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Schüler tappen in die Sexting-Falle

Aufklärungsarbeit nötig Schüler tappen in die Sexting-Falle

Cybermobbing-Alarm auf Marburgs Schulhöfen: Pädagogen und Medienexperten warnen vor den Folgen eines gefährlichen Trend aus den USA, per Handy intime Bilder und Videos an Bekannte zu schicken.

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Sexy Posen von jugendlichen Schülern: An der Elisabethschule kursieren Sexting-Nachrichten auf Smartphones. Archivfoto

Quelle: Archivfoto

Marburg. Achtklässlerinnen, die auf Schnappschüssen nackt posieren, offenherzig Brust- und Intimbereich zeigen. Sich mittels Smartphone dabei filmen, wie sie sich selbst befriedigen. Aufnahmen, die auf dem Schulhof von Handy zu Handy wandern – und häufig im Internet landen. Abrufbar für jeden. Seit kurzem Wirklichkeit auch in Marburg. Nach OP-Informationen kursieren im Schulviertel zwischen Elisabethschule, Philippinum, Kaufmännischen Schulen und Waldorfschule Nacktfotos von Minderjährigen.  „Mir ist ein Foto bekannt, das an mehreren Schulen verschickt worden sein soll und das angeblich eine Schülerin zeigt“, bestätigt Tobias Meinel, Schulleiter der Elisabethschule.

Identität unklar

Allerdings  habe – so seine Information – die Schülerin nie die Elisabethschule besucht. Die Identität der auf dem Foto Abgebildeten – das in der Mittelstufe des Gymnasiums kursiert – sei
ohnehin unklar. Meinel und die Elisabethschule reagieren: Sexting ist in das Präventionskonzept der rund 1200 Schüler zählenden  Bildungseinrichtung aufgenommen worden. Workshops zum Umgang mit sozialen Netzwerken wie Whatsapp, Facebook und Co beginnen seit längerem bereits in der sechsten Klasse – auch Eltern werden laut Meinel in die Präventionsprojekte einbezogen.
An der 465 Schüler zählenden Freien Waldorfschule, die ebenfalls von Sexting-Fällen betroffen sein soll, weiß man nichts von kursierenden Nacktbildern. „Sollte solch ein Fall auftreten, würden wir mit den entsprechenden Schülern und  Eltern sprechen sowie mit der Schulgemeinschaft im Ganzen“, sagt Martin Jennemann, Mitglied der Schulleitung.
Fälle wie in Marburg seien keine Seltenheit mehr, sagen Experten.  „Sexuelle Gewalt, Cybermobbing generell wird zu einem immer größeren Problem“, sagt Silke Mahr von Wildwasser Marburg. Vor allem Mädchen sind die Opfer von Spott-Attacken im Internet. Dutzende? Hunderte? „Im Netz ist das nicht abzuschätzen, die Dunkelziffer ist hoch“, sagt Mahr. Der Landeselternbeirat schätzt, dass die Zahl der Betroffenen im dreistelligen Bereich liegt. Das Landeskriminalamt (LKA) berichtet von „Dutzenden von Fällen“ und einer „enorm hohen Dunkelziffer“.
Die Konsequenzen der unüberlegten Freizügigkeit können für die Jugendlichen dramatisch ausfallen: Wer sich auszieht, kann mit dem Ergebnis erpresst werden. „Oder hässliche, verletzende Kommentare via Internet ernten“, sagt Gesa Stückmann, Rechtsanwältin und Medienreferentin. Beschimpfungen, bei denen die Seele Schaden nehmen kann, befürchtet die zweifache Mutter.

Hilfsorganisation: „Sexting wird zum großen Problem“

„Vor allem Mädchen, wollen als sexy wahrgenommen werden. Kommt kein Lob, sondern Spott, leidet ihr Selbstbewusstsein“, sagt Anne Gladigau, Pädagogin im Dienst der städtischen Jugendförderung. Spott und Attacken im Netz bleiben nicht dort. „Auf dem Schulhof schlägt sich nieder, was im Netz passiert.“
Der aktuelle Jahresbericht der länderübergreifenden Stelle für Jugendschutz, jugenschutz.net, stützt den Eindruck der wachsenden Gefahr. Bei 53 000 in 2013 überprüften Webseiten und Einträgen in sozialen Netzwerken wie Facebook, Google plus oder Twitter wurde in knapp
11 000 Fällen gegen Jugendschutzgesetze verstoßen. Die häufigsten Verstöße: die Darstellung des sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen und sonstige Pornografie. Wildwasser weiß auch von den vermehrten Fällen an Marburger Schulen. „Oft sind Mädchen naiv, glauben, das Interesse eines Jungen mit intimen Fotos zu wecken“, sagt Mahr. Seien die erst verschickt, sei es vorbei mit der Kontrolle. „Finden sich solche Aufnahmen im Netz, ist es fast unmöglich, diese noch zu entfernen“, sagt Stückmann. „Das Internet vergisst nichts. Auch das nicht, was man irgendwann als Fehler einsieht“, ergänzt Mahr. Besonders problematisch: Zwischen dem, was strafrechtlich relevant und moralisch verwerflich ist, klafft eine Lücke. „Permanente Grenzüberschreitungen“, wie die Pädagogin es nennt, seien daher die Regel. Zunehmend entblößen sich auch Jungs vor ihrem Smartphone. Mutprobe, der Druck in der Clique: „Eine bedauerliche Vorbildwirkung.“ Das Problem seien die Erwachsenen, die sich als untaugliche Vorbilder präsentieren, ergänzt Gladigau. „Sie geben alles preis, posten Bikinifotos, üben vorm Spiegel den Topmodel-Vamp-blick“, sagt sie.

Aufklärung beginnt schon früh

Aber wehe, die Falschen sehen die Bilder. „In Bewerbungsphasen wird es dann richtig peinlich“, sagt Gladigau. In Marburg setzen viele Initiativen auf Aufklärung bereits in der Unterstufe. So, wie die betroffenen Schulen.  Komme es zu Sexting oder anderen Cybermobbing-Fällen, werden Klassen an der Elisabethschule „über die fatalen Folgen solchen Missbrauchs aufgeklärt und aufgefordert, entsprechende Inhalte sofort zu löschen“, sagt Meinel. Schüler, die sich am Missbrauch beteiligt haben, droht im Extremfall eine Strafanzeige. Auch Waldorfschulen-Leiter Jennemann verweist auf das interne Präventionskonzept.

von Björn Wisker

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