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„Rotmilane zu kaufen war nicht billig“

Interview mit OB-Kandidat Marius Beckmann „Rotmilane zu kaufen war nicht billig“

Marius Beckmann (Die Partei) tritt am 14. Juni bei der Oberbürgermeister-Wahl an. Im OP-Interview spricht er über den Stellenwert von spaßiger Satire in der Politik und erläutert seine ernsten Forderungen.

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Bei Podiumsdiskussionen erntet Oberbürgermeister-Kandidat Marius Beckmann (Die Partei) seit Wochen die meisten Lacher. Politische Visionen hat er einige – satirische wie ernstgemeinte. Sein Konzept erläutert er im OP-Interview.

Quelle: Tobias Hirsch

OP: Halbzeit im Wahlkampf: Wie müde und verdrossen hat der Polit-Zirkus Sie gemacht?
Marius Beckmann: Bisher bin ich gar nicht verdrossen. Man weiß schließlich, was einen erwartet und wie wenig man von der Konkurrenz zu erwarten hat.

OP: Nämlich?
Beckmann: Wenig, sehr wenig. Wenn überhaupt mal etwas kommt, dann ist es meistens Quatsch. Mir, uns wird immer vorgeworfen, wir wären eine Spaßpartei, aber dieser Vorwurf lässt sich leicht an die etablierten Parteien zurückgeben. Wenn es um inhaltsleere, populistische und schwachsinnige Forderungen geht, liegen die anderen Parteien weit vor uns.

OP: Was ist denn der größte Quatsch, den Sie bislang im Wahlkampf gehört haben?
Beckmann: Von der Seilbahn