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Schon einmal gab es in „Cappel“ ein Lager

Marburg in alten Bildern Schon einmal gab es in „Cappel“ ein Lager

Katharina Knobel (79) sagt: „Als das Zelt-Camp für die Flüchtlinge aufgebaut wurde, kam mir sofort die Erinnerung an früher wieder hoch.“

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Die Bilder zeigen die beiden Eingänge zum amerikanischen Gefangenenlager in Cappel. Dort lebten Kriegsgefangene, die 1945/1946 entlassen werden sollten – nur wenige hundert Meter von der Stelle entfernt, an der heute Flüchtlinge untergebracht sind.

Quelle: Arbeitskreis Alt Cappel

Cappel. Was die Ur-Cappelerin meint, sind die Errichtung und der Betrieb des Entlassungslagers für Kriegsgefangene 1945. Es lag nur wenige Meter entfernt vom heutigen Flüchtlingscamp: Begrenzt von der Bahnlinie im Westen, den „Langhäckegroawe“ im Norden“ (die heutige Südspange), die alte Linde an der Kreuzung Beltershäuser Straße und von einer diagonalen Linie quer durch das heutige Gewerbegebiet „Im Rudert“ wieder bis zum heutigen Tierheim an der Bahnlinie.

Monatelang lebten dort mehrere 1 000 Menschen in Zelten, amerikanische Kriegsgefangene, die zum überwiegenden Teil wieder in ihre Heimat wollten.

Schon damals, erinnert sich Katharina Knobel, haben sich die Cappeler über den Müll aufgeregt, der rings um das Lager entstehe und liegenbleibe, und es gingen wilde Geschichten über die Gefangenen um.

Für Katharina Knobel und ihre Schwester war das Kriegsgefangenenlager Fluch und Segen zugleich: Fluch, weil das Lager ihr Wiesengrundstück im Rudert in der Mitte durchschnitt. „Wenn wir Gras schneiden wollten für unsere Ziegen, mussten wir durch das Lager durch“, erinnert sich Knobel.  Immerhin: „Wir durften rein und haben gemerkt, dass dort ganz normale Menschen waren.“

Segen war das Lager für Familie Knobel deswegen, weil es einen Teil ihres Auskommens sicherte. Die Mutter wusch für die amerikanischen Offiziere, und die damals neunjährige Katharina und ihre Schwester brachten die Wäsche ins Lager.

Aus der Lagerküche brachten die beiden Mädchen „Gespül“ mit nach Hause – Abfall, mit dem die Schweine gefüttert wurden.

Die Gefangenen, teils schwer kriegsversehrt, erregten vielfach das Mitleid der Cappeler. In seinem Buch „Alt Cappel“ berichtet Bernhard Herrmann, dass im „Theaterzelt“ innerhalb des Lagers ein Unterhaltungsprogramm für die zu entlassenden Soldaten angeboten wurde.

Als ein Blitz die Linde an der Beltershäuser Straße fällte, rückten Lagerbewohner mit Axt und Säge dem Stumpf zu Leibe. „Der stolze Baum wurde zu Brennholz gemacht“, erinnert sich Katharina Knobel.   

Viele entlassene Soldaten sind übrigens nicht in ihrer Heimat zurückgegangen, sondern in Cappel geblieben. Sie engagierten sich in Vereinen, in der Freiwilligen Feuerwehr oder in der örtlichen Politik.

von Till Conrad

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