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Sally Perel war ein jüdischer Hitler-Junge

NS-Zeit Sally Perel war ein jüdischer Hitler-Junge

Er war „Hitlerjunge Salomon“. Sein gleichnamiges Buch machte den Holocaust-Überlebenden Perel bekannt. Der Zeitzeuge aus Israel wird in Marburg mehrere Seiten aus einem traurigen Kapitel deutscher und persönlicher Geschichte vortragen.

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Marburg. Sally ist die Abkürzung für Salomon - ein so offensichtlich jüdischer Name. Sally Perel, heute 88 Jahre alt, musste als Jugendlicher in der Nazi-Zeit seine Identität verbergen, um zu überleben. Seine Geschichte ging um die Welt, nachdem sich der Holocaust-Überlebende 40 Jahre nach den grausamen Erlebnissen entschloss, eine Autiobiografie zu veröffentlichen. Sein Buch erschien in Deutschland 1992 unter dem Titel „Ich war Hitlerjunge Salomon“ und wurde verfilmt. Perel wurde international bekannt.

88-Jähriger berichtet Schülern über seine Jugend

Seitdem geht der in Israel lebende Autor nun regelmäßig auf Lesereise und hat einen vollen Terminkalender. Umso mehr sind der Arbeitskreis Landsynagoge Roth, aber auch die Geschichtswerkstatt und die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit froh und stolz, dass sie Sally Perel für mehrere Veranstaltungen in Marburg gewinnen konnten. Am Donnerstag, 13. Juni, wird der Holocaust-Überlebende um 20 Uhr in der Marburger Synagoge, in der Liebigstraße, aus seinem Buch „Ich war Hitlerjunge Salomon“ lesen und anschließend mit den Zuhörern diskutieren. Der Eintritt ist frei. Zudem wird Perel am Donnerstag und Freitag mit Schülern in nicht-öffentlichen Veranstaltungen der Gesamtschule Niederwalgern sowie den Marburger Gymnasien Philippinum und Martin-Luther-Schule (MLS) ins Gespräch kommen.

Perel wird den Schülern berichten, wie er 1938 als 13-Jähriger nach Polen fliehen musste und dort später von der Wehrmacht gefangengenommen wurde. Da er perfekt Deutsch sprach, konnte er sich als Volksdeutscher ausgeben: Er nannte sich Josef Perjell oder Peters und verschwieg seine jüdische Herkunft. Als deutsch-russischer Übersetzer arbeitete er sogar für diejenigen, die Juden ausrotten wollten - für die Wehrmacht. Nach zwei Jahren Kampf an der Front gegen die Sowjetunion, wurde er ins „Vaterland“ versetzt. Dort kam er in eine Schule der Hitlerjugend. Aufgrund der ständigen Gegenüberstellung des Nationalsozialismus in der HJ-Schule fing er an, sich mit dieser Politik zu identifizieren. An dieser HJ-Schule identifizierte ihn - im Film kommt diese Szene besonders grotesk rüber - ein Lehrer als Angehörigen der „Baltisch/Arischen Rasse“. Das half dem Juden beim Verschleiern seiner Identität. Perel beschreibt, wie er ständig seine Beschneidung verbergen musste.

Viele Vorbereitungen im Vorfeld der Lesung

Die Vorkehrungen für Perels Veranstaltungen in Marburg laufen seit Monaten auf Hochtouren. Dr. Annegret Wenz-Haubfleisch, Vorsitzende des AK Landsynagoge Roth, und Arne Erdmann, Lehrer an der MLS, gehören zu denjenigen, die sich intensiv um die Organisation gekümmert haben.

Unter anderem hatte der MLS-Schüler Jonas Stehling die Idee, den Film vorab in Marburg zeigen zu lassen, berichtet Lehrer Erdmann. Der Schüler habe sich mit dem Kino in Verbindung gesetzt: Kino-Betreiberin Marion Closmann lässt den mehrfach ausgezeichneten Film „Hitlerjunge Salomon“ am Montag, 9. Juni, um 17.30 und 20 Uhr im Capitol vorführen.

Weitere Kooperationspartner sind die Jüdische Gemeinde Marburg, die Arbeitsstelle Archivpädagogik am Hessischen Staatsarchiv Marburg und der Verein Strömungen. Die Stadt Marburg und die Landeszentrale für Politische Bildung in Wiesbaden bezuschussen die Veranstaltung, so Wenz-Haubfleisch. „Wir bitten dennoch auch um weitere Spenden“. Solange es Zeitzeugen gebe, müsse man viele solcher Aktionen organisieren.

Blickpunkt:

Sally Perel wurde 1925 im niedersächsischen Peine geboren. Seine Eltern, jüdische Geschäftsleute, mussten vor den Nazis fliehen: Nachdem ihr Schuhgeschäft zerstört wurde, versuchte die Familie, im polnischen Lodz dem Krieg zu entkommen, konkret: zu überleben. Doch das gelang nur teilweise: Von den Familienmitgliedern überlebten nur Sally und seine Brüder Isaak und David den Holocaust. Nach dieser Zeit emigrierte Perel nach Israel, weil er sich in Deutschland nicht mehr willkommen fühlte. Seit einigen Jahren ist der  in Israel lebende Zeitzeuge etwa zweimal jährlich auf Lesereisen in Deutschland unterwegs. Insbesondere wird er zu Lesungen und Vorträgen in Schulen eingeladen, um seine Erlebnisse im Dritten Reich der jungen Generation näher zu bringen. Daher war es für die Marburger Gruppen, die ihn einluden, nicht einfach, einen  Termin mit seiner Agentur zu vereinbaren: Sally Perel ist ein gefragter Zeitzeuge. Viele Fragen, so hoffen sich die Veranstalter, stellen die Besucher am 13. Juni in der Synagoge.

von Anna Ntemiris

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