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„SPD macht‘s den Mitgliedern schwer“

Basis erschüttert „SPD macht‘s den Mitgliedern schwer“

Es brodelt in der SPD. Schockartiger Rücktritt und Wechsel bei der Landratskandidatur, mangelnde Infos über die Gründe des Richter-Plettenbergschen Rückzugs und dazu Gerüchte über mögliche Konkurrenz aus den eigenen Reihen heizen die Diskussionen an.

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Quelle: Tobias Hirsch

Marburg. Zeitungsleser wissen mehr. Und Zeitungsleser mit SPD-Parteibuch wissen aus der Zeitung, was in den eigenen Reihen passiert. „Von der Partei habe ich noch nichts gehört über die jüngsten Ereignisse“, erklärt Wolfgang Salzer, altgedienter SPD-Kommunalpolitiker aus Stadtallendorf, auf Anfrage der OP. „Die Nachrichten über den Rücktritt von Richter-Plettenberg kann ich nur mit großer Verwunderung aufnehmen“, sagt der 68-Jährige und betont, dass er davon ausgegangen sei, dass ein Bewerber im Vorfeld seiner Kandidatur wissen müsse, ob er der Aufgabe gewachsen sei.

Mit einer Einschätzung zur Nominierung von Kirsten Fründt hält Salzer sich zurück. „Ich kenne sie nicht persönlich, finde es aber gut, dass der Unterbezirksvorstand schnell die Lücke geschlossen hat - das ist das einzig Positive.“

Vom Ostkreis ins Hinterland, zu Hermann Bamberger aus Hartenrod. Dem geht es ähnlich wie Salzer. Der 73-Jährige ist, so wie auch Salzer, seit Jahrzehnten SPD-Mitglied und arbeitete viele Jahre lang in unterschiedlichen Funktionen in der Kommunalpolitik seiner Heimatgemeinde Bad Endbach mit. „Ich war entsetzt, als ich am Dienstagabend im Internet diese Nachricht gelesen habe“, berichtet er und ergänzt: „Mein erster Gedanke war: Nein, schon wieder so etwas!“ Bei der Bürgermeisterwahl in Bad Endbach sei den Sozialdemokraten zuletzt auch der Kandidat abgesprungen. Über Richter-Plettenberg sagt Bamberger: „Er hat auf mich einen prima Eindruck gemacht - und ich habe eine echte Chance für uns gesehen. Ob das jetzt mit einer ganz unbekannten Kandidatin noch so ist?“, fragt er sich selbst und ergänzt: „Jemand Bekannteres wäre besser gewesen.“ Bamberger hofft jetzt darauf, dass die SPD-Basis bei der Wahl besonders motiviert ist im Wahlkampf, weil sie nun schließlich wisse, dass es darum geht, „eine totale Blamage“ abzuwenden.

Mit oder ohne SPD - oder als parteiloser Bewerber

Auch ganz im Norden des Landkreises, in Münchhausen, ist die Stimmung an der SPD-Basis nicht gerade gut. „Die SPD macht‘s den Mitgliedern schwer, das alles zu begreifen“, sagt Hans-Martin Seipp, SPD-Gemeindevertreter und langjähriges Parteimitglied. „Ich kann nicht nachvollziehen, wie wir uns selbst immer wieder ein Bein stellen“, beklagt er und sagt, dass man es als SPD-Mitglied schwer habe im Gespräch mit den Menschen, „die Leute können diese Sachen nicht verstehen, und wir an der Basis müssen die Dinge erklären“.

Die neue Landratskandidatin Kirsten Fründt kennt Seipp nur vom Hörensagen. Hat sie eine Chance im Rennen um den Landratsposten? Seipp lacht. „Das wird schwer in der Kürze der Zeit, die jetzt noch bleibt.“ Seipp hofft, dass die SPD es noch in die Stichwahl schafft mit ihrer Bewerberin. „Da ist jetzt die Basis gefordert, sonst bekommen wir einen Landrat McGovern und dann bleibt alles beim Alten für Marburg-Biedenkopf und wir haben Stillstand.“

Verwunderung und Erstaunen: Das waren gestern bei SPD-Bürgermeister Andreas Schulz (Ebsdorfergrund) die vorherrschenden Gefühle im Hinblick auf die Vorgänge in seiner Partei. Im Herbst vergangenen Jahres, vor der Nominierung Richter-Plettenbergs als Kandidat, wurde noch eifrig darüber diskutiert, ob nun Richter-Plettenberg oder Schulz der SPD-Kandidat werden würde. Dann kündigte die SPD-Spitze an, alle Bewerber der Partei vorstellen zu wollen - und Schulz kündigte an, unter diesen Umständen zu verzichten. „Es verschlägt mir die Sprache, wie leicht das jetzt ging“, sagt er über den fliegenden Wechsel zwischen Richter-Plettenberg und Fründt - und kritisiert, dass die Parteispitze die Kandidatin sogleich der Öffentlichkeit präsentierte, anstatt zunächst in den eigenen Reihen zu informieren.

Für den Bürgermeister aus Ebsdorfergrund, dem eine gewisse Rivalität zu Richter-Plettenberg nachgesagt wird und der einst in der Verwaltung seiner Gemeinde dessen Chef war, stellt sich die Situation inzwischen anders dar. Er war damals interessiert an einer Kandidatur - und nach dem Rücktritt Richter-Plettenbergs wurde er nach eigenem Bekunden von der Partei nicht gefragt, ob er nun einspringen will. Dabei hätte Schulz inzwischen vielleicht (wieder) Interesse an einer Kandidatur - seine Partei an ihm offensichtlich nicht. Nun überschlagen sich die Gerüchte. Ob mit oder ohne SPD, ob für die SPD oder als parteiloser Bewerber: Schulz könnte noch kandidieren. Er schweigt vorerst dazu. „Es ist ja noch Zeit bis zum Bewerbungsschluss am 4. Juli“, sagt er. Auch der zurückgetretene Kandidat Richter-Plettenberg ließ sich gestern im sozialen Netzwerk Facebook zur Nominierung Kirsten Fründts ein: „Wow! Mit dieser Nominierung ist dem SPD-Unterbezirk ein echter Coup gelungen. Die politischen Kontrahenten, die beide mit ,weiter so‘ werben, müssen sich jetzt erst recht warm anziehen!“

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