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Schichtarbeit kann krank machen

Schlafforschung Schichtarbeit kann krank machen

Zu gesundheitlichen Risiken der Schichtarbeit  gibt es am Dienstag  kommender Woche Vorträge im Uni-Klinikum.

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Im Schlaflabor der Universität gibt es Nachtarbeit: Janine Töpel (rechts) wird von MTA Astrid Schäfer verkabelt.

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. In vielen Großbetrieben ist die Organisation der Arbeit im Schicht-Modell immer noch gang und gäbe. „Im Uni-Klinikum müssen wir beispielsweise einen 24-Stunden-Betrieb gewährleisten“, macht der Schlafforscher und Psychologe  Werner Cassel vom Schlaflabor des Marburger Uni-Klinikums deutlich.

Dort arbeiten vor allem Pflegekräfte, aber auch viele Ärzte in drei Schichten von der Früh- bis zur Nachtschicht. Besonders die Nachtschichten, die in der Regel von 22 Uhr bis 6 Uhr morgens dauern, können aber zu gesundheitlichen Beeinträchtigungen führen. „Die typische Nachtarbeit ist eine unnatürliche Belastung“, so Cassel. „Man ist weniger leistungsfähig als am Tag.“

Zwar könne man sich daran in einem gewissen Maße gewöhnen. Jedoch gebe es einige grundsätzliche Probleme für die Gesundheit: So werde nachts von der Zirbeldrüse weniger Melatonin ausgeschüttet. Dieses Hormon  hat unter anderem entzündungshemmende Wirkung und wirkt sich auch sonst positiv auf das Befinden aus. Es  fehlt aber dann bei den Menschen, die nachts arbeiten und am Tag den Schlaf nachholen.

Der Tageslichtmangel führt auch dazu, dass die natürliche Vitamin-D-Produktion eingeschränkt wird und der Serotonin-Stoffwechsel beeinträchtigt wird, was das Wohlgefühl dauerhaft beeinträchtigen kann.

„In vielen Studien wurde das durch vermehrte Nachtarbeit hervorgerufene Gesundheitsrisiko bereits ansatzweise belegt“, erläutert Cassel. Im Januar dieses Jahres sei  nun eine Langzeitstudie veröffentlicht worden, die dieses Gesundheitsrisiko nachdrücklich untermauert habe. Darin sei seit 1988 die Gesundheitsentwicklung von 78 000 Krankenschwestern in den USA beobachtet worden, die zum Zeitpunkt  der Erstbefragung zwischen 42 und 67 Jahren alt waren.

Das Ergebnis: Ab einem Zeitraum von mehr als sechs Jahren Schichtarbeit steigt im Vergleich zu Krankenschwestern, die nicht Schicht arbeiten, das Sterberisiko um 20 Prozent. Schichtarbeiterinnen hatten sogar ein um 30 Prozent höheres Risiko, an Herz-Kreislauferkrankungen zu sterben und immer noch ein um 10  Prozent höheres Risiko, an Krebs zu erkranken.

Auch im Arbeitsalltag am Marburger Uni-Klinikum hat der Schlafforscher Cassel beobachtet, wie negativ sich Nachtschichten bei Schwestern und Ärzten auf die Gesundheit auswirken können. „Viele beginnen, ab Mitte 40 Probleme zu bekommen. So können sie beispielsweise am Morgen nach einer Nachtschicht nicht mehr richtig einschlafen oder sind dann nach dem Schlaf tagsüber dauernd müde“, berichtet der Psychologe.

Tipps für die Gestaltung der einzelnen Schichten

Zusätzlich komme es bei den Menschen, die dauerhaft im Schichteinsatz seien, aufgrund des gegenüber Freunden und Bekannten verschobenen Schlaf-Rhythmus zu einer Reduzierung von sozialen Aktivitäten. Auch Bluthochdruck könne als Folge von Nachtschichten vermehrt auftreten.

Doch an einer Großklinik wie dem Uni-Klinikum ist Schichtarbeit unabdingbar. Und so hat Cassel zumindest einige Tipps, um die Arbeit erträglicher zu gestalten. So solle im Idealfall ein Schicht-Plan aufgestellt werden, bei dem die Schichten in der Abfolge „früh, spät, nachts“ nach vorne rotieren. Gut wären dann auch Wechsel dieser Schichten nach zwei, drei Tagen. Weitere Tipps für die  einzelnen Schichten:

Bei einer um 6 Uhr morgens beginnenden Frühschicht muss man schon um 5 Uhr oder früher aufstehen. Diese frühe Aufstehenszeit führt davor zu Problemen mit dem Einschlafen. „Viele versuchen, dann schon um 21 Uhr ins Bett zu gehen, sind aber eigentlich spätere Zeiten gewöhnt“, erklärt Cassel. Es entstehe dann ein hoher Druck, rechtzeitig einschlafen zu müssen und pünktlich zum Beginn der Frühschicht wieder fit und ausgeschlafen zu sein. Der Forscher rät aber dazu, nicht zu Schlafmitteln zu greifen. Ausreichend früh ins Bett gehen und es sich dann ohne den Druck, einschlafen zu müssen, gemütlich machen: Das rät Cassel.  Bei wenig Licht im Bett noch ein Buch zu lesen oder mit Kopfhörer und MP3-Player ein Hörbuch zu hören, könne beim Einschlafen helfen und die kreisenden Gedanken unterbrechen.

Aus „schlafhygienischer“ Sicht vergleichsweise am unkompliziertesten ist die Spätschicht, die in der Regel zwischen 14 Uhr und 22 Uhr liegt. „Da wird der Biorhythmus nicht gestört“, meint Cassel. Jedoch seien dabei natürlich der Besuch von Abendveranstaltungen oder das abendliche Treffen mit Freunden ausgeschlossen.

Bei der schwierigsten Schicht, der Nachtschicht zwischen 22 Uhr und 6 Uhr morgens rät der Schlafforscher den Arbeitenden, ab morgens um 3 Uhr nicht mehr viel zu trinken und auf keinen Fall Kaffee zu sich zu nehmen, der sonst das Einschlafen nach dem Schichtende erschweren könne.  Beim Nachhausefahren am frühen Morgen sollte man besonders im Sommer schon eine Sonnenbrille aufziehen und auch den Schlafraum verdunkeln, um gut zu schlafen.

Cassel hat übrigens noch einen Verbesserungsvorschlag, den man eventuell am Uni-Klinikum verwirklichen könnte. Denn es gibt bei den Menschen verschiedene „Chronotypen“  – pauschal gesagt, Morgen-Typen, Abend-Typen (Nachteule) oder neutrale Typen. So haben die „Abend-Typen“ vergleichsweise noch die wenigsten Schwierigkeiten mit Nachtschichten, wohingegen „Morgen-Typen“ besser mit Frühschichten zurechtkommen.

Mit Hilfe von Fragebögen kann man diese Chronotypen bestimmen. Statt Wechselschichten „typengerechte“ Dauerschichten einzuführen, das könne vielleicht zu einem besseren Umgang mit der Schichtarbeit verhelfen, meint Cassel.

von Manfred Hitzeroth

  • Der Info-Nachmittag findet am Dienstag, 17. März, von 15 Uhr bis 17 Uhr im Hörsaal I des Uni-Klinikums auf den Lahnbergen statt – mit Vorträgen von  Professor Ulrich Koehler (Leiter des Uni-Schlaflabors Marburg), Werner Cassel und Dr. Manfred Betz (Institut für Gesundheitsforschung Dillenburg), die sich an die interessierte Öffentlichkeit richten.
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