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Schreckliche Reise führt in den Tod

NS-Zeit in Riga Schreckliche Reise führt in den Tod

Die Verbrechen des NS-Regimes machten auch vor Marburg nicht halt: Am 9. Dezember 1941 wurden mehr als 250 Juden aus dem Landkreis in das lettische Riga deportiert. Eine erschütternde Dokumentation zeigt die Zustände im Ghetto.

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Die Tafel mit der Aufschrift „Marburg“ ist zur Erinnerung an die Deportation in der Gedenkstätte Bikernieki bei Riga angebracht.

Quelle: Geschichtswerkstatt

Marburg. Mindestens 43 Juden aus Marburg und mehr als 250 aus dem gesamten Landkreis sind während des Zweiten Weltkriegs nach Riga deportiert worden. Fast alle erlebten das Ende des Krieges nicht. Eine von ihnen war Irma Beck. „Grüßen Sie mir Ihre Frau und alle Bekannten in Marburg. Ich werde die Heimat wohl nicht wiedersehen“ - Diese Worte der Jüdin Beck sind die einzigen, die durch den in der Baugruppe „Organisation Todt“ eingesetzten Marburger Heinz Jacobi aus dem Ghetto in Riga heraus überliefert sind. Es ist somit der einzige Anhaltspunkt dafür, dass auch Menschen aus Marburg von den Vorgängen in Riga gewusst haben.

Der Filmemacher Jürgen Hobrecht zeigt nun in seinem Dokumentarfilm „Wir haben es doch erlebt...“ die schockierenden Zustände im Ghetto und das Martyrium vieler Menschen, die in Riga ein grausames Schicksal erlitten. Auch die akribische Planung der massenhaften Deportation wird in der Dokumentation thematisiert.

Im Oktober 1941 hatte das Dritte Reich damit begonnen, eine systematische Deportation der Juden in den Osten durchzuführen. Die aus Marburg verschleppten Juden kamen dabei zunächst nach Kassel, von wo aus sie am 9. Dezember 1941 gemeinsam mit ihren Glaubensgenossen aus ganz Nord- und Mittelhessen nach Riga gebracht wurden. Einige Tage zuvor waren sie über ihre „Umsiedelung“ informiert und aus ihren letzten Wohnungen, den sogenannten „Ghettohäusern“ geholt worden. Nun wurden sie auf eine „Reise“ unter schrecklichen Bedingungen geschickt, bei der sie eng aneinander gepfercht in den Waggons ausharren mussten.

Schon in den Jahren zuvor waren Juden immer wieder Opfer von Schikane und Sadismus geworden. Schon kurz nach der „Machtergreifung“ begann der landesweite Boykott jüdischer Geschäfte, am 9. November 1938 gipfelten die Feindseligkeiten in der „Reichspogromnacht“. In Marburg wurden die wenigen, die noch nicht geflüchtet waren, ebenso wie andernorts in beengten Unterkünften einquartiert. Zu den Deportierten des Dezembers 1941 gehörte unter anderem die Familie Marxheimer, deren Geschichte die Tragik verdeutlicht. Leopold und Thekla Marxheimer waren erst 1938 mit ihrer Tochter Ruth aus Bad Schwalbach nach Marburg gekommen. Seit 1933 war es auch in ihrem Heimatort zu Boykottaktionen gegen Juden gekommen, von denen auch die Familie des ehemaligen Stadtverordnetenvorstehers betroffen war. Thekla Marxheimer, die 1906 bis 1910 die Elisabethschule besuchte, erhoffte sich diese Möglichkeit auch für ihre Familie. Aufgrund eines Erlasses des Reichskultusministeriums war Ruth der „normale“ Schulbesuch jedoch niemals möglich. Familie Marxheimer teilte das Schicksal vieler anderer Juden und wurde in Riga, beziehungsweise im Konzentrationslager Stutthof ermordet.

Massaker an 27000 lettischen Juden

Aufgearbeitet wurde die Geschichte der Marburger Juden in der hiesigen Geschichtswerkstatt unter anderem durch Walter Bernsdorff. Seine persönliche Familiengeschichte motivierte ihn dazu, Nachforschungen anzustellen. „Mein Vater muss davon gewusst haben, hat aber nie etwas erzählt“, sagt er und meint die Vorgänge, die sich Ende des Jahres 1941 im Ghetto von Riga abspielten. Der Vater war als Dolmetscher in Riga gewesen, als im Oktober dieses dritten Kriegsjahres etwa 27000 lettische Juden ermordet wurden, um Platz zu schaffen für Neuankömmlinge aus Deutschland.

Im vergangenen Sommer reiste Bernsdorff nach Riga und erlebte dort eine „persönliche Genugtuung“. Bei der Gedenkstätte in Bikernieki nahe der Stadt sah er den Namen der Stadt Marburg als eines von 43 Ortsschildern angebracht. Die Stadt Marburg war im Jahr 2012, auf Betreiben der Geschichtswerkstatt, dem „Riga-Komitee“ beigetreten, dessen Zweck es ist, an die Deportation in die heutige Hauptstadt Lettlands zu erinnern. Seitdem ist die Tafel dort zu sehen. Für den Film von Jürgen Hobrecht kamen aus Marburg insgesamt 2500 Euro an Spenden zusammen.

Der 98-minütige Film läuft am Sonntag, 24. November, um 14 Uhr in der „Kammer“ am Steinweg. Zur Einführung werden Stadträtin Dr. Kerstin Weinbach (SPD), Filmemacher Hobrecht und Bernsdorff sprechen. Im Anschluss besteht die Möglichkeit zur Diskussion. Der Eintrittspreis beträgt 5 Euro. Zudem wird um Spenden für den Hilfsfonds für lettische Holocaust-Überlebende gebeten.

von Peter Gassner

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