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Schokoladenliebhaber und Fußballfan

Vaupels Abschied Schokoladenliebhaber und Fußballfan

Tschüss, Egon Vaupel: Fast zwei Jahrzehnte tummelte sich der OB auf dem politischen Parkett an vorderster Stelle. Da gab es auch Raum für Begegnungen am Rande, über die vier Redakteure nachfolgend ganz persönlich berichten.

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Der damalige Bürgermeister Egon Vaupel im Dezember 2000 im Schutzanzug beim Fackeltauchen der DLRG: An seine Amtszeit erinnern nicht nur politische Entscheidungen, sondern viele Begebenheiten am Rande.

Quelle: privat

Marburg. Das Zusammentreffen von Politikern und Journalisten ist nicht immer ganz einfach: Es ist geprägt davon, dass man die Balance zwischen zu viel Nähe und zu großer Distanz finden muss. Über persönliche Erinnerungen im langjährigen Umgang mit dem scheidenden Oberbürgermeister schreiben vier OP-Redakteure:

Anna Ntemiris:

Es war seine erste öffentliche Rede, die er im November 1997 als neu gewählter Bürgermeister halten sollte. Es war mein erster Termin für die Nachrichtenredaktion der OP. Egon Vaupel und ich hatten uns das Stichwort Haupt-friedhof in den Kalender notiert. Überpünktlich trafen wir am Volkstrauertag am Eingang in der Ockershäuser Allee ein. Wir waren zu früh, daher wunderten wir uns zunächst nicht, dass wir allein waren. Dann beschlossen wir, zum Denkmal zu laufen. Es war kalt, dunkel, und es fing an zu regnen. Wir kamen natürlich an vielen Gräbern vorbei, die Stimmung alles andere als schön. Wir wurden unruhig, weil der Zeitpunkt der Kranzniederlegung immer näher rückte, ein Denkmal aber in weiter Ferne war.

Dennoch war die Begegnung intensiv, tiefgründig; Egon Vaupel teilte mir seine Gedanken mit, sprach über den Tod und die Trauer. Er wurde persönlich – wir kannten uns ja nicht –, ohne distanzlos zu sein. Während wir weiter den Weg suchten, sprachen wir, die damals 20-jährige Reporterin und der 47-jährige neue Politiker, über Gott und die Welt. Wir fanden viele Themen, aber verloren jegliche Orientierung. Smartphones mit ihren Navis gab es damals noch nicht. Die Nervosität stieg, Egon Vaupel fing an zu rauchen. Auch wenn er es nicht direkt aussprach, spürte ich, dass ihm das Ganze unangenehm war. Ich rechnete damit, dass er mich bittet, die Begebenheit zu verschweigen. Doch er bewies Größe, indem er seinen Fehler – der richtige Friedhofseingang war der an der Hohen Leuchte – offen zugab. Heute kann ich sagen: keine Selbstverständlichkeit im öffentlichen Leben. Gefühlt ein Jahr lang begrüßte mich Vaupel stets mit dem Hinweis, dass er dieses Mal ja den Ort gefunden habe und pünktlich sei.

 

Michael Arndt:

Mit dem scheidenden Oberbürgermeister verbindet mich eine Vorliebe für Naschwerk aller Art – vor allem Gummibärchen und Schokolade. Deshalb erinnere ich mich gerne an Sitzungen des Stadtparlaments Anfang dieses Jahrhunderts. Vaupel, damals noch Bürgermeister, ließ, obwohl gleichzeitig eine Redeschlacht tobte, seine Magistratskollegen kurzzeitig im Stich und gesellte sich zu uns pflichtbewusst protokollierenden Pressevertretern – um uns großzügig an seinem Schokoladenvorrat teilhaben zu lassen. Den hatte er damals dabei, um Entzugserscheinungen zu bekämpfen – Vaupel hatte mit dem Rauchen aufgehört.

 

Manfred Hitzeroth:

Fußballfans haben immer schnell eine gemeinsame Gesprächsbasis. Wobei: Es gibt natürliche Hindernisse in Form der jeweiligen Lieblingsclubs, die nicht immer kompatibel sind. Ich bekenne, dass ich als gebürtiger Münchener seit Jahrzehnten eingefleischter Bayern-Fan bin. Als solcher bin ich für den bekennenden Schalke-Fan Egon Vaupel nicht der beliebteste Gesprächspartner, obwohl er so etwas schon von seinem langjährigen Fahrer Jürgen Nix kennt.

Sehr viel mehr Pluspunkte habe ich beim OB allerdings durch meine schwarze Mütze mit dem Aufdruck „BSG Wismut Aue“ gesammelt. Dass ich den „Wismut“-Club Erzgebirge Aue mittlerweile als Anhänger ins Herz geschlossen habe, verbindet mich mit Egon Vaupel. Schließlich haben beide das „Steiger-Lied“ („Glückauf, der Steiger kommt“) an oberster Stelle der Fan-Lieder und sind in ursprünglichen Bergbau-Regionen zu Hause. Zudem stammt die Tafel im Auer Stadion im Lößnitztal ursprünglich aus der alten Glückauf-Kampfbahn der Schalker, wie mir der Oberbürgermeister verraten hat.

