Volltextsuche über das Angebot:

3 ° / 0 ° wolkig

Navigation:
Rückkauf jetzt, trotz offener Fragen

Eon-Rekommunalisierung Rückkauf jetzt, trotz offener Fragen

Manche Detailfrage bleibt offen. Und doch hofft die Kreispolitik das Beste. Die Rekommunalisierung von Eon soll kommunale Versorgungsunabhängigkeit bringen und die Energiewende näher rücken lassen.

Voriger Artikel
Unbekannte Joggerin nach Unfall im Koma
Nächster Artikel
Von Raucherentwöhnung bis Haut-Winter-TÜV

Strommasten und Windräder bei Speckswinkel: Energie aus kommunaler Hand, erzeugt vor Ort und 100 Prozent erneuerbar – diese Hoffnungen setzt die kommunale Familie in den Rückkauf der Eon AG, der noch in diesem Jahr vollzogen werden soll.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. 1992 wurde die EAM (Energie-Aktiengesellschaft Mitteldeutschland) gegründet. Die Mehrheit des Aktienkapitals der EAM lag bis zum Jahr 2001 bei zwölf Landkreisen und der Stadt Göttingen. 46 Prozent der Aktienanteile hielt die Eon Energie München. Über einen geringen Anteil verfügten sieben Sparkassen aus den Gebieten der Kommunalaktionäre.

2002 verkauften die kommunalen Teilhaber ihre Aktien zu einem Preis von 17,9 Millionen Euro je Prozentpunkt Aktienanteil an die Eon Energie. Die Gesellschaft firmierte anschließend um in die Eon Mitte AG. Aktuell ist der Landkreis beteiligt mit einem Aktienkapital von rund 2,6 Millionen Euro - mit einer Beteiligungsquote von knapp zwei Prozent.

Zuletzt halten die kommunalen Anteilseigner 26,7 Prozent an der Eon Mitte AG, über 73,3 Prozent der Anteile verfügte Eon. Vor dem Verkauf, der rückwirkend fürs Jahr 2013 erfolgen soll, zieht Eon den kompletten Vertrieb als Unternehmensteil raus. Der Gegenwert dafür wird in Aktien an die Kommunen ausgezahlt. Sie erhöhen ihren Gesamtanteil damit auf 32,1 Prozent.

Vom Verkaufsbefürworter zum Rückkaufsbefürworter

Die 67,9 Prozent, die die Kommunen dann noch von Eon zurückkaufen wollen, finanzieren sie über Kredite. Bedienen wollen die Kommunen den Schuldendienst mit dem Gewinn aus dem Unternehmen. Somit kommt ein 600 Millionen Euro schweres Geschäft in Gang.

Über die Beteiligung des Landkreises Marburg-Biedenkopf an dem Geschäft, das Landrat Robert Fischbach von kommunaler Seite federführend vorangetrieben hat, entscheidet der Kreistag am Freitag.

Die Ausschüsse berieten bereits über das Thema - so der Hauptausschuss, dessen Mitglieder sich einstimmig für die Eon-Rekommunalisierung in der angestrebten Form aussprachen. „Besser, die Erkenntnis kommt spät als nie“, sagte SPD-Fraktionsvorsitzender Werner Hesse und beschrieb eine Trendwende - „die Verkaufsbefürworter von damals sind die Rückkaufbefürworter von heute“. Er sprach von einem „guten und wichtigen Schritt, weil er die Einflussnahme in Sachen erneuerbare Energien vergrößert.“

Er hoffe, dass der Geist der Rekommunalisierung und der Energiewende nach dem Abschluss des Geschäfts auch tatsächlich Einzug halte, sagte Norbert Schüren (SPD) und gab zu bedenken, dass die Geschäftsführung der dann zurückgeholten EAM dann immer noch die Eon-Geschäftsführung sei. „Die müssen sich bewegen“, erklärte er und verwies auf die angestrebte Unternehmens-Charta, die unter anderem festschreibt, dass ökologische, ökonomische und soziale Gerechtigkeit für kommende Generationen angestrebt wird und dass die Energieversorgung im Netzgebiet zu 100 Prozent aus erneuerbaren Ressourcen der Region sichergestellt wird.

„Alles andere wäre keine attraktive Alternative“

Schüren kritisierte, dass die Vertriebsentscheidung unglücklich aussehe. Er befürchtet ein „Gemetzel unter den verschiedenen Versorgern“ und rät der kommunalen Familie sich im „Angriff auf die 500000 Stromkunden“ zusammenzuschließen. Fest steht für Schüren, dass die Kommunen sich keine Sorgen machen müssten, dass sie möglicherweise ein schlechtes Geschäft machten könnten. „Alles andere wäre keine attraktive Alternative gewesen“, sagte er, „besser jetzt gemeinsam übernehmen als dieses Geschäft fremden Dritten zu überlassen“.

Die Rekommunalisierung sei, auch wenn vieles noch abzuwarten bleibe, so gut vorbereitet, wie man ein solches Geschäft vorbereiten könne, befand Manfred Vollmer für die CDU. „Und wir müssen das tun, wenn wir in der Energiewende vorankommen wollen.“

Michael Meinel (Grüne) sprach von einem neuen Zeitgeist. „Privat vor Staat“, die Zeiten dieses Mottos seien vorbei. Man habe erkannt, wie wichtig öffentliche Daseinsvorsorge sei. Für die Grünen sei nun wichtig, dass durch die Rekommunalisierung auch wirklich ein Beitrag zur Energiewende gelinge, „deshalb war es uns wichtig, Ziele wie intelligente Netze festzuschreiben“.

Für den Vollzug wünscht sich Meinel, dass Interessengruppen eingebunden werden in die Unternehmensausrichtung, dass eine „demokratische Kontrolle“ gelingt. Schüren schloss sich diesem Hinweis nochmals an. „Der Lackmustest wird, wie sich das alte Eon-Personal unter neuen Bedingungen mit der kommunalen Familie arrangiert“, betonte er.

Landrat Fischbach garantierte diesbezüglich, dass die „Mannschaft von Eon Mitte voll hinter dem steht, was wir hier machen“. Das Unternehmen bekomme eine Charta, die mit der alten Konzernausrichtung nichts mehr zu tun habe.

von Carina Becker

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Marburg

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr