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Schüttel dein Haar für mich!

Abenteuer Sport: Metalza Schüttel dein Haar für mich!

Tanzen und Fitnesskurse sind eigentlich nicht das Ding von OP-Redakteur Holger Schmidt. Für „Metalza“ hat er eine Ausnahme gemacht.

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OP-Redakteur Holger Schmidt schleudert beim „Metalza“ seine Haare durch die Luft. Foto: Nadine Weigel

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. Nicht so kompliziert. So hallte es immer wieder durch meinen Kopf. „Wir fangen mit etwas nicht so Kompliziertem an“, hatte Susanne Koller gesagt. Das hatte mich erleichtert aufatmen lassen. Bis das Aufwärmen begann...

„Thunderstruck“, krächzt es aus Angus Youngs Kehle und aus der Lautsprecherbox. Dann gleiten vor und neben mir Arme in eleganten Wellen durch die Luft, Beine wirbeln dabei rhythmisch von links nach rechts und wieder zurück. Bis mein Gehirn die Informationen verarbeitet und an meine Extremitäten gesendet hat, machen Arme und Beine der Nebenleute längst etwas völlig anderes. Nicht so kompliziert. Für mich - eher Typ Bär als Typ Tanz - ist es so, als sollte ein i-Männchen eine Aufgabe in linearer Algebra lösen.

„Beim zweiten oder dritten Mal klappt es eigentlich schon immer ganz gut“, muntert Susanne Koller mich auf. Die Kirchhainerin ist nicht nur Kursleiterin, sondern auch Erfinderin von Metalza.

Für mich ist es allerdings nicht das zweite oder dritte Mal, sondern die Premiere bei diesem Tanz-Workout zu Metal-Musik. Überhaupt bin ich blutiger Anfänger in einem Fitness-Kurs. Denn für mich ist das die Horrorvorstellung: In einem sterilen, voll verspiegelten Raum steht vorne der Kursleiter, brüllt die Teilnehmer an und alle machen nach, was der durchtrainierte Vorzeige-Athlet in natürlich vollkommen perfekten Bewegungen anscheinend mühelos vormacht. Dazu dröhnt viel zu laut stumpfes, elektronisches Utz-Utz aus den Boxen. Wahlweise auch Hip-Hop. Die Hölle könnte kein schlimmerer Ort sein.

So in etwa müssen sich das auch Hannah Junk und Franziska Wiener gedacht haben. Auf der Suche nach einem Sportkurs bei der Volkshochschule sei sie auf Metalza gestoßen, erzählt Wiener. „Ich habe es Hannah dann vorgeschlagen.“ Seitdem sind die Freundinnen aus Schrecksbach dabei. „Weil‘s Spaß macht“, sagt Junk, der die Kombination aus Bewegung und Metal gefällt. „Zumba würde ich nicht machen“, betont die 30-Jährige. „Da gehe ich lieber joggen.“

"Metal ist das A und O"

Joggen ist auch meine bevorzugte Sportart, seit die Zeiten vorbei sind, in denen ich wahlweise Fuß-, Basket- oder Tischtennisbällen hinterhergejagt bin. Mehrmals die Woche zehn Kilometer, das muss als Ausgleich schon sein und bringt mich nicht mehr nachhaltig aus der Puste. Beim Metalza geht es anders zur Sache. Keine gleichbleibende Belastung. Stattdessen hier eine tänzerische Drehung, da eine geballte Faust in die Luft - und zwischendurch das Haareschütteln nicht vergessen. Denn Headbanging gehört zum Workout wie die E-Gitarre zum Metal. „Für mich ist das Teil des Lebensgefühls“, sagt Tanz- und Bewegungspädagogin Susanne Koller, die auch gerne bei heimischen Festivals wie dem Ragnarock, Black Sunset oder Mano die Haare fliegen lässt. „Ich lebe das vor.“ Und der Kurs, zum Großteil bestehend aus Fans der schwermetallischen Musik, macht mit.

„Metal ist für mich das A und O“, sagt Joanna Wegerer, Lieblingsband: Amorphis. „Das ist für mich die einzige Motivation, zum Sport zu gehen. Bei Metal kann ich einfach nicht ‚nein‘ sagen.“ So ist die 39-Jährige aus Homberg vor mehr als einem Jahr zu Metalza gekommen und lässt regelmäßig den Kopf kreisen.

