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Reinfried Pohls Einfluss auf die Stadt

Neuer Sammelband Reinfried Pohls Einfluss auf die Stadt

Er ist Marburger Ehrenbürger, Ehrenprofessor der Philipps-Universität und umstritten wie kaum eine zweite Persönlichkeit in Marburg: 
Dr. Reinfried Pohl, der 2014 verstorbene Gründer der DVAG.

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Sinnbild des Pohl‘schen Wirkens in der Stadt Marburg: Das Schulungs- und Kongresszentrum der DVAG im Nordviertel.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Kommunalpolitiker der Marburger Linken, Politikwissenschaftler und Gewerkschafter haben das Verhältnis zwischen Dr. Reinfried Pohl und seiner Heimatstadt in einem Sammelband beleuchtet. Es trägt den provokanten Titel „Die gekaufte Stadt?“ – mit Fragezeichen, und, keine falschen Erwartungen, das Fragezeichen wird auf den 271 Seiten nicht aufgelöst.

Der 2014 verstorbene Vorstandsvorsitzende der Deutschen Vermögensberatung, Reinfried Pohl, hat mit der von ihm erfundenen Methode des „Direktvertriebs“ von Versicherungen und Finanzdienstleistungen ein Milliardenvermögen gemacht. Er galt als einer der reichsten Männer Deutschlands.

Aus den politischen Auseinandersetzungen in seiner Heimatstadt hat sich Pohl, abgesehen von einer kurzen Episode als FDP-Abgeordneter in den 50er-Jahren, weitgehend herausgehalten. Wie groß sein Einfluss auf die kommunale und die deutsche Politik dennoch war, versuchen die Autoren herauszuarbeiten.

Verdacht der Einflussnahme

Da gibt es die regen Bautätigkeiten der DVAG im Marburger Nordviertel, durch die ein neues Stadtviertel entstand. Da gibt es umfangreiches Engagement der Pohl-Firmen in der Hotel- und Gastro-Szene. Da gibt es vor allem das viel diskutierte Mäzenatentum des DVAG-Patriarchen, vor allem zugunsten der medizinischen Forschung und Lehre in Marburg und der Universität.

Da gibt es die persönliche Freundschaft von Dr. Pohl mit Ex-Bundeskanzler Helmut Kohl und die personellen Verbindungen zwischen der Bundes-CDU und der DVAG. Da gibt es vor allem die reichlichen Spenden von Dr. Reinfried Pohl und den DVAG-Unternehmen an politische Parteien.

Über all diesen Verbindungen schwebt der Verdacht, Pohl habe auf diesen Wegen versucht, Einfluss auf Entscheidungen zu nehmen: Spenden, Freundschaften, Landschaftspflege. Dieser Verdacht zieht sich durch das Buch wie ein roter Faden; beweisen können ihn aber auch die Autoren des Buches nicht.

In der Kommunalpolitik ist das Verhältnis von Pohl zur Politik in Marburg spätestens seit Ende 2011 ein Thema. Damals spendete Pohl die für ihn geringe, für die Stadt aber erhebliche Summe von drei Millionen Euro an die Stadtkasse. Der Deal wurde bekannt. In der Koalition aus SPD und Grünen führte die Annahme der Spende zu schweren Verstimmungen.

Teils abenteuerliche Interpretationen

Der Politologieprofessor Frank Deppe ordnet diese Vorgänge in eine Tendenz zur „Re-Feuda­lisierung“ ein, wie sie in der 
Wissenschaft genannt wird. „Re­feudalisierung bedeutet, dass Wirtschaftseliten und ihre Verbände zunehmend Einfluss auf politische Entscheidungen nehmen, genauer: auf den Prozess der Vorbereitung solcher Entscheidungen in den Parteien, den Parlamenten, den Ministerien und den Medien.“

Der frühere Marburger Student, der Politologe und Journalist Jürgen Nordmann versucht sich dem Thema über einen Stadtspaziergang zu nähern, neigt aber zu abenteuerlichen Interpretationen wie der über den neuen Bahnhofsvorplatz: „Die Fachhochschule für Finanzdienstleitungen (der frühere Waldecker Hof) hätte nur halb so seriös und einladend ausgesehen, wenn der Bahnhofsvorplatz in seiner alten Hässlichkeit verblieben wäre“, schreibt Nordmann und schiebt eine noch deutlichere 
Anspielung hinterher: „Über den Bahnhofsvorplatz kann man jetzt ungestört zum Waldecker Hof schreiten, weil der Autoverkehr um den Platz herum geführt wurde.“

Magistratsmitglied Nico Biver (Marburger Linke) hat sich mit den Spenden von Reinfried Pohl an politische Parteien auseinandergesetzt. 2010/2011 hatte es in Marburg eine Diskussion über DVAG-Spenden an Parteien in Marburg gegeben, auch an die Grünen und mutmaßlich auch an die SPD.

Biver: Stadt ist auf die Spenden nicht angewiesen

Nachzuweisen ist das letztere nicht, weil Spenden erst ab 10.000 Euro veröffentlicht werden müssen. „LobbyControl“, schreibt Biver, 
„nahm die Marburger Spendenaffäre zum Anlass, von der SPD zu fordern, dass Spenden schneller veröffentlicht werden, die Schwellenwerte für eine Veröffentlichung herabgesetzt und sie den Gliederungen zugeordnet werden, an die sie geflossen sind.“

Biver thematisiert auch die Frage, ob Marburg denn auf die DVAG-Millionen angewiesen sei. Zumindest nicht auf seine Spenden, antwortet Biver, die Senkung der Gewerbesteuer von 400 auf 370 Punkte habe sich positiv auf den Stadtsäckel ausgewirkt.

Pohl hatte zuvor 2003 den Hauptsitz der DVAG nach Marburg verlegt. 2014, so Biver, entstammten mehr als 70 Prozent des gesamten Gewerbesteuer­aufkommens der Pharmaindustrie, nur knapp ein Sechstel dem Banken- und Versicherungswesen mit der DVAG.

Biver meint aber, es gebe keinen Grund, „den Konzernen der Pharma- und Versicherungsbranche besonderen Dank entgegenzubringen.“ „Man sollte stattdessen die Steuerschraube stärker anziehen, damit wenigstens ein Teil der Gewinne der Allgemeinheit zugutekommt“, schreibt Biver.

  • Sebastian Chwala u.a. (Hrsg): Die gekaufte Stadt? VSA-Verlag Hamburg. 271 Seiten, 16.80 Euro. Das Buch wird öffentlich vorgestellt am Mittwoch ab 19.30 Uhr im TTZ.

von Till Conrad

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