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Salafisten werben Anhänger in Marburg

Fundamentalismus Salafisten werben Anhänger in Marburg

Sorge vor Radikalreligiösen: Seit Monaten verteilen Islamisten in der Universitätsstadt Koran-Exemplare. Einige der Aktivisten sind nach OP-Informationen bekannte Fundamentalisten aus der hessischen Radikalenszene.

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Koran-Verteiler dehnen ihre Aktivitäten zunehmend von Rhein-Main nach Mittelhessen aus.

Quelle: Archiv

Marburg. Helfer der umstrittenen „Lies“-Kampagne versuchen immer wieder, Anhänger in der Universitätsstadt zu werben, zuletzt Mitte April, davor Anfang März sowie im Februar. Auch für den Sommer sollen laut Einträgen in sozialen Netzwerken Verteilaktionen geplant sein.

Das Hessische Innenministerium bestätigt die Aktivitäten in Kleinstädten und ländlichen Gebieten: „Die Gefahr der Radikalisierung durch Salafisten besteht“ sagt ein Sprecher auf OP-Anfrage. Die Salafisten dehnen nach Behördenangaben ihre Missionierungskampagnen über die Koran-Verteilaktion für die salafistische Rekrutierung zunehmend über die Ballungszentren Rhein-Main-Gebiet und Kassel aus.

Dem hessischen Verfassungsschutz zufolge verteilen die vom salafistischen Missionierungsnetzwerk „Die Wahre Religion“ (DWR) koordinierten Akteure außerdem die Koran-Exemplare zunehmend in Städten an den Orten, die häufig von Jugendlichen besucht würden: Fitnessstudios, Waschsalons und Kinos.

Ordnungsamt kontrolliert Infostände

In Marburg hat die Stadtverwaltung, bei der die Organisation die Genehmigung für einen Info-Stand beantragen muss, nur den Standort am Rudolphsplatz nahe der Kunsthalle genehmigt. „Ich kann Bedenken gegen die Koran-Verteilung der Organisation nachvollziehen“, sagt Oberbürgermeister Egon Vaupel (SPD). Die Stadtverwaltung könne die Info- und Verteilungsstände aber nicht verbieten, das ließe die Rechtslage nicht zu; dazu müsste die Organisation verboten oder dort Straftaten begangen werden.

Das Ordnungsamt kontrolliere die Stände, habe bislang aber „keine strafrechtlich relevanten Aspekte oder Verstöße gegen Auflagen“ feststellen können.

Unter den Verteilern sind jedoch offenbar deutschlandweit bekannte und führende Salafisten wie Ibrahim Abou-Nagie und Abu Dujana aus Bonn – einer Hochburg der Extremisten. Unterstützt werden sie von mehreren radikalen Glaubensbrüdern aus Südhessen und, nach OP-Informationen, auch von etwa einem halben Dutzend Muslime, die in Marburg wohnen oder sich in der Stadt aufhalten.

Dass es Radikale auch in der Universitätsstadt gibt, zeigt unter anderem der Fall von Stefan Salim N., der sich 2014 wegen Anstiftung zum Mord am islamkritischen Autor Zhaid Khan vor dem Landgericht Darmstadt verantworten musste (Urteil: zweieinhalb Jahre Gefängnis wegen versuchter gefährlicher Körperverletzung).

„Es muss den Leuten klar sein, dass eine Gruppe wie Lies für die Terrororganisation Islamischer Staat, Kämpfer rekrutieren will“, sagt ein Verfassungsschützer.

Islamische Gemeinde verurteilt Koran-Verteilung

Die Islamische Gemeinde in Marburg verurteilt die Koran-Verteilungen in der Stadt. „Wir leben in einer Zeit der Scharfmacher,seien es Salafisten oder Islam-Kritiker, beide haben denselben Geist“, sagt der Vorsitzende, Bilal El-Zayat. Eine vielfältige Gesellschaft müsse es zwar „aushalten können“, dass „eifrige Gläubige andere Überzeugungen zum Vorbild haben“.

Jedoch sei es „sicher nicht hilfreich, wenn diejenigen, die diese Aktion betreiben, religiös wenig bis gar nicht gebildet sind, und Rand- oder zum Teil sogar extremistische Positionen zu grundsätzlichen Fragen der Religion einnehmen“. El-Zayat kritisiert, dass „die Türen für Scharfmacher weit geöffnet“ seien, weil sich „manche Muslime hier nicht heimisch fühlen“.

Das Innenministerium geht derzeit von 1500 Salafisten aus, die in Hessen leben. Deutschlandweit sind laut Verfassungsschutz 650 Islamisten zum Kämpfen nach Syrien ausgereist, einige zogen weiter in den Irak. Es gebe eine „weiterhin steigende Ausreisetendenz“, sagt ein Ministeriums-Sprecher. Ein Drittel ist nach Behördenerkenntnissen zurückgekehrt, über 40 radikalislamistische Rückkehrer gebe es gesicherte Informationen, dass sie an Kämpfen teilgenommen haben, mehr als 75 seien gestorben. Durch die Verbreitung von Propagandamaterial über das Internet könne die Radikalisierung unabhängig vom Standort stattfinden

Radikale "schädigen Ruf des Islam"

Die Gemeinde-Mitglieder der Ahmadiyya Muslim Jamaat in Marburg sorgen sich angesichts der Entwicklung: „Die bezwecken damit nichts Gutes. Wir distanzieren uns ganz klar vom Salafismus, von diesen Personen und Gruppen“, sagt Saadat Ahmed. Es sei „neu und keine gute Entwicklung“, dass die Radikalen nun auch außerhalb von Großstädten aktiv für „ihre gewalttätigen Gedanken und Handlungen“ werben und damit „den Ruf des Islam, aller Gläubigen schädigen“.

Ahmed hält die freie Verteilung des Korans grundsätzlich für problematisch. „Die Schrift ist für uns eine Offenbarung, aber vieles darin ist Auslegungssache. Wir gehen davon aus, dass Gott, dass Glaube friedlich sein muss, aus einem Selbstverständnis heraus. Doch die Salafisten interpretieren alles radikal, wollen Gewalt.“ Unter Marburger Islam-Gläubigen seien die Radikalisierung von Teilen der Glaubensgemeinschaft und die Glaubenskämpfer-Rekrutierung „ein andauerndes Thema“.

El-Zayat fordert Hilfe von den Behörden der Stadt: „In Marburg gibt es keinen einzigen hauptamtlichen Mitarbeiter eines muslimischen Vereins – gerade in der Jugendarbeit scheint es aber jetzt unverzichtbar, dass junge Muslime einen anerkannten Gesprächspartner auch in religiösen Belangen haben“, sagt er. „Religiöse Bildung schützt vor Extremismus.“

von Björn Wisker

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