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Schelte von Geschichts-Experten

Bildungspolitik Schelte von Geschichts-Experten

Vor 100 Jahren wurde der Verband der Geschichtslehrer Deutschlands (VGD) in Marburg gegründet. Zum Geburtstag gab es einen Festakt. Während der Veranstaltung übten sie scharfe Kritik an der Bildungspolitik.

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Im Hessischen Staatsarchiv versammelten sich Geschichtslehrer aus ganz Deutschland zum 100-jährigen Verbandsjubiläum der in Marburg gegründeten Organisation. Foto: Peter Gassner

Marburg. Existenzängste um die Geschichte: Der Bundesvorsitzende des VGD, Ullrich Bongertmann ist besorgt um die Zukunft des Studien- und Schulfachs. „In den Bildungsbemühungen der Politik geht es immer um die großen drei, Deutsch, Mathe und Englisch sowie Naturwissenschaften“, sagte er. Trotz aller Defizite bleibe Geschichtsunterricht nicht wirkungslos, sein Wert für die demokratische, politische Bildung sei groß.

„Von einem 16-Jährigen kann man nicht verlangen, dass er alles weiß“, sagt er. Erschütternde Umfragen hin, viele Wissenslücken her: Wichtiger als die Kenntnis von Jahreszahlen sei die Kompetenz sich mit Inhalten auseinanderzusetzen und Zusammenhänge zu erkennen. Im Unterricht müsse dies mit relevanten Themen einhergehen. „Bei der Vermittlung des Stoffs kommt es vor allem auf den Lehrer an“, sagt Bongertmann. Nur wenn die Lehrkraft Geschichte mit Begeisterung vermitteln könne, werde das beste Ergebnis bei den Schülern erzielt. Der Einsatz von fachfremden Lehrkräften im Fach sei daher nicht angemessen. Auch die Unterschiede zwischen den einzelnen Bundesländern bemängelte der VGD-Chef. Es gebe Länder, in denen es zum Teil vierstündigen Unterricht in der Oberstufe gebe. „Anderswo fallen ganze Schuljahre aus und Geschichte kann in der Oberstufe abgewählt werden“, kritisiert er. Seine Formel: Ohne Geschichtsunterricht, kein Verständnis für das Weltgeschehen - weder das historische noch das aktuelle.

Um auf die Entwicklung hinzuweisen, verfasste der VGD die „Marburger Erklärung zur Lehrerbildung“. Darin heißt es: „Mit großer Sorge betrachtet der Verband bundesweite Entwicklungen in der Lehrerausbildung, welche generell die Qualität der Lehrerausbildung an Universitäten und Studienseminaren sowie die fachspezifische Qualität - und mittel- oder langfristig auch die Existenz - des Faches Geschichte betreffen und bedrohen.“

Der Verband bietet daher die Zusammenarbeit mit den Kultusministerien an und tritt „nachdrücklich für den Erhalt des fachspezifischen Studiums und einer fachspezifischen und wissenschaftsorientierten Lehrerausbildung ein“. Zudem solle die Ausbildungsdauer nicht aus Sparzwängen heraus gekürzt werden und weiterhin fachdidaktische Elemente beinhalten. Darüber hinaus benötige es die „Entwicklung zeitgemäßer Ausbildungskonzepte“.

Neben Fragen der Zukunft, blickten die Historiker auch zurück. Professor Wilhelm Ernst Winterhager, Dekan des Fachbereichs Geschichte an der Marburger Universität sprach über die Gründung des Geschichtslehrerverbandes. Schon vor 100 Jahren habe Marburg innerhalb Deutschlands zentral gelegen und sei als südlichster Universitätsstandort Preußens für die Gründung prädestiniert gewesen. Zudem habe die Uni in diesen Jahren ihre „höchste Blüte“ erlebt und sei ein internationales Wissenschaftszentrum gewesen. Das Verbandsjubiläum sei auch aus Sicht der Universität ein Feiertag. Auch der Geschichtsprofessor Christoph Kampmann sprach über die Tradition des Bildungsstandortes Marburg. Die Gründung des VGD war laut Professor Eckart Conze aus Protest gegen die Bildungspolitik im Kaiserreich erfolgt. Seitdem habe der Verband immer im Spannungsfeld zwischen von Politik, Wissenschaft und Unterricht gestanden. In der Hoffnung, dass Geschichte „zu einem Leitfach wird“ hätten sich die Geschichtslehrer mit nur geringem Widerstand zwischen 1933 und 1945 dem Nazi-Regime und der Gleichschaltung unterworfen. „Seit den 1950er Jahren ist jedoch das national-konservative Geschichtsbild im Unterricht aufgebrochen worden“, sagt er. Seitdem stehen die Pädagogen seiner Ansicht nach vor der Herausforderung das Fach zwar nicht auf reinen Gegenwartsbezug zu reduzieren, jedoch auf die Wichtigkeit für das Staatsverständnis hinzuweisen.

von Björn Wisker

und Peter Gassner

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