Mehr als Headbanging

Wobei Susanne Koller, die neben Klassikern wie Iron Maiden gerne Varg oder Insomnium hört, alle beruhigen kann, die nach einer Stunde einen steifen Hals und auf lange Sicht die Ausbildung eines Stiernackens befürchten: „Es sind zwar auch Headbanging-Einlagen dabei. Aber wir machen doch eher etwas für den ganzen Körper.“

Schade - zumindest denke ich das. Denn in den Headbang-Phasen komme ich ganz gut mit. Geübt auf Konzerten und in langen Disco-Nächten. Nur dass der Weg anschließend in den Pausen nicht abgekämpft zur Theke führt, sondern jetzt eben zur Wasserflasche.

„Mein Herz brennt“, röhren Rammstein aus der Lautsprecherbox. „Nicht nur Freestyle“, ermahnt mich Susanne Koller. „Für Freestyle muss ja niemand Kursgebühren zahlen.“ Wohl wahr. Mein Rockerherz brennt trotzdem und muss die Gedanken an Freiheit vorerst begraben. Wobei Susanne Koller mit nur wenigen Anweisungen auskommt. Wäre auch unpraktisch, gegen AC/DC, Disturbed und Five Finger Death Punch anschreien zu wollen. „Metalza lebt vom Vor- und Nachmachen“, erklärt die Kirchhainerin, die von ihrer 17-jährigen Tochter Noelle unterstützt wird.

"Es muss nicht perfekt sein"

Also zurück in Reih und Glied und mitgemacht. Jetzt klappt das erstaunlicherweise etwas besser als zu Beginn. Es sieht bei mir aber nach wie vor ungefähr so anmutig aus wie ein Albatros bei der Landung.

Einen Schritt weiter - wenn auch nur einen kleinen - ist Steffen Grieble, zum zweiten Mal bei Metalza dabei. Dass nicht alle Schritte sitzen, ist dem 47-Jährigen aus Gemünden egal. „Es muss nicht perfekt sein. Es macht so Laune, zu Metal in Bewegung zu sein“, sagt der Hobby-Gitarrist, der schon in den 1980er-Jahren zu Iron Maiden, Judas Priest oder der Michael Schenker Group abgerockt hat. „Ich tanze einfach gerne.“

Frauen deutlich in Überzahl

Damit bildet Grieble die Ausnahme. Denn Männer sind im Kurs unterrepräsentiert. Das gilt für andere Workouts genauso wie für Metalza. Auch die Kickbox- und Power-Move-Elemente können daran nichts ändern. „Wir machen viel mit der geballten Faust und posen auch ein bisschen“, sagt Fitnesstrainerin Koller zu ihrem Workout. „Aber man kann das Rad nicht neu erfinden.“ Männer würden lieber eine „Wall of Death“ machen oder pogen als sich zu Choreographien zu bewegen. „Da fehlt manchmal das gewisse Quäntchen Mut, sich darauf einzulassen.“

An Mut hat es mir nicht gemangelt. An tänzerischem Talent schon. Schweißtreibend war es dennoch. Und: Meine Haare sind mal wieder ordentlich durchgeschüttelt worden.

von Holger Schmidt

Hintergrund
  • Herkömmliche Workout-Kurse seien gut für den Körper und die Kondition, sagt Susanne Koller. „Aber es war einfach nicht meine Musik“, erklärt die Kirchhainerin, wie sie vor drei Jahren auf die Idee zu Metalza gekommen ist. Inzwischen ist es sogar als Marke beim Patentamt geschützt.
  • In Schwalmstadt, Kirchhain und Wehrda gibt es bereits Kurse. In Marburg beginnt ein neuer Kurs für Einsteiger, ab dem 15. März jeweils dienstags (19 – 20 Uhr) im Kampfkunststudio Fight & Fight (Frauenbergstr. 33). Seit dem 7. März läuft jeweils montags (17 – 18 Uhr) im Bürgerhaus Wehrda ein VHS-Kurs.
  • „Die neuen Kurse haben einen niedrigeren Schwierigkeitsgrad“, erläutert Trainerin Koller. In Kirchhain wird montags (18.30 – 19.30 Uhr) im Schülerhaus der Alfred-Wegener-Schule getanzt, in Schwalmstadt donnerstags (18.30 – 19.30 Uhr) in der Berufsschule Ziegenhain.
  • Wer mitmachen will, erhält Infos im Internet unter www.metalza.de, per E-Mail an skte@gmx.de oder telefonisch unter 0163/14 27 129.
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