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"Schlüssel weg oder ich stech‘ dich ab"

Landgericht Marburg "Schlüssel weg oder ich stech‘ dich ab"

Wegen gemeinschaftlichen schweren Raubs ist gestern ein 22-Jähriger zu sechs Jahren Haft verurteilt worden. Sein 17-jähriger Mittäter kam knapp mit einer Bewährungsstrafe davon und muss eine elektronische Fußfessel tragen.

Marburg. Um ihren anhaltenden Drogenkonsum zu finanzieren, beraubten die beiden Täter, bewaffnet mit zwei Klappmessern, einen zufällig vorbeikommenden Passanten. Daher mussten sich beide gemeinsam mit zwei weiteren Angeklagten gestern vor der großen Jugendkammer des Marburger Landgerichts verantworten. Den vier Beschuldigten, einer 17-jährigen Jugendlichen sowie drei jungen Männern im Alter von 17, 20 und 22 Jahren, wurde gemeinschaftlicher schwerer Raub vorgeworfen.

Anfang Juni trafen sich die Angeklagten mit einer weiteren jungen Frau in der Nähe des Marburger Hauptbahnhofs. Bis spät in die Nacht tranken sie Alkohol und konsumierten größere Mengen Marihuana und Amphetamine. Als gegen 4 Uhr früh ein Anwohner auf dem Nachhauseweg vorbei kam, entschloss sich die angetrunkene Gruppe, diesen spontan auszurauben, so die Anklage. Sie folgten dem Mann bis zu seiner Wohnungstür. Zwei der jungen Männer zückten je ein Klappmesser und bedrohten ihr Opfer massiv mit den Worten „Schlüssel weg oder ich stech‘ dich ab“. Der Überfallene übergab den beiden Räubern seine leere Geldbörse, ein Handy im Wert von rund 250 Euro sowie seine EC-Karte. Laut Anklageschrift warteten die junge Frau sowie der 20-Jährige derweil im Hintergrund ab. Nach der Tat verließen alle vier den Ort des Geschehens und trafen sich in der Wohnung der 17-Jährigen. Nur wenige Tage später konnten sie jedoch von der Polizei überführt werden. Alle drei jungen Männer saßen seitdem in Untersuchungshaft.

Im Verlauf der gestrigen Verhandlung konnte zwei Angeklagten eine direkte Teilnahme an dem Raub jedoch nicht nachgewiesen werden. Die beiden Angreifer gaben den bewaffneten Raub dagegen zu: „Wir haben den abgerippt“, so die Aussage der 17 und 22 Jahre alten Räuber. Als Begründung nannten sie die Finanzierung ihres anhaltenden Drogenkonsums. Den entscheidenden Anstoß für die Tat habe laut Angeklagten zudem das fünfte Mitglied der Gruppe gegeben. Sie habe den Vorschlag unterbreitet, „einen anderen abzuziehen“. Die beschuldigte 21-Jährige Frau, die als Zeugin vor Gericht aussagte, bestritt die Vorwürfe und eine Beteiligung an der Straftat. Auch die 17-Jährige und der dritte Mann waren nicht direkt an dem Überfall beteiligt. Während der Tat hielten sie sich laut Aussage mehrere hundert Meter entfernt auf.

Neben dem Hauptanklagepunkt stand die angeklagten 17-Jährige ebenfalls wegen Körperverletzung vor Gericht. Sie soll das fünfte Mitglied der Gruppe am Tag nach dem Raub wegen eines Handys massiv geschlagen und getreten haben. Da sich die Geschädigte in diesem Fall jedoch mehrfach in Widersprüche verstrickte, wurde kein eindeutiger Beweis gefunden. Der Anklagepunkt konnte der Angeklagten ebenfalls nicht nachgewiesen werden.

17-Jähriger darf von 20 bis 6 Uhr nicht aus dem Haus

Die Kammer sprach sie in beiden Fällen frei. Auch bei dem 20-Jährigen kam das Gericht im Verlauf der Verhandlung zu der Auffassung, dass diesem keine Beteiligung nachgewiesen werden könne, erklärte der Vorsitzende Richter Dr. Thomas Wolf und sprach den Mann schließlich frei. Die anderen beiden Beschuldigten hatten weniger Glück. Für beide war es nicht ihr erster Prozess. Insbesondere der 22-Jährige ist bereits mehrfach einschlägig vorbestraft. Vor der aktuellen Tat befand er sich erst einen knappen Monat wieder auf freiem Fuß. Auch der jüngere Mittäter musste sich bereits wegen Körperverletzung und Diebstahls vor Gericht verantworten. Die Jugendgerichtshilfe konnte ihm keine günstige Sozialprognose ausstellen und ging bei dem 17-Jährigen von „schädlichen Neigungen aus“. Staatsanwältin Kerstin Brinkmeier sah daher keine Möglichkeit für eine Bewährungsstrafe für den Jugendlichen und forderte drei Jahre Haftstrafe für den jüngeren Angeklagten. Aufgrund der „extrem hohen Rückfallquote“ des älteren Täters sprach sie sich in dessen Fall für eine sechsjährige Gefängnisstrafe aus. Dem schloss sich die Jugendkammer in voller Höhe an und verurteilte den 22-Jährigen Wiederholungstäter zu sechs Jahren Haft. Der 17-Jährige kam mit einer Jugendstrafe von einem Jahr und neun Monaten davon, die zur Bewährung ausgesetzt werden konnte. Als selten verwendete Auflage muss er auf unbestimmte Zeit eine elektronische Fußfessel tragen. Diese Überwachungsgerät misst und kontrolliert den Standort des Trägers und leitet die Informationen an die Behörden weiter. Der 17-Jährige muss sich täglich zwischen 20 und 6 Uhr im Haus seiner Eltern aufhalten, bestimmte Wolf.

von Ina Tannert

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