Volltextsuche über das Angebot:

20 ° / 7 ° wolkig

Navigation:
Schüler sagen Sexting den Kampf an

Cybermobbing Schüler sagen Sexting den Kampf an

Keine Chance für Sexting, Mobbing und Erpressung im Internet: Jugendliche an der Martin-Luther-Schule bringen ihren Altersgenossen den Umgang mit Facebook, Chats Whatsapp und Co. bei.

Voriger Artikel
Marburg bleibt (Tisch)-Fußballhochburg
Nächster Artikel
Sex-Attacke: Junge schlägt 18-Jährige

Nacktbilder auf dem Smartphone, Erpressung auf dem Schulhof? Die Jugendlichen David Schrader (links), Justus Gillmann, Melissa Wollenberg und Luisa Jacobs helfen ihren Mitschülern an der Martin-Luther-Schule beim sicheren Umgang mit Technik und Internet.

Quelle: Björn Wisker

Marburg. Luisa Jacobs kennt die Jugend-Trends. Sie weiß um die Verlockungen, die etwa Smartphones verheißen - und dass diese auch in Marburg immer häufiger im Massen-Mobbing enden. Mit David Schrader (13), Melissa Wollenberg (12) und Justus Gillmann (14) leistet die 14-Jährige an der Martin-Luther-Schule daher Pionierarbeit: Sie helfen Freunden und Mitschülern, die Opfer von Sexting und anderen Formen von Cybermobbing geworden sind. Denn: An den Schulen in der Universitätsstadt kursieren Nacktbilder, kommt es zu Drohungen, Erpressungen, Beleidigungen (die OP berichtete).

„Schon in der achten Klasse gibt es bei uns krasse Fälle“, sagt David. 650 Fragebögen haben die Jugendlichen in den vergangenen Wochen in die Klassen gegeben und ausgefüllt zurückbekommen. Sie haben viele Antworten von der 5. bis zur 9. Klasse ausgewertet. Die Analyse: „Ab Jahrgangsstufe neun gehen die Probleme so richtig los, da kann fast jeder von einem Vorfall berichten“, sagt Justus.

Tipps von Freunden sollen Fallzahlen eindämmen

„Eltern denken, dass ihren Kindern so etwas nicht passiert. Es sind immer die anderen, die Naiven oder Dummen, die solche Probleme bekommen. Weit gefehlt“, sagt Luisa. Nicht Belehrungen durch Erwachsene, sondern Tipps von Freunden sollen Exzessen vorbeugen, die Fallzahlen eindämmen. „Wenn Lehrer vor Gefahren warnen, nehmen junge Leute das nicht so ernst“, sagt Melissa. Beispiel Snap-Chat. Für Sekunden wird in dem Programm ein Bild angezeigt, dann löscht es sich automatisch. Scheinbar. Denn: „Alles, was man auf Handy oder Computer sehen kann, lässt sich auch speichern - und wer die Dateien sucht, findet sie auch, verwendet sie weiter“, erklärt Luisa.

„Die Schüler sollen agieren, in diesem sensiblen Bereich erreichen wir die jungen Leute kaum“, sagt Karl Göcke, Schulleiter. Sorgen bereiten den Pädagogen vor allem die wachsende Zahl von sogenanntem Cybergrooming - das Flirten von Erwachsenen mit Kindern im Internet. Nach Angaben des Bundeskriminalamts (BKA) schnellt die Zahl der sexuellen Missbrauchsfälle im World Wide Web seit Jahrenn in die Höhe, auf mehr als 750 in 2013. Die hessische Polizei ertappte bei gezielten Ermittlungen vor einem Jahr 39 Cybergroomer - Polizisten sprechen von einer hohen Dunkelziffer unentdeckter Fälle.

Justiz-Profis schulen Jugendliche

An der Marburger Schul-Kampagne beteiligt ist auch die Marburger Staatsanwaltschaft. Die Justiz-Profis schulen die Jugendlichen anhand echter Fälle aus dem Landkreis Marburg-Biedenkopf. So wie jener einer 16-Jährigen, die in einem Chat Dutzende Nacktbilder und vier Videos von sich an einen Erwachsenen schickte. Der mittlerweile verurteilte Mann erpresste das Mädchen, nachdem er ihr Bilder von seinem Penis sendete und von ihr - zwischen ein und drei Uhr nachts - Selbstbefriedigung vor der Kamera verlangte. „Das ist hier passiert, nicht irgendwo weit weg“, sagt Birgit von Bargen, Lehrerin und Initiatorin des Projekts.

„Das Internet ist mittlerweile der größte Tatort überhaupt“, sagt Hessens Justizministerin Eva Kühne-Hörmann (CDU) auf OP-Anfrage. Kinderpornografie, Sexting, Grooming: Hessen hat eine Bundesrats-Initiative zu deren Bekämpfung gestartet. Im Zentrum des Gesetzes, das bald im Bundestag debattiert wird, steht eine Verbesserung des Opferschutzes und der Bestrafung von Daten-hehlerei.

Rapper drehte mit Schülern Musikvideo

Politik kümmert die Cyber-Coachs wenig. Sie haben eine eigene Aufklärungs-Aktion gestartet: Mit dem 19-jährigen Shalau Baban alias Rapper „Maxolan“ und dem Woodvalley Movement Waldtal, haben Schüler ein Musikvideo gedreht. Baban rappt über die Verlockungen von Partys und Facebook, spricht von Liebe und den tückischen Fallen des Internets. „Nicht jeder Mensch auf Erden meint es immer gut, gebt auf euch acht, seid auf der Hut“, lauten die Worte im Refrain. „Diese Botschaft gefällt mir, es fiel leicht, den Text zu schreiben“, sagt der Musiker.

Die Vorreiterrolle der Marburger Schüler im Kampf gegen Cybermobbing inspiriert: Das Hamburger Landeskriminalamt will das Musikvideo für seine Präventions-Projekte haben, die Organisation Ecpat ebenfalls.

Auf zwei Jahre ist „Make IT Safe“ angelegt. Von Bargen hat das Projekt, das auf der Idee der internationalen Organisation „Ecpat“ fußt, an der MLS verankert. In Deutschland gibt es zehn „Make-IT-safe“-Gruppen - zwei davon am Marburger Gymnasium. Damit das Projekt nach Ablauf nicht versandet, werden die Jugendlichen eine Arbeitsgruppe an der Schule gründen, um das Hilfsangebot weiterführen zu können.

OP zeigt Video
Jugendliche der Martin-Luther-Schule haben ein Musikvideo zum Thema Cybermobbing gedreht, der Marburger Rapper „Maxolan“ schrieb den Text und singt das Lied. „Ein absoluter Ohrwurm“, sagt Lehrerin Birgit von Bargen . Am 9. April wird das Stück erstmals in der Schule gezeigt, live von „Maxolan“ und dem MLS-Chor vorgetragen. Die OP durfte schon reinhören und veröffentlicht den Song ab 10. April – via Internet-Link auf Facebook (Kanal Oberhessische Presse) und der Homepage (www.op-marburg.de).

von Björn Wisker

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr