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Schockiert, traurig und fassungslos

Gedenken an Terror-Opfer Schockiert, traurig und fassungslos

Mahnwache, Schweigeminute, Solidaritätsbekundungen: Auf dem Marburger Marktplatz, in Schulen und Behörden ist am Montagabend der Terror-Opfer in Paris gedacht worden.

Etwa 250 Menschen gedachten auf dem Marburger Marktplatz der Opfer der Terror-Nacht von Paris.

Quelle: Björn Wisker

Marburg. Wegen Prüfungen war die Schweigeminute an der Elisabethschule auf 10 Uhr vorgezogen worden. Schulleiter Tobias Meinel hatte einen Text für das Kollegium vorbereitet, den die Lehrer in den Klassen vorlesen konnten.

Auch Muslime folgten dem Aufruf zur Mahnwache.

Die Schüler hätten eine „hohe Betroffenheit“ gezeigt und reagierten „auch mit Sprachlosigkeit auf die schrecklichen Nachrichten aus Paris“, sagte Meinel im OP-Gespräch.

„Wir wissen ja nicht, was in den Elternhäusern besprochen wird“, sagte er und ergänzte, dass die Schule für Kinder und Jugendliche deshalb ein wichtiger Ort sei, an dem das Thema aufgearbeitet werden könne. In dieser Situation sei es besonders wichtig, den Kindern genau zuzuhören, um ihre möglichen Ängste aufzunehmen.

Die Schule bemühe sich zugleich um „eine Versachlichung des Themas, das auch nicht mit der Flüchtlings- und Asyldebatte vermischt werden darf“, sagt Meinel. Auf einer Stellwand in der Pausenhalle hatten die Schüler neben der Besprechung im Unterricht eine Gelegenheit, ihre Meinungen und Empfin­dungen zu den Terroranschlägen in Worte zu fassen.

Als auch nach außen sichtbares Zeichen der Solidarität mit den Opfern hatte die Elisabethschule halbmast geflaggt.

Rund 250 Teilnehmer trauerten am Montagabend auf dem Marktplatz still um die Toten und Verletzten in Frankreich.

„In unruhigen Zeiten leben wir, aber ich kann die Stänkerei christlich-sozialer Art nicht mehr hören. Die, die Hass säen, zwischen den Religionen, den Menschen“, sagte Oberbürgermeister Egon Vaupel (SPD). Zerstörung und Wut setze man ein anderes Leitbild gegenüber: Liebe, Mitgefühl, Frohsinn, Freiheit und Gemeinschaft. „Und mit Abscheu schauen wir auf die Barbaren, die einfach Mörder sind.“

„Schockiert, traurig, fassungslos sind wir, dass wieder mal im Namen des Islam gemordet wurde“, sagte Dr. Hamdi Elfarra von der Islamischen Gemeinde Marburg. „Wer ein Herz hat, ist ein Mensch - doch wer gegen die Menschheit, das Menschliche kämpft, hat kein Herz, ist kein Mensch“, sagte er. Weder die Freiheit noch die Lebensweise werde man sich in Europa nehmen lassen. „Muslime kämpfen dafür, es wird von den Terroristen auch Krieg gegen den Islam geführt.“

Menschen nicht unter Generalverdacht stellen

„Religion ist oft genug kein Frieden, machen wir uns nichts vor“, sagte Dekan Burkhard zur Nieden. Jedoch könnten Gläubige, egal ob Christen, Muslime, Juden oder anderer Religionen, allen Fanatikern entgegentreten: „Das, rufen wir euch zu, ist nicht unser Gott, nicht unser Glaube, egal, wie sehr ihr glaubt im Namen Gottes zu handeln.“

Es sei Zeit, „mit den Klischees aufzuhören, dass es einen Islam, ein Christentum gibt. Alles ist stets ein Gemisch von Einflüssen“, sagt er. „Etikett auf Menschen machen und sie unter Generalverdacht stellen, das können, das dürfen wir uns nicht mehr leisten.“

„Wir können von hier aus nicht direkt helfen, aber wir können mit jedem Licht ein Zeichen setzen“, sagte Eva Gottschaldt, Mit-Organisatorin der Gedenkfeier.

Mit Ausnahmezustand wächst Angst vor Krieg

Die Schüler der Elisabethschule hatten nach der Terror-Nacht von Paris Plakate und Poster selbst gestaltet. Alleine oder in kleinen Grüppchen standen sie in der Pausenhalle vor den Stellwänden, lasen, was ihre Mitschüler geschrieben hatten, suchten ihren eigenen Eintrag. Die Schüler beschäftigte sichtlich, was sich am Freitagabend in Paris abgespielt hatte. Bei einer Umfrage der Oberhessischen Presse äußern einige ihre Gedanken und Sorgen.

Khaldoun Baroudi (18) : „Es war eine große Erschütterung, ich habe überhaupt nicht mit so etwas gerechnet. Ich habe das Länderspiel geschaut und dachte, der Knall wäre ein Böller gewesen. Dann kamen immer mehr Meldungen, und als erläutert wurde, wie detailreich die Planungen für die Anschläge waren, hat das für einen großen Schauer gesorgt. Auf jeden Fall wird das verheerende Auswirkungen haben. Positiv ist aber, dass die Kanzlerin an der Flüchtlingspolitik festhalten will. Ich finde es auch gut, dass das Freundschaftsspiel gegen die Niederlande stattfindet. Das ist ein positives Symbol.“

Chris Nacke (20): „Als ich über Facebook von dem Anschlag erfahren habe, war mein erster Gedanke: ‚Oh Gott, jetzt trifft es uns‘. Anfangs war das alles noch ganz weit weg, bis die Terrorgruppen dann Frankreich angegriffen haben. Und alle schieben es jetzt auf die Flüchtlinge, aber das ist auch nicht richtig. Natürlich steht jetzt die Frage nach dem ‚Warum‘ im Raum. Ich habe viel darüber nachgedacht. Der IS hat eine ganz andere Religion, da herrschen andere Werte. Wir sehen die Terrorgruppen als Angreifer. Aber die Terrorgruppen sehen uns als Angreifer.“

Moritz Fischer (18): „Es kann nicht sein, dass man direkt mit Krieg antwortet und dort genauso viel Angst und Schrecken auslöst wie der IS hier. Auch dass die Grenzen geschlossen werden, ist schlimm, denn die Flüchtlinge flüchten doch genau davor. Der ganze Facebook-Hype ist überflüssig. Damit wird das erreicht, was der IS will.“

Hanna Brand (17) und Johanna Aschenbach (18): „Das war ein Schock. Schon wieder war Frankreich betroffen, schon wieder war der Terror näher an Deutschland. Ich verstehe nicht, wie Menschen dazu kommen, sich selber und andere in die Luft zu sprengen. Wie kann man damit leben, andere auf dem Gewissen zu haben?

Jetzt, wo Hollande den Ausnahmezustand ausgerufen hat, steigt die Angst vor einem Krieg. Die Wellen in sozialen Netzwerken waren überwältigend, allerdings nicht nur positiv. Die Solidarität durch einen Hashtag oder ein Profilbild auszudrücken, verbessert die Situation nicht. Genauso ‚Pray for Paris‘: Wenn wir jetzt noch mit unserer Religion ankommen, dann hilft das niemandem.

Die ganze mediale Präsenz ist kontraproduktiv. Das Ziel des IS war es, viel Aufmerksamkeit zu bekommen, und das haben sie geschafft.“

von Björn Wisker, Rike Werner und Frank Rademacher

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