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Satt werden vom Essen aus dem Müll

„Mülltaucher“ Satt werden vom Essen aus dem Müll

Es ist später Abend, fast Nacht. Das einzige Licht, das auf die großen Tonnen hinter dem Supermarkt fällt, ist das einer Taschenlampe. Ein Mann richtet diese auf den Müllcontainer. Die Suche beginnt.

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Auf der Suche nach Essbarem: Containerer schauen im Müll nach Lebensmitteln und machen oftmals üppige Beute.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Der Mann ist ein Containerer, auch Mülltaucher genannt. Er ernährt sich von dem, was Geschäfte wegwerfen. Und das ist eine ganze Menge: Laut einer Studie des WWF wird ungefähr ein Drittel der Lebensmittel in Deutschland entsorgt. „Pro Sekunde landen unnötigerweise 313 Kilo genießbare Nahrungsmittel im Müll“, heißt es auf der Homepage der Organisation.

„Warum soll ich mir da also nicht meinen Teil des Kuchens abschneiden?“, fragt Paul (Name von der Redaktion geändert). Seinen echten Namen will der Marburger für sich behalten. Unter anderem, weil er weiß, dass Containern in Deutschland illegal ist oder, je nach Voraussetzungen, zumindest in einer rechtlichen Grauzone liegt. Wer nämlich glaubt, dass zur Entsorgung bestimmtes Essen wertlos sei und dass er somit automatisch auch keinen Diebstahl begeht, wenn er es sich nimmt, liegt falsch: In Deutschland wird, anders als etwa in der Schweiz und Österreich, wo Müll als „herrenlose Sache“ gilt, auch der Abfall einem Eigentümer zugeordnet.

Lebensmittel aus dem Müll

Nachvollziehen kann der 26-jährige Paul das nicht. „Die Sachen werden weggeschmissen - warum sie also nicht essen? Das dient ja auch der Müllreduzierung. Somit schlägt man zwei Fliegen mit einer Klatsche.“ Seine eigenen Gründe seien jedoch weniger idealistisch, gibt Paul zu: „Ich bin einfach ein Student, der nicht viel Geld hat.“

Aufs Containern kam Paul auf einer Reise in Andalusien. In der Nähe von Malaga wohnte er gemeinsam mit vielen anderen Auswanderern und Reisenden in einer „Hippie-Community“, wie er es nennt. Unter anderem mit Lorenzo, einem italienischen Flamenco-Spieler. Er erzählte ihm, dass er, wenn er unterwegs sei und nicht so viel Geld habe, abends in und neben den Mülltonnen von Geschäften nach original verpackten Lebensmitteln schaue. „Ich fand die Idee gut. Vorher hatte ich mir noch nie Gedanken darüber gemacht.“ Also zog er eines Nachts gemeinsam mit Lorenzo los. Und über das, was die beiden da in den Tonnen fanden, staunte Paul nicht schlecht. „Berge von Süßigkeiten und sogar Schmuck!“ Das habe ihm die Augen geöffnet.

Ein ganzes Buffet aus dem Container

Zurück in Deutschland informierte er sich übers Containern, lernte Leute kennen, die das auch machen, und zog zum ersten Mal los. Wo und wie man gut containern könne, das erfahre man hauptsächlich durch Mund-zu-Mund-Propaganda. „Die Leute haben mir einen türkischen Bäcker gezeigt, der abends seine Mülltonnen putzt und die Backwaren reinlegt, die er nicht verkauft hat, damit arme Leute sie sich mitnehmen können.“ Und das sei so viel gewesen, dass er damit sogar mal ein ganzes Buffet für eine WG-Party auf die Beine habe stellen können.

Aber es gibt nicht nur Menschen, die sich für die „Müllsammler“ einsetzen. „Manche Supermärkte stellen Kameras und Bauzäune an ihren Mülltonnen auf, damit niemand etwas rausnimmt“, sagt Paul über Erfahrungen, die er in Marburg gesammelt hat.

Auch bei den Läden der Brüder Manuel und André Kaiser (Foto: Thorsten Richter), die Rewe-Märkte in Fronhausen und am Richtsberg in Marburg betreiben, ist der Müll verschlossen. „Rewe verlangt das seit einigen Jahren, damit wir nicht haftbar gemacht werden können, wenn jemand sich beim Verzehr von verdorbenen Lebensmitteln aus unserem Müll eine Salmonellen-Vergiftung holt“, nennt der Fronhäuser Markt-Inhaber André Kaiser ein Beispiel. Aber es gäbe bei Rewe-Kaiser auch nichts zu holen. „Nur noch wirklich verdorbene Sachen landen im Müll, alles andere geben wir an die Marburger Tafel weiter“, sagt Kaiser und berichtet, dass täglich abgelaufene, aber noch verwertbare Lebensmittel an die Organisation gehen, die sie wiederum an Bedürftige weitergibt. „Manchmal sind es mehrere Kisten am Tag, manchmal weniger.“

