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Sanierungsfall VfB Marburg

Platz-Verkauf Sanierungsfall VfB Marburg

750000 Euro Schulden hatte der VfB Marburg Ende 2011. Jetzt will der Verein mit Geld aus dem Platzverkauf und eisernem Sparkurs raus aus der Krise. Das ist das Ergebnis einer gelinde gesagt turbulenten Mitgliederversammlung.

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Der VfB Marburg verkauft sein Stadion an der Gisselberger Straße an die Stadt Marburg und behält die Nutzungsrechte für 15 Jahre.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Irgendwann platzte Günther Keifler der Kragen. Das VfB-Urgestein, als Sportlicher Leiter die Seele des Vereins, appellierte, den Tränen nahe, an die Mitglieder, fair miteinander umzugehen. „Wenn eine Fußballmannschaft auf dem Platz so auftritt, würde man sie als Sauhaufen bezeichnen“, rief Keifler mit bebender Stimme, um zu ergänzen: „Und man würde ihnen Disziplin beibringen.“

Um im Bild zu bleiben: Übermäßige Disziplin ist das letzte, was man den erschienenen Mitgliedern nachsagen kann. Drei Stunden lang diskutierten sie über Möglichkeiten, den vor der Insolvenz stehenden Verein zu retten. Am Ende stand der – für den Verein historische – Beschluss, den vereinseigenen Platz an der Gisselberger Straße zu verkaufen. Sobald der Kaufvertrag mit der Stadt perfekt ist, hat damit kein einziger Verein in Marburg mehr ein eigenes Sportgelände.

 Damit folgte die Mehrheit der Mitglieder dem Vorschlag einer im Dezember eingesetzten Kommission: Jürgen Hertlein, Hans Nass, Thomas Pfeiffer und Dr. Helmut Pfeiffer verhandelten mit der Stadt Marburg einen Vertragsentwurf, der den Verkauf des Platzes für rund 450000 Euro vorsieht. Der Verein behält für 15 Jahre das Nutzungsrecht – im übrigen auch für die Umkleidekabinen. Von dem Erlös können die Bankschulden beglichen werden, außerdem erhält Vorsitzender Dietrich Möller einen Teil seines Geldes zurück, das er dem Verein vorgeschossen hat: Knapp 160000 Euro sofort, weitere 200000 Euro gestreckt auf die nächsten 20 Jahre. Möller verzichtet auf 100000 Euro. „Aber er bekäme 78 Prozent seines Geldes zurück“, wie Jürgen Hertlein ausrechnete.

Ein „Investorenpool“ bietet seine Hilfe an

Der Vorsitzende selbst unterstützte einen anderen Vorschlag, der aus der Versammlung heraus gemacht wurde: Rechtsanwalt Michael Preusse, erst seit kurzem Vereinsmitglied und den meisten Anwesenden daher unbekannt, schlug namens einer nicht näher definierten Investorengruppe vor, einen „Nothilfefonds“ in Höhe von 300000 Euro zu bilden. Damit sollten die Schulden der Sparkasse bezahlt werden, Gläubiger des Vereins würden die Investoren, sämtlich Mitglieder des VfB Marburg. Der Platz bliebe im Vereinsbesitz und könne „irgendwann in ferner Zukunft“ einmal verkauft werden, wenn das Grundstück in Bauland umgewandelt und entsprechend im Wert gestiegen sei. Danach erhielte auch Möller sein Geld zurück.

Der Vorschlag stieß gleichermaßen auf Sympathie wie auf Skepsis. Entscheidend für das spätere Abstimmungsergebnis war wohl das engagierte Votum des Vereinsmitglieds Egon Vaupel. Vaupel, der betonte, nicht als Oberbürgermeister zu sprechen, warf den Investoren vor, den Platz zum „Spekulationsobjekt“ zu machen. Er wiederholte zudem seine schon mehrfach geäußerte Festlegung, unter ihm als Sportdezernenten werde es keine Änderung der Bauleitplanung geben. Eine Bebauung des Geländes wäre zudem – ganz unabhängig davon, dass der VfB Marburg keine Bleibe mehr hätte – „der Anfang vom Ende“ des Sportzentrums Georg-Gaßmann-Stadion.

„Taschenspielertricks“ und Vollmachten

Heinrich Meier III, der sich als einziger neben Preusse als Investor zu erkennen gab, versuchte noch, Mehrheiten für seinen Vorschlag zu finden: „Der Platz bleibt erstmal im Vereinsbesitz“, sagte er und fügte hinzu: „Mir ist es egal, wann ich mein Geld wiederbekomme.“

Mag sein, dass die Entscheidung anders ausgefallen wäre, hätten sich weitere Investoren vorgestellt. So aber überwog das Misstrauen gegenüber einem Vorschlag, der bei vielen Fragen offen ließ.

Als hätte die Gruppe um Preusse und Meier III damit gerechnet, zauberte Heinrich Meier III vor der Abstimmung eine einstellige Anzahl von Vollmachen nicht anwesender Vereinsmitglieder aus dem Hut. Möller erklärte auf Befragen aus der Versammlung, er habe sich erkundigt und die Auskunft erhalten, dass die Stimmen der Vollmachtgeber mitgerechnet würden – auch wenn die Vereinssatzung dies nicht ausdrücklich vorsehe. Dass Möller zugeben musste, sich in dieser Sache ausgerechnet bei Michael Preusse erkundigt zu haben, war alles andere als eine vertrauensbildende Maßnahme – von „Taschenspielertricks“ und ähnlichem war die Rede.

Mit 23 gegen 11 Stimmen votierte der Verein schließlich für den Verkauf des Platzes an die Stadt. Der dritte Vorschlag – ihn hatte Möller im Dezember gemacht – nämlich den Platz an einen Investor zu verkaufen, erhielt nur eine Stimme, nämlich die von Möller selbst.

Sparplan „anspruchsvoll, aber machbar“

Vor dem Verkaufsbeschluss hatten die Mitglieder bei wenigen Enthaltungen den Wirtschaftsplan für das Jahr 2013 beschlossen, den die Verhandlungskommission erarbeitet hatte. Er sieht im Kern die Halbierung der Spielergehälter und die Reduzierung der Kosten für Ablösen und Ausbildungskostenersatz vor und beinhaltet auch die Kosten für die Rückerstattung der Raten an Dietrich Möller. Auch die Einnahmen aus Werbung und Spenden wurden nur noch mit der Hälfte kalkuliert. „Anspruchsvoll, aber machbar“, nannte Thomas Pfeiffer diesen Plan. Ob der VfB unter diesen Voraussetzungen in der kommenden Runde eine konkurrenzfähige Mannschaft für die Gruppenliga stellen könne, ließ Keifler am Ende der Versammlung ausdrücklich offen.

von Till Conrad

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