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Schlusslicht bei den Milchpreisen

Landwirtschaft Schlusslicht bei den Milchpreisen

Die Agrarpolitik und die Situation der heimischen Landwirte standen bei der Mitgliederversammlung des Kreisbauern­ver­bandes am Samstag in der Lahnfelshalle auf dem Programm.

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Vorsitzender Erwin Koch (links) und Geschäftsführerin Anja Püchner (rechts) mit den wieder- und neugewählten Vorstandsmitgliedern (von links): Johannes Wagner, Heinz-Wilhelm Trümner, Walter Müller, Stefan Lölkes, Jens Eidam und Ulrich Zick.

Quelle: Andreas Schmidt

Goßfelden. Die Versammlung fand erstmals nicht als Delegiertenversammlung statt. Somit könne man 113 stimmberechtigte Mitglieder begrüßen, „das ist eine Steigerung zu früher“, freute sich der Vorsitzende des Kreisbauernverbands, Erwin Koch. Er stellte auch die neue Geschäftsführerin des Verbands vor: Anja Püchner, 43 Jahre alte Diplom-Agraringenieurin, hatte bereits Ende vergangenen Jahres Karl-Heinz Hamenstädt abgelöst. Dieser hatte das Amt fast 37 Jahre inne - dafür würdigte Koch ihm. Der neuen Geschäftsführerin steht künftig ein Jurist zur Seite: Christian Klüter wird einmal wöchentlich eine juristische Sprechstunde anbieten.

In seinem Grußwort stellte Landrat Robert Fischbach (CDU) klar: „Wie wichtig die Landwirtschaft für die Produktion von gesunden Nahrungsmitteln ist, haben wir gerade in den letzten Wochen wieder hinlänglich erfahren“. Die wichtige Rolle der Landwirtschaft und ihre hohe Verantwortung lägen darin, „dass hochwertige Nahrungsmittel in unserem Land produziert werden. Daher müssen auch die Preise dieser hohen Verantwortung angepasst sein.“ Es könne nicht sein, dass die Preise für Lebensmittel immer weiter in den Keller gingen.

In seinem agrarpolitischen Bericht zur Situation der Land­wirte hob Vorsitzender Koch hervor, dass in den vergangenen 18 Jahren bundesweit mehr als 800000 Hektar landwirtschaftliche Nutzfläche verloren gegangen seien. „Das sind fast neun Prozent der gesamten Ackerfläche“, verdeutlichte Koch. Auch die Vertriebsstrukturen würden sich rasant ändern, die Milchpreise entwickelten sich dramatisch. „Hessen ist bei den Milchpreisen absolutes Schlusslicht“, so Koch. Die Viehbestände hätten sich um rund ein Fünftel reduziert, und ein Drittel der landwirtschaftlichen Betriebe habe im vergangenen Jahr nicht nur keinen Gewinn erwirtschaftet, sondern sogar Eigenkapital verloren. Davon seien vor allem kleinere Betriebe betroffen. Und auch die Bio-Bauern hätten, „obwohl Bio boomt“, Einkommenseinbußen von 9,5 Prozent hinnehmen müssen. Zudem hätten die heimischen Landwirte mit enormen Subventionskürzungen zu kämpfen. Gastredner Heinrich Heidel (kleines Foto), Vizepräsident des Hessischen Bauernverbandes, kritisierte die Agrarpolitik anderer Bundesländer. „Die Hessische Agrarpolitik hat in den letzten Jahren relativ gut funktioniert - da sind wir auf einem guten Weg. Andere Landesregierungen meinen allerdings, sie müssten die Agrarpolitik neu erfinden“, sagte er. Das könne nicht funktionieren, es sei vielmehr „eine Agrarwende rückwärts, die keinen Nutzen bringen wird“.

Heidel: Hessens Agrarpolitik funktioniert

Der heimische ländliche Raum sei „ohne eine florierende Landwirtschaft undenkbar“. Wenn ein Landwirt Geld erlöse, werde er es auch wieder in den Wirtschaftskreislauf investieren. „Das Geld bleibt also im ländlichen Raum. Und daher ist Landwirtschaftspolitik die größte Förderung für den ländlichen Raum, die es seit Jahrzehnten gibt.“ Mit Sorge verfolge er die Entwicklung, dass ein „idyllisches Bild“ von der Landwirtschaft mit kleinen Einheiten gezeichnet werde. Alles, was groß sei, sei böse. Dieses Idyll werde es jedoch nie geben - gleichwohl lebten die Bauern im Einklang mit der Natur. „Diejeni­gen, die in der Natur arbeiten, wissen am besten, wie man mit dieser Natur eine dauerhafte Nutzung und eine Erhaltung für die Zukunft sicherstellen kann“, sagte Heidel.

Ein wichtiges Thema sei auch die Ausgleichszulage (AGZ). Mit dieser soll in benachteiligten Gebieten eine möglichst flächendeckende und standort­gerechte Landbewirtschaftung gewährleistet werden. Hessen habe zwar noch die höchsten Fördersätze. Aber „wir haben im Hessischen Bauernverband alle Hände voll zu tun, dass die AGZ überhaupt noch ausgezahlt werden“. Die Zahlungen müssten auch weiterhin an der landwirtschaftlichen Vergleichszahl ausgerichtet werden - und nicht auf acht biophysikalische Kriterien heruntergebrochen werden. Dann würde Hessen nämlich viel Geld verlieren.

Heidel kritisierte, dass die Leader-Region Marburger Land nur 35 Prozent seiner Mittel ausschöpfe - das sei verschenktes Geld. „Mir soll niemand sagen, in dieser zweiten Säule der Europäischen Agrarförderung liegt das Heil des Marburger Lands und der Hessischen Landwirtschaft - denn darin liegt sie sicher nicht“, so Heidel. Daher werde er sich auch weiterhin für den größten Teil der Zahlungen als Direktzahlungen ein­setzen. „Dieses Geld kommt bei Ihnen an, mit diesem Geld können Sie arbeiten“, sagte der Vize-Präsident.

von Andreas Schmidt

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