Statt Mülleimer - die Tafel holt das Aussortierte

Bevor das Abschließen der Müllcontainer bei den Rewe-Märkten zur Regel wurde, kam André Kaiser öfters mit so genannten Mülltauchern in Kontakt. „Ich hatte den Eindruck, dass es Menschen sind, die wirklich arm sind und dieses Essen brauchen“, erklärt er, „gerade bei Märkten in Marburg, für die ich gearbeitet habe, kam dies regelmäßig vor.“ Kaiser selbst ist dieser Form der Weiterverwertung von weggeworfenen Lebensmitteln gegenüber recht offen eingestellt - „solange dabei kein Ärger oder Sauerei entsteht und dann alles draußen auf dem Hof liegt“. Doch auch mit der Regelung, die aussortierten Waren geordnet an die Tafel weiterzugeben, ist er glücklich. „Das ist eine gute Sache“, sagt André Kaiser, „wir sind auch froh, wenn die Sachen noch verwertet werden.“

Wahre Berge von essbaren Lebensmitteln findet Containerer Hans (Name von der Redaktion geändert) auf seinen Streifzügen durch Marburg. Der 27-jährige Lehramtsstudent ernährt sich schon seit einigen Jahren fast vollständig von Essen aus dem Müll. „Das ging damit los, dass ich Veganer wurde und mich sehr intensiv mit Lebensmitteln und ihrer Verschwendung auseinandergesetzt habe“, erzählt der Marburger, der beim Mülltauchen vor allem auf große Mengen von Obst und Gemüse sowie Brot stößt. „Im Supermarkt muss ja immer alles toll aussehen, damit die Leute es kaufen wollen. Deshalb werden riesige Mengen vorgehalten - und deshalb landet auch so viel im Müll“, kritisiert er. Hans will am liebsten komplett aussteigen aus der verwöhnten Konsumgesellschaft, seit 2014 versucht er, weitgehend ohne Geld zu leben. „So ganz geht das noch nicht, ich muss fürs Wohnen und für unumgängliche Dinge wie Versicherungen natürlich auch zahlen.“

Was die Ernährung angeht, hat sich der 27-Jährige gemeinsam mit seiner Freundin allerdings komplett aufs „Einkaufen ohne Geld“ eingestellt. „Ja, wir finden genug - allerdings fehlt es dann manchmal auch an lange haltbaren Dingen wie Pflanzenöl oder Linsen“, nennt er zwei Beispiele. Freunde helfen dann aus, „viele haben Reste daheim, die sie uns gern überlassen“. Als Schnorrer fühlt Hans sich trotzdem nicht. „Man kann lernen, Dinge anzunehmen, ohne immer gleich eine Gegenleistung erbringen zu wollen. Ich bin eigentlich ein sehr gebendes Wesen und musste das üben - aber inzwischen funktioniert es. Und irgendwann kann man auf die eine oder andere Weise den anderen dann auch etwas zurückgeben“, erklärt er.

Containern als Trend - und die Folgen

Aus den Erzählungen von Hans geht hervor, dass Containern auch in einer vergleichsweise kleinen Stadt wie Marburg kein Ausnahme-Phänomen ist. „Ich allein kenne bestimmt 20 Leute, die regelmäßig containern. Auf der einen Seite ist das gut, da weniger Lebensmittel verschwendet werden“, sagt er, „auf der anderen Seite kommen dadurch immer mehr Leute dazu, die beim Containern auch viel Unordnung verursachen.“ Diese Erfahrung macht Christopher Kempf, Leiter des Edeka-Markts in der Alten Kasseler Straße in Marburg, regelmäßig. „Eigentlich haben wir jeden Morgen die Sauerei hier auf dem Hof liegen“, berichtet er, „dann muss ich den Müll wieder aufsammeln und erneut in den Container packen - eine lästige Arbeit, und dabei müsste das gar nicht so sein“, erklärt er und nennt ein Gegenbeispiel.

Im Markt seines Vaters Gerhard Kempf, der den Edeka in Niederwalgern betreibt, gebe es einen Containerer, der seit zehn Jahren regelmäßig entsorgte, aber noch essbare Lebensmittel aus dem Müll hole. „Das ist geduldet, weil er alles ordentlich hinterlässt, das stört ja niemanden“, sagt Christopher Kempf, der selbst gern ein Gegenzeichen zur Wegwerfgesellschaft setzt, wenn es ihm möglich ist. „Wenn hier jemand vorbeikommt und fragt, ob er etwas Aussortiertes bekommen und mitnehmen kann, weil er es braucht, dann bin ich der Letzte, der sich verweigert“, erläutert er.

Doch den Einsatz der Mülltaucher, die Verwüstung hinterlassen, den würde Kempf gern unterbinden. „Jedenfalls sollte sich niemand von mir erwischen lassen“, rät er, „ich glaube, je nachdem, wie das Gespräch dann läuft, würde ich auch die Polizei dazuholen.“

Aktuell erwägt Kempf, den Müll künftig so zu verschließen, wie manche Märkte es bereits tun - containern wird dann unmöglich. Mülltaucher, die besser darauf achten, nach dem Aussortieren der noch brauchbaren Lebensmittel den restlichen Müll auch wieder wegzuräumen, könnten solchen Entwicklungen vielleicht vorbeugen.

