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Schlachten wie zu Urgroßvaters Zeiten

OP-Serie „Vom Aussterben bedroht“ Schlachten wie zu Urgroßvaters Zeiten

In der Serie „Vom Aussterben bedroht“ stellen wir Ihnen Traditionen und Bräuche vor, die nahezu unbemerkt aus dem alltäglichen Leben verschwinden. Thema heute: Hausschlachtung.

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Früh übt sich: Der damals dreijährige Manfred Heuser half seinem Vater schon als Kind beim Verarbeiten der Tiere.

Quelle: Privatfoto

Marburg. Wenn Johannes Heuser seine Schürze überstreift, dann verlassen seine Enkelinnen den Hof. Sie wissen: Jetzt wird geschlachtet. Und das wollen die Mädchen im Teenager-Alter einfach nicht sehen. Schlachten – das ist Männersache.

Es riecht ein bisschen, es quiekt ein bisschen, es ist einfach ein bisschen zu viel Realität für die Mädchen, die sich trotz ihrer Hof-Flucht nicht zur Generation Abpackwurst zählen.

Denn nachher, wenn Würstchen, Koteletts und Schinken auf dem Tisch stehen, da kommen die Enkel wieder gerne auf Opas Hof zurück. Und sie greifen ordentlich zu. Schmeckt ja schließlich wie hausgemacht.

Der 72-Jährige ist einer der wenigen, die noch auf dem eigenen Hof schlachten dürfen. Gelernt hat er es von seinem Vater, der es wiederum von seinem Vater beigebracht bekam. Seit vier Generationen schlachtet die Familie selbst. Eine Tradition, die wohl mit Johannes Heuser aussterben wird.

Nicht etwa, weil Sohn Manfred zartbesaitet wäre. Nein, der 45-Jährige packt kräftig mit an, wenn es ums Schlachten geht. Vielmehr macht die Bürokratie dem alten Brauch den Garaus. Denn: Schlachten dürfen heutzutage nur noch Metzger – und eben die wenigen Menschen, die es nachweislich vor Jahrzehnten gelernt haben. „Früher“, erinnert sich Johannes Heuser, „hatte jeder Hof einen Stall, in dem ein Schwein gefüttert wurde.“

Da habe sein Vater von Oktober bis März auf den verschiedenen Nachbarhöfen jeden Tag beim Schlachten geholfen. „Immer gemeinsam mit dem Mann, der das Tier als Ferkel gekauft und zur Schlachtsau gefüttert hat.“ So verlangt es eben die Tradition.

Und der kleine Johannes Heuser – der war immer mit dabei, hat sich jeden einzelnen Arbeitsschritt eingeprägt, jeden Handgriff abgeschaut. Mit 18 dann der große Tag: Der junge Landwirt durfte zum ersten Mal selbst eine Sau schlachten. Zwischen Aufregung und Konzentration blieb kein Platz für Skrupel. Bis heute nicht. „Wir wollen eben eine gute Wurst machen“, erklärt Heuser sachlich.

Erst der Bolzenschuss, der das Tier betäubt, dann ein gezielter Stich, um das Schwein ausbluten zu lassen, gefolgt von tausenden kleinen Arbeitsschritten, um innerhalb nur eines Tages das Schwein komplett zu verwerten. Damals wie heute sind es es nur ein paar Knochen, die übrig bleiben. Der Rest, so Heuser, wird verarbeitet. Zu roter Wurst, Leberwurst, Schinken, Koteletts oder Rippchen.

Sind auch Sie ein Traditionsschützer? Kennen auch Sie einen Brauch oder eine Sitte, die aus dem alltäglichen (Dorf-)Leben zu verschwinden droht? Wir suchen Ihre Geschichten. Schreiben Sie uns eine Mail an serie@op-marbug.de oder rufen sie uns an unter 06421/409364.

von Marie Lisa Schulz

Mehr lesen Sie am Samstag in der Printausgabe der OP und bereits am Freitagabend auf Ihrem iPad.

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