Das schweißt zusammen. Und so will ich mich auf fußballerischem Weg von Egon Vaupel verabschieden: und zwar mit der zweiten „Wismut“-Vereinshymne und dem Gruß aus dem Erzgebirge: „Zwei gekreuzte Hämmer, und ein großes W: Das ist Wismut Aue, unsere BSG. Wir kommen aus der Tiefe, wir kommen aus dem Schacht, Wismut Aue, die neue Fußballmacht.“

 

Till Conrad:

Als Egon Vaupel gerade zum Bürgermeister und Sportdezernenten gewählt war, kamen wir – ich habe damals in der Sportredaktion der OP gearbeitet – natürlich zunächst über Sportthemen ins Gespräch. Als damals deutlich jüngere – und was mich betrifft, deutlich schlankeren – Menschen waren wir beide versucht, dem anderen mit der vermeintlichen (oder tatsächlichen) sportlichen Leistungsfähigkeit zu beeindrucken.

In irgendeinem Zusammenhang – es könnte die neue Tartanbahn im Georg-Gaßmann-Stadion gewesen sein – kam es zu einer Wette: Wer läuft die 100 Meter schneller? Beide – der Bürgermeister und der Sportredakteur – behaupteten, weniger als 15 Sekunden zu brauchen. Nicht gerade Weltrekord, aber immerhin. Kurz und gut, es kam im Georg-Gaßmann-Stadion zum Showdown. Unter Zeugen. Der Vergleich endete wie das Hornberger Schießen: ohne Ergebnis. Vaupel verletzte sich wenige Meter nach dem Start, konnte nicht weiterlaufen, und wir haben nie wieder versucht herauszufinden, wer der Schnellere von uns beiden ist.

von Anna Ntemiris, Michael Arndt, Manfred Hitzeroth und Till Conrad

 
Ultimative Fragen

Mundart ist eines Ihrer Markenzeichen. Hat die sprachliche Färbung Sie jemals behindert, etwa bei Verhandlungen auf Landes- oder Bundesebene?
Vaupel: Mir machte das anfangs große Probleme, als ich nach Marburg kam. Da gab es einige unangenehme Situationen. Irgendwann habe ich mir aber gesagt, dass ich eben ich bin. Überregional hatte meine Rede-Art aber den schönen Vorteil, dass viele dachten, ich komme aus dem Sauerland, also näher an Gelsenkirchen.

Gelsenkirchen, da ist es wieder. Wie kann man als Hesse ausgerechnet Fan von Schalke 04 werden?
Vaupel: Als Sozialdemokrat ist es klar, Anhänger eines Arbeitervereins zu sein. Zudem war Schalke der erste Klub, der seine Nazi-Vergangenheit aufgearbeitet hat. Na ja, eigentlich war an der Entwicklung auch mein SPD-Großvater schuld. Ich mochte ja Spieler wie Uwe Seeler, aber da sagte mein Opa, dass wir nicht für so Bürgertums-Vereine wie Hamburg sind.

In welchem Geschäft, das es in Marburg nicht gibt, würden Sie gerne einkaufen?
Vaupel: Peek und Cloppenburg. Aber vielleicht kriegen wir die ja hier noch her.

Wo machten Sie Urlaub?
Vaupel: Bis auf Australien habe ich alle Kontinente bereist, aber in meiner Zeit als OB war ich nie mehr weit weg von meinem Baby Marburg. An der Nordsee, meistens.

... allerdings nicht, wenn dort vor einem Hotel eine Fahne von Borussia Dortmund gehisst war.
Vaupel (lacht) : Ja, stimmt, das war damals unter aller Sau! Meine Frau buchte ein gutes Hotel, aber als ich das mit der Fahne erfuhr, die sie dann egal wie hängen lassen wollten, habe ich den Urlaub umgebucht.

von Björn Wisker

 
 Was verbinden Sie am stärksten mit Egon Vaupel und seiner Amtszeit?

Manfred Förster (48):

Es gibt seit Jahren immer weniger Parkplätze und das Autofahren wird einem so schwer gemacht, wie es nur möglich ist. Was in der Nordstadt gerade passiert, die Auswirkungen dieser Verkehrspolitik, merkt man als normaler Mensch.“

Manfred Grölz (65):

„Für mich ist Egon Vaupel einer der letzten wahren Sozialdemokraten. Er hat sich gekümmert, sportlich, schulisch und auch im Bezug auf die Flüchtlinge. Er war immer ansprechbar. Mir persönlich tut es leid, dass er aufhört Aber ich kann es verstehen.“

Frank Vömel (50):

„Egon Vaupel hat ein Herz über Marburg gesetzt und Brücken gebaut. Im metaphorischen wie auch im wörtlichen Sinn. Er hat schließlich mit Herz „regiert“ und über den Lahn und zwischen den Menschen Brücken gebaut.“

Elisabeth Müller (89):

„Dass er in diesen schlimmen Zeiten viel für Flüchtlinge tut, dass die Menschen hier so gut leben können wie möglich, freut mich sehr. Ich habe mit meiner Familie nach dem Zweiten Weltkrieg selbst erlebt, wie schlimm so eine Situation ist.“

Ingolf Minge (51):

„Er ist eine Erscheinung, im wahrsten Sinne des Wortes. Denn ihn hat man immer in der Stadt getroffen. Man hatte das Gefühl, er ist noch im echten Leben, macht Politik nicht vom Schreibtisch aus, ist kein Berufspolitiker, sondern Mensch.“

Umfrage/Fotos: Björn Wisker, Rike Werner

 
 
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