmen können. „Man ist machtlos und hat keinen Boden unter den Füßen“, beschreibt Burgard ihre Gefühle. Erst Mirjam Wege habe ihr vermittelt, „dass ich daran nicht schuld bin“. Ohne sie „wäre ich nicht so schnell wieder auf den richtigen Weg zurück gekommen“. Immer noch ist die Angst da, dass etwas schiefgehen könnte. Inzwischen hat Burgard aber gelernt: „Man muss positiv denken.“ Die kurze Zeit, die sie mit ihrem zweiten Kind auf der Intensivstation verbringen kann, genießt sie nun - durch die Unterstützung der Psychologin. „Ihr kann ich Dinge anvertrauen, die ich nicht einmal meinem Mann erzählt habe“, gesteht sie. Ihm gegenüber habe sie keine Schwäche zeigen wollen. Nun aber wisse sie, „dass es nichts Schlimmes ist, Gefühle zu haben“.

Die Reaktion, bei sich selbst nach der Schuld zu suchen, sei „ganz typisch bei Eltern“, sagt Professor Rolf Maier, Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin am UKGM. Die Angst, das Kind könne sterben oder eine Behinderung davon tragen, sei immer dieselbe. Dementsprechend wichtig sei es, dass es mit Wege seit nun zwei Jahren eine direkte Ansprechpartnerin für die Eltern gebe. Durch Spenden des Rotary-­Clubs Schloss Marburg,i n Höhe von 16000 bis 18000 Euro - konnte die Psychologin seitdem engagiert werden. Jetzt wird für sie eine halbe Stelle direkt vom UKGM aus eingerichtet. Zudem „versuchen wir seit einigen Jahren auch der Politik das Problem nahezulegen“, so Maier. „Es sieht nun tatsächlich so aus, als ob da deutschlandweit etwas in diese Richtung bewegt wird.“ Da das Projekt seit zwei Jahren erfolgreich gelaufen sei, sei „jetzt auch der richtige Zeitpunkt, auf das Thema hinzuweisen“, ergänzt Professor Erich Schanze, der die Förderung als Rotary-Präsident des Jahres 2012/13 angestoßen hatte. Wege freut sich, dass „sich mit dem Projekt zum ersten Mal die Möglichkeit eröffnet hat, die Angehörigen der Kinder wirklich zu betreuen“. Darin seien nicht nur Mütter, sondern auch Geschwister und Väter mit eingeschlossen. Bei Frauen sei der Zugang häufig zwar leichter, da sie ohnehin in der Klinik seien und sich leichter für Gefühle öffneten, aber auch bei Männern bestehe Betreuungsbedarf. Sie seien jedoch meist „praxisorientierter“ und suchten vor allem nach Wegen, dem Kind beziehungsweise der Familie aktiv zu helfen.

n Zum heutigen Weltfrühgeborenentag informieren die Experten des Klinikums ab 11 Uhr an einem Infostand auf dem Hanno-­Drechsler-Platz.

von Peter Gassner

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