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Schlagabtausch und Schuldzuweisungen

Windkraft Schlagabtausch und Schuldzuweisungen

Wie geht es weiter nach dem Scheitern des Plans, zwei Windkraftmasten am Lichten Küppel zu errichten? Darüber beriet der Hauptausschuss.

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Weiterhin bleiben die Windkraftanlagen im Stadtteil Wehrda die einzigen großen Windräder  im Stadtgebiet.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. „Wenn man so etwas mit heißer Nadel aufs Gleis setzt, dann müssen vorher alle Fragen geklärt sein“, sagte Wieland Stötzel (CDU) in der Debatte über das Aus für den Windparkstandort Lichter Küppel im Haupt- und Finanzausschuss. Dies sei aber augenscheinlich nicht der Fall gewesen, nachdem die Entdeckung eines brütenden Rotmilan-Pärchens das Projekt zu Fall gebracht habe (die OP berichtete).

Am vergangenen Freitag hatte Bürgermeister Dr. Franz Kahle (Grüne) das Aus per Pressemitteilung bekanntgegeben. Nachdem er monatelang für die Verwirklichung des Windparks am Lichten Küppel auf den Lahnbergen geworben hatte, hielt Kahle sich jetzt am Dienstag im Hauptausschuss merklich zurück. Stattdessen sprang Oberbürgermeister Egon Vaupel (SPD) in die Bresche. Er berichtete, dass die Stadt für die zur Windkraft am Lichten Küppel geplante Bürgerbefragung, die jetzt abgesagt werden soll, insgesamt 6 600 Euro ausgegeben habe.

Grundsatzdebatte über den politischen Willen

Die Diskussion darüber, wer am Scheitern des Projektes Schuld ist, geriet am Dienstag zu einer Grundsatzdebatte über den politischen Willen, nach dem Atomunfall von Fukushima vor einigen Jahren auch lokal zu einer Energiewende beizutragen.  Jan Schalauske (Marburger Linke) erinnerte daran, dass die rot-grüne Rathauskoalition in ihrem Koalitionsvertrag das Ziel verkündet habe, in Marburg bis zum Ende der Legislaturperiode im kommenden Jahr zwölf neue Windkraftanlagen zu errichten. Das sei ein ambitioniertes Vorhaben gewesen. Bisher sei aber kein neues Windkraft-Projekt verwirklicht worden. „Sie haben Erwartungen geweckt, die bis jetzt nicht erfüllt worden sind“, sagte Schalauske.

Man solle aber jetzt nicht den Fehler machen, alle Alternativ-Standorte in Marburg auszuschließen.

Schaker Hussein (SPD) wehrte sich gegen Schuldzuweisungen von Seiten der Opposition. „Wir hatten die klare Vorgabe, dass bis August noch alles offen war und wir in einer Phase der Prüfung waren“, sagte Hussein. Jetzt sei leider das „unvorhergesehene Vorkommnis“ eines Rotmilan-Pärchens dazwischengekommen.

Grünen-Fraktionschef Dietmar Göttling warf der CDU im Gegenzug vor, sie wolle eine „windkraftfreie Zone in Marburg“. Der Magistrats-Vorlage, aufgrund der neuen Lage dem Regierungspräsidium nicht mehr das Gebiet am Lichten Küppel als Windvorrangfläche für den neuen Regionalplan vorzuschlagen, stimmte der Ausschuss einstimmig zu. Dem CDU-Änderungsantrag, den möglichen Alternativ-Standort „Bürgelner Gleiche“ mit auszuschließen, folgten nur die CDU-Abgeordneten, so dass er keine Mehrheit fand. Der weitere CDU-Antrag, einen Akteneinsichtsausschuss einzurichten, bedarf keiner Abstimmung,  so Stadtverordnetenvorsteher Heinrich Löwer (SPD). Jede Parlaments-Fraktion hat das Recht, einen solchen Ausschuss zu beantragen, auch ohne Zustimmung der anderen Fraktionen.

Interview mit Stadtwerke-Geschäftsführer Norbert Schüren

Nach dem von Bürgermeister Dr. Franz Kahle (Grüne) verkündeten Aus für den Windpark Lichter Küppel stellte die OP vor der Sitzung des Haupt- und Finanzausschusses am Dienstag vier Fragen an Norbert Schüren, den Kaufmännischen Geschäftsführer der Stadtwerke.

Oberhessische Presse: Wie traurig sind Sie über das Aus für die Pläne für den Windpark am Lichten Küppel?
Norbert Schüren: Ich finde es schade, dass wir das Projekt aus Naturschutzgründen abbrechen müssen. Es war allerdings auch kein besonders lukrativer Standort, denn wir hätten am Lichten Küppel auf den Lahnbergen nur zwei Anlagen aufstellen können. Insofern entsteht kein großer Schaden für die Stadtwerke.

OP: Ist Marburg überhaupt geeignet für eine große Windkraftanlage, oder bläst hier der Wind einfach zu schwach?
Schüren: Eigentlich hatten wir erstaunlich gute Wind-Messwerte am Lichten Küppel. Viele Alternativen für andere Windanlagen-Standorte gibt es im Marburger Stadtgebiet allerdings nicht mehr. Aber in der näheren Umgebung von Marburg gibt es noch die ein oder andere Möglichkeit, Windenergie-Anlagen zu bauen.

OP: Es gab viel Gegenwind für das Projekt: Hätte man in Sachen Windpark Lichter Küppel nicht eine offensivere Informationspolitik machen müssen?
Schüren: Wir hätten als Stadtwerke eigentlich erst mit der Informationspolitik angefangen, wenn wir definitiv gewusst hätten, dass wir bauen dürfen – also nach dem Abschluss aller Untersuchungen.  So gesehen kam die städtische Debatte um den Standort um ein Jahr zu früh. Für einige war es aber wohl gerade rechtzeitig zu dem anstehenden Termin der Oberbürgermeisterwahl. Andererseits ist es wichtig, die Öffentlichkeit in so einem Prozess mitzunehmen.

OP: Welche Strategien verfolgen die Stadtwerke in Sachen Windenergie für die  Zukunft?
Schüren: Wir werden auch nach den bisherigen Erfahrungen versuchen, attraktive Standorte, möglichst in der näheren Umgebung zu überprüfen. Wir wollen zukünftig den Eigenproduktionsanteil auch mit Hilfe von mehr Windenergie deutlich erhöhen. Im Stadtgebiet Marburg sehe ich aber wie gesagt derzeit keine Standorte mehr, die wir von uns aus anpacken könnten. Allerdings könnte es interessante Standorte für Windanlagen im Nachbarkreis Waldeck-Frankenberg und im Osten unseres Landkreises geben.

von Manfred Hitzeroth

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