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Schnulzen zum Schmachten

Philipp Poisel Schnulzen zum Schmachten

Wenn er singt, schließt er die Augen. Lässt die dahinschmelzenden Blicke seiner Fans nicht durch. Singer-Songwriter Philipp Poisel überraschte Marburg mit einem spontanen Konzert im KFZ.

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Quelle: Florian Gaertner

Marburg. Es gab eine Zeit, in der ein Feuerzeug zur Konzert-Grundausstattung gehörte. Licht aus. Herz auf. Feuerzeug an. Heute klammern sich die Hände um Mobiltelefone. Verzweifelt bemüht, den Konzertmoment einzufangen. Nicht unbedingt für die Ewigkeit, aber für ein paar Klicks im Sozialen Netzwerk. Für ein paar „Ahhhs“ und „Ohhhs“ im Freundeskreis. Singer-Songwriter Philipp Poisel blickte am Montagabend bei seinem Überraschungskonzert im KFZ gleich in ein Meer von Handykameras. Gezückte Technik, verzückte Besitzer. Meist weiblich. Anfang bis Mitte zwanzig. Textsicher. „Liebe“ in ihrer schönsten und schlimmsten Form scheinen sie alle schone einmal erlebt zu haben. Anders sind die Tränen nicht zu erklären, die schon nach wenigen Akkorden kullern. Anders nicht das beseelte Grinsen zu verstehen, das sich, Reihe für Reihe, auf die Gesichter der Konzertbesucher legt. Breiter, breiter, immer breiter wird es. Knapp 250 Besucher drängen sich dicht an dicht vor der Bühne. Morgens wussten sie noch nicht, dass sie abends auf dem Konzert stehen würde. Poisel ist gerade auf Hessen-Überraschungstour.

Konzert auf der Staumauer des Edersees

Begleitet wird er dabei von dem Radiosender Hr3. Alles ganz spontan. Alles ganz zwanglos – wie sein Manager Ralf Schroeter versichert. Der Philipp sei sowieso ein ganz entspannter. Keine Star-Allüren. Ein Arbeitstier. Einer, der sich auf die Begegnung mit seinen Fans freue. Und einer, der an diesem Abend schon einen Auftrittsmarathon hinter sich hat. In Kassel in einer niegelnagelneuen Schul-Turnhalle hat er schon gespielt. So neu sei die gewesen, „dass wir erst mal gucken mussten, ob da Strom auf den Steckdosen ist“, so Schroeter. Auf der Staumauer des Edersees habe er gesungen. Und nun im KFZ in Marburg.

Die Fans haben erst wenige Stunden vor dem Konzert von dem Auftritt erfahren. Über das Radio und die Internetseite der Oberhessischen Presse. Verbreitet hat es sich wie ein Lauffeuer. „Eine Freundin hat mich angerufen und mir davon erzählt. Danach ist nicht mehr viel an meiner Diplomarbeit passiert“, gesteht der 29-jährige Sebastian Gärtner. Stattdessen hat er eine Telefon-Rundruf-Aktion gestartet. Freunde eingeladen, die kleine Schwester extra aus Mainz her zitiert. Auch Katharina Pawlik (26) gehört zu denen, die sofort gehandelt haben, als sie von dem Marburg-Besuch ihres Lieblingsmusikers erfahren hat. „Ich bin direkt von der Arbeit losgefahren“, erzählt sie. Steht jetzt in der ersten Reihe. Könnte sogar die Schuhe des Sängers berühren – wenn sie denn wollte. Will sie aber nicht. Hat keine Hand frei. Schließlich muss sie mit der Handykamera filmen.

"Wir müssen draußen bleiben": Fans stehen vor verschlossener Tür

Philipp Poisel indes, der entspannte Musiker, wie sie in Backstage nennen, erzählt und singt mit typisch nasalem Ton  von Liebe und Enttäuschung. Die Fans mögen das. Diese melancholisch-poetischen Texte. Diese gefühlvolle, unverwechselbare Stimme, die aus dem sonst so verwechselbaren Poisel kommt. Gefühl pur, Musik pur. Kein großer Technikaufwand. Keine aufwendige Lichtshow. Hier zählt das gesungene Wort. Im KFZ herrscht Harmonie, draußen Enttäuschung. Knapp zwanzig Fans stehen vor verschlossener Tür.

Sie haben den Aufruf zu spät gehört. Kamen nicht mehr rein. Charlene Andert (18) hat extra ihre Freundinnen zusammengetrommelt, ist aus Amöneburg angefahren. Vielleicht hat eine von ihnen zu lange im Bad gebraucht. Haare glätten, Wimperntusche auftragen, Musiker beeindrucken. Vielleicht war es schlichtweg nur Pech, dass sie nicht mehr rein kamen. „Ich könnte weinen“, sagt Charlene und zieht einen Schmollmund.

Philipp Poisel kriegt von dem Frust nichts mit. Er spielt eine Zugabe. Und noch eine. Und noch eine. Irgendwie scheint er sich wohl zu fühlen bei seinem Spontankonzert. Erst wenige Minuten vor dem Auftritt hat er sich mit dem Marburger Gitarrist Andie Mette (OP berichtete im Rahmen der Serie „Einer von hier“) auf die Liedauswahl verständigt. Ein glückliches Händchen haben die beiden bewiesen. Die richtige Mischung aus Liebe und Schmerz.

Zugaben gibt er, Autogramme nicht. Nach knapp einer Stunde sitzt Philipp Poisel bei einem Bier mit seinen Kollegen zusammen. Schnauft durch. „Auf ein großes Konzert bereitet man sich ausgiebiger vor. Bei so einer Aktion kommt man wieder zu seinen Ursprüngen zurück“, sagt er. Normalerweise ist er gleich mit mehreren Bussen, einer ganzen Crew und einer Horde Musiker unterwegs. „Die Leute so direkt vor sich zu haben, das ist eine ganz andere Atmosphäre. Einfach mit Gitarre und Mikro auf die Bühne zu gehen, das ist schön“, sagt er fast schon verwundert und fügt ein bisschen wehmütig hinzu: „Die Atmosphäre war ganz anders. Es war ungewohnt noch einmal so zu spielen. Obwohl die meisten Lieder ja genau so entstanden sind. Einfach auf einer Gitarre.“

Zusatzkonzert vorm Hörsaalgebäude

Poisel wird seine Tour durch Hessen noch bis Samstag fortführen. Wird in den verschiedensten Städten auftauchen, spielen und wieder abreisen. Schneller Auftritt, noch schnellerer Abgang. In Marburg ließ sich der Künstler ein bisschen mehr Zeit. Mit einem Spontankonzert überraschte er am Dienstagmorgen die Studierenden der Philipps Universität. Ein bisschen schwofen und schmachten statt pauken – eine willkommene Abwechslung.

Nur ein Fan ist trotz der Harmonie und Liebesschwüre, die Philipp Poisel in seinen Texten transportiert, einfach nicht zu versöhnen Charlene Andert, die 18-jährige Schülerin aus Amöneburg, schmollt weiter: „Spontan ist schön. Nur spontan hab ich keine Zeit. Wenn er vorm Hörsaal singt, sitze ich schon wieder in der Schule.“

von Marie-Lisa Schulz

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