Man soll nicht sehen, dass jemand am Container war

Containerer Hans ist entsetzt, als er im Gespräch mit der Zeitung von dieser Entwicklung hört. „Ich habe befürchtet, dass es früher oder später soweit kommt“, sagt er und berichtet, dass es Containerer gebe, die die Müllsäcke aus den Tonnen holten, aufknoteten, die Lebensmittel durchsortierten und alles tatsächlich Unbrauchbare ordentlich wieder verstauten. „Man muss das ja gar nicht sehen, dass jemand am Container war“, sagt Hans, der bei anderen Mülltauchern eisern dafür wirbt, den Ort des Geschehens wieder aufgeräumt zu verlassen. „Doch viele schlitzen die Säcke auch mit dem Messer auf, wühlen alles durch und lassen den Müll dann neben den Tonnen liegen“, bezeugt er aus eigener Erfahrung, was bei Edeka in der Alten Kasseler Straße nachts passiert. „Letztlich bringt das uns allen Nachteile, wenn deshalb irgendwann die Container abgesperrt werden“, sagt er und sieht sehr unglücklich aus. Vielleicht könnte ein Gespräch mit dem Supermarktbetreiber Kempf hilfreich sein? Die OP startet einen Vermittlungsversuch.

Doch seit vergangener Woche hat sich die Lage im Edeka-Markt in der Alten Kasseler Straße merklich zugespitzt. „Nein, ich möchte mich mit keinem Containerer unterhalten, ich muss da Distanz halten“, sagt Christopher Kempf und berichtet von den zurückliegenden Tagen. Der Marktbetreiber hatte die Nase voll vom rausgewühlten Müll vor seinen Containern, ließ diese mit einem Schloss sichern und fand die Tonnen gleich am nächsten Morgen aufgebrochen vor. „Jetzt wird das hier zum Hochsicherheitstrakt“, sagt er. Und damit steht fest, dass es demnächst einen Markt weniger in Marburg gibt, den Containerer als Bezugsquelle nutzen können.

von Carina Beckerund Suria Reiche

 
Containern ohne Ärger und Reue – dies sind die Tipps unserer Gesprächspartner:

- Ordnung halten, Chaos vermeiden: Der Drang von Supermarktbetreibern, ihre Container so zu sichern, dass keine Lebensmittel mehr herausgeholt werden können, wird stärker, wenn die so genannten Mülltaucher regelmäßig Sauerei rund um die Container hinterlassen. Deshab – so rät Containerer Hans – aufs Aufschlitzen von Müllsäcken zu verzichten, lieber mit der Hand aufknoten, die Lebensmittel durchsortieren, alles, was dort bleiben soll, ordentlich wieder verpacken und zurück in den Container legen.

- Ausschließlich frei zugängliche, ungesicherte und unverschlossene Container auswählen – so kommt man nicht in die Verlegenheit, sich des Hausfriedensbruchs strafbar zu machen.

- Auch wenn Lebensmittel aus dem Müll noch von guter Qualität und durchaus verzehrbar sind, holt man manchmal Maden oder Insekten mit aus dem Container. Deshalb: Daheim gleich alles auspacken und abwaschen, sonst können sich Schädlinge in der Küche oder Wohnung ausbreiten.

- Freunde und Bekannte fragen: Es muss nicht ausschließlich das Essen aus dem Container sein. Viele Menschen horten haufenweise Lebensmittel, die sie gar nicht selbst komplett aufbrauchen können. Manche geben gern etwas ab.

 
Die Rechtslage

„Das ist kompliziert“, sagt Marburg-Biedenkopfs Polizeisprecher Martin Ahlich zur Rechtslage beim Containern. Je nach Methode liegt es in einer Grauzone, doch gibt es durchaus Möglichkeiten, sich strafbar zu machen. Eine entscheidende Frage sei, wie stark ein Markt seinen Müllcontainer gegen fremden Zugriff abgesichert hat, erläutert Ahlich und verweist darauf, dass es ein Fall von Sachbeschädigung sei, wenn beispielsweise ein Schloss geknackt werde. Zum Straftatbestand des Hausfriedensbruchs kommt es, wenn Containerer über Zäune steigen, um an Lebensmitteltonnen zu gelangen.

Letztlich gilt, wo kein Kläger, da kein Richter – wenn ein Supermarktbetreiber keinen Strafantrag stellt, haben Mülltaucher wenig zu befürchten. Zumal es eine große Sympathie für die Containerer gibt und den meisten Märkten kaum daran gelegen ist, solche Fälle an die große Glocke zu hängen. Zudem gibt es eine Grenze, die bei 50 Euro liegt – bleibt der Wert der mitgenommenen Lebensmittel darunter, erfolgt eine Anzeige nur, wenn der Supermarktbetreiber den Strafantrag stellt. Es gibt politische Vorstöße, um Containern generell zu legalisieren. Nach einer Studie des Bundesverbraucherministeriums zur Lebensmittelverschwendung im Jahr 2012 stellte Die Linke im Bundestag den Antrag, das Containern nach Lebensmitteln straffrei zu stellen. So wird es in Österreich und der Schweiz bereits gehandhabt.

 
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