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Schlossroute reizt Veteranen

Historischer Bus Schlossroute reizt Veteranen

Der Schlossbus lässt sich nicht gerade komfortabel fahren. Mit diesem Gefährt die Schlossroute unfallfrei durchzukommen, gilt in Fahrerkreisen als Meisterprüfung.

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Hans Nau (von links), Albert-Friedrich Thöne, Paul Bernowitz, Wilfried Geiger, Detlev Scharlau, Martin Klehm und Jürgen Ubrig sind stolz auf den Erhalt des Marburger Schlossbusses.Foto: Marcus Hergenhan

Marburg. Er brummelt laut, schüttelt sich gerne mal ein bisschen und bringt dennoch mit nur 80 Pferdestärken seit 45 Jahren alle Fahrgäste treu zum Marburger Schloss. Dabei ist er ein echtes Einzelstück, denn der Marburger Schlossbus, in Betrieb genommen am 7. August 1969, wurde nach ganz konkreten Vorgaben gebaut. „Die Karosserie von Vetter ist nur 2,10Meter breit anstatt der heute üblichen zweieinhalb Meter,“ erklärt der zweite Vorsitzende des Vereins für Nahverkehrsgeschichte Marburg, Martin Klehm.

Dieses Sondermaß war nötig, da die Gaststätten die großen, runden Sonnenschirme aufstellten. Heute sind eckige Schattenspender in Marburg vorgeschrieben und machen Platz für die modernen Fahrzeuge. Die besonders kurze Übersetzung ist eine weitere Besonderheit des Mercedes und ermöglicht bei den beträchtlichen Steigungen auf der Schlossroute ein sicheres Vorankommen. Wie gut die damals rund 37000Mark für das Einzelstück angelegt waren, zeigt sich vor allem daran, dass der Benz bis 1996 noch regulär im Einsatz lief und erst nach mehr als 750000Kilometern einen Austauschmotor bekam.

Im Jahr 2005 wurde der Verein für Nahverkehrsgeschichte gegründet, dessen Mitglieder meist selbst ehemalige oder aktive Busfahrer sind. Seitdem wird der Bus für besondere Anlässe wie etwa Hochzeiten bewegt. Heute ist er vor allem für die „Fahrten der Erinnerung“ bekannt, die der Verein seit 2010 an jedem letzten Samstag des Monats von März bis Oktober anbietet.

Das Angebot kommt an, vor allem ältere Fahrgäste genießen die beschauliche Fahrt mit Anekdoten der beiden Moderatoren Wilfried Geiger und Detlev Scharlau. „Wir beide schlüpfen dabei abwechselnd in die Rolle von „Christian, dem Kofferträger“, einer berühmten Figur der Region aus der Wirtschaftswunderzeit. „Wir erzählen Geschichten über Orte und Gegebenheiten der Stadt, die mittlerweile längst vergessen oder verschwunden sind,“ so Geiger. Dem kauzigen Kofferträger Christian Werner ist an der Wasserscheide in der Oberstadt ein kleines Denkmal gewidmet. Viele Alteingesessene kennen noch diverse Geschichten, über die oft sehr eigene Art des stets Zigarre qualmenden kleinen Mannes, seiner Arbeit nachzugehen.

Bergab können die Bremsen schon mal überhitzen

In eben diese Zeit wollen die Mitglieder des Vereins für Nahverkehrsgeschichte ihre Fahrgäste mitnehmen. Eine Epoche, in der alles noch etwas langsamer ging und Bus fahren noch echte Handarbeit war. „Der hat natürlich noch kein synchronisiertes Getriebe und beim Bergab fahren müssen sie immer aufpassen, dass die alten Bremsen nicht überhitzen,“ erklärt Hans Nau, der mit 40 Dienstjahren die meiste Zeit auf „dem Bock“ verbracht hat.

Eben solche Eigenheiten prädestinierten den Schlossbus gegen Ende seiner Dienstzeit als Testobjekt für Neueinsteiger. „Der Chef hat die Neulinge am Anfang immer die Schlossroute fahren lassen. Die ist an sich schon schwierig und gerade die Jüngeren hatten mit dem alten Gerät freilich auch schon in den Neunzigern zu kämpfen. Wenn die dann da durch kamen, hatten sie bewiesen, dass sie rundum einsatzbereit waren,“ erinnert sich Nau.

von Marcus Hergenhan

Aber ist das Fahren im Veteranen aus Sicht gestandener Busfahrer auch für den heutigen Dauereinsatz noch empfehlenswert? „Also es hat natürlich schon noch seinen Reiz. Aber letztlich sind die modernen Geräte doch deutlich angenehmer zu bewegen,“ meint Jürgen Ubrig, mit 49 Jahren Jungspund der Gruppe und noch aktiv im Dienst.

Auch die Senioren sind sich einig: „Wir haben am Ende der Dienstzeit schon einräumen müssen, dass sich zumindest das Material doch klar verbessert hat. Aber ob die modernen Busse auch nur annähernd so lange halten, das bleibt natürlich abzuwarten.“

Der Verein bedankt sich bei den Menschen, die für den Erhalt des Fahrzeugs sorgten: den Stadtwerken und Heinz Klehm, der 1969 die erste Fahrt mit dem Bus antrat. Das Jubiläum erlebte der Onkel des zweiten Vereinsvorsitzenden nicht mehr, Klehm war im April diesen Jahres verstorben.

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