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SPD-Dominanz dank Kontinuitäts-Kurs

OB-Wahl SPD-Dominanz dank Kontinuitäts-Kurs

Die OP-Analyse nach Teil eins der Oberbürgermeisterwahl skizziert Gründe für die Grünen-Klatsche, die Rezepte für die Siege der Kandidaten von SPD und Linken sowie den Hoffnungsschimmer für den CDU-Bewerber.

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OP-Chefredakteur Christoph Linne (von links) befragt Dirk Bamberger und Dr. Thomas Spies.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Das Bekenntnis zu einem Seilbahnbau auf die Lahnberge könnte Dr. Elke Neuwohner (Grüne) am Ortenberg Stimmen gekostet haben. Im Vergleich zu 2011, als Dr. Franz Kahle für die Partei antrat, verlor sie in den drei Wahllokalen bis zu sechs Prozent der Stimmen – und erreichte im Bezirk Ortenberg III an der Brüder-Grimm-Schule doch ihr insgesamt viertstärkstes Ergebnis (17,6 %). Am besten schnitt sie im Südviertel, speziell Stimmbezirk II, Altenhilfezentrum ab (21,4 %). Abseits der Kernstadt, zumal in den Außenstadtteilen lag die Ärztin fast überall unter ihrem Gesamtergebnis von 9,7 %. Speziell in Cappel (7,7 %), Moischt (6,6 %) und Schröck (8,1 %) dürfte das auch mit der Debatte um zwei Windräder auf dem „Lichten Küppel“ zusammenhängen, wobei sie im Vergleich zu Kahle nur in den meisten der sechs Cappeler Wahlbüros, nicht so sehr in Moischt und Schröck sichtbar weniger Stimmen bekam als Kahle 2011.

Das Werben von SPD-Kandidat Dr. Thomas Spies für den Kontinuitäts-Kurs in der Nachfolge von Amtsinhaber Egon Vaupel (SPD) scheint zu funktionieren. Er hat die meisten der 83 Wahlbezirke gewonnen. Der Landtagsabgeordnete holte in sämtlichen Wahlbüros der Kernstadt mehr Stimmen als CDU-Konkurrent Dirk Bamberger. Lediglich den Grassenberg verlor Spies (31,1 %) an diesen; und das deutlich mit 18 % Differenz. Bei der Briefwahl holte er deutlich weniger als OB Egon Vaupel  2011, liegt dort gleichauf mit seinem CDU-Gegner.

Die vom Konservativen Bamberger beschworene Wechselstimmung hat sich im ersten Wahlgang indes nicht abgezeichnet. Die Felder, in denen er Probleme anprangerte – etwa die Finanzsituation und Schuldenabbau – hat in der Stadt wohl nur die Anhänger des bürgerlichen Lagers (CDU, FDP, Marburger Bürgerliste und Bürger für Marburg, für die Bamberger als gemeinsamer Kandidat antritt) interessiert. Auch die Ablehnung eines Seilbahnbaus, für den außer der Grünen-Kandidatin niemand stand, verschaffte ihm wohl kaum Anhänger aus anderen Lagern. Am Ortenberg etwa, der von einer Seilbahn am meisten betroffen wäre, liegt er mit 34,5 % nah an seinem Gesamtergebnis
(35,2 %). In der Oberstadt, deren Bewohner er jahrelang war und für deren Sicherheit er wirbt, konnte er das Ergebnis von 2011 (Kandidat: Wieland Stötzel) nahezu verdreifachen (von rund 8 auf mehr als 20 %) – und das trotz traditionell hohem linkspolitischem Wähleranteil.

Linken-Kandidat trifft den thematischen Nerv

Punkten konnte er mit der Parkplatz-Problematik, die vor allem von Bewohnern der Außenstadtteile als Sorge formuliert wird (siehe OP-Umfrage). Die Ergebnisse spiegeln das wider: In allen Wahllokalen der östlichen und westlichen Stadtteile liegt er deutlich über dem Gesamtergebnis. Das gilt auch in SPD-Hochburgen wie Michelbach und Ginseldorf, wo Bamberger jeweils 40-Prozent plus erhielt. Unklar ist, wie sich die in der Vor-Wahlwoche entbrannte Diskussion um Filz- und Korruptionsvorwürfe in Richtung der Stadtpolitik ausgewirkt hat.

Linken-Kandidat Jan Schalauske schaffte es, mit dem Fokus auf einer grundlegenden Reform der städtischen Nahverkehrs- und Wohnungspolitik die Themen anzusprechen, welche die Marburger am meisten bewegten (siehe OP-Umfrage vom 10. Juni) – und das offenbar mit einem konkreteren Konzept als Spies und Bamberger, die sich auch der Wohnungssituation widmeten. Der Politikwissenschaftler erreichte in der Kernstadt – dort, wo das Wohnraumproblem am größten ist – fast überall zweistellige Ergebnisse. Nicht nur in traditionell Linken-Hochburgen wie Weidenhausen, wo er sein bestes Resultat einfuhr (21 %, Parteikollege Henning Köster holte 2011 dort 7,7 %), gewann er Wähler. Auch in den bürgerlicheren Stadtteilen Wehrda und Cappel verdoppelte er das 2011er-Ergebnis seiner Partei. In der Marbach verdreifachte er es sogar fast (von 3,5 auf 9,8 %). Chancenlos ist er in den Außenstadtteilen, wo er überall deutlich unter seinem Gesamtergebnis (9,8 %) liegt. In Bortshausen etwa – wo das von ihm oft kritisierte Kriegerdenkmal der Marburger Jäger steht – wählten ihn drei Anwohner. Bestes Resultat abseits der Kernstadt: Cyriaxweimar (7,4 %).

Bei der Wahlbeteiligung klafft indes eine große Lücke in der Stadt. In den Außenstadtteilen, speziell Ronhausen (61,1 %), Bortshausen (59,9 %) und Wehrshausen (56,1 %) habe überdurchschnittlich viele Wähler ihre Stimme abgegeben – vor allem für Bamberger. Auf dem Potential der Nichtwähler ruhen dessen Hoffnungen für die Stichwahl.

Geringe Wahlbeteiligung am Richtsberg

Problem: Die Zahl der Wahlberechtigten in den Außenstadtteilen, die Bamberger ins Zentrum seines Wahlkampfs in Bezug auf die Nahverkehrspolitik stellte, ist vergleichsweise gering. In Schröck etwa, wo er 60,2 % der abgegebenen Stimmen erhielt, handelt es sich um 581 Bürger. Zum Vergleich: Sein Hauptkonkurrent Dr. Thomas Spies (SPD) vereint in einem mittelgroßen Wahlbezirk wie Ockershausen 611 Wähler auf sich (44,9 % der Stimmen).

Auffällig: Vor allem in den als Problemvierteln geltenden Gegenden ist die Wahlbeteiligung gering. Waldtal, Stadtwald, Richtsberg – überall gingen weniger als ein Viertel der Wahlberechtigten an die Urnen. Wenn die Bewohner dort zur Wahl gingen, votierten sie aber mehrheitlich für Spies. Ergebnis dort: mehr als 50 %.

Entscheidend für den Ausgang der bevorstehenden Stichwahl wird sein, ob es Bamberger gelingt, speziell in den einwohnerstarken Bezirken wie Cappel, Wehrda und Richtsberg zusätzliche Anwohner von seinen Ideen zu überzeugen. Sollten gleichsam Spies‘ Anhänger bei den häufig beteiligungsschwächeren Stichwahlen der Stimmabgabe fernbleiben, könnte das Duell am 28. Juni knapper werden.

von Björn Wisker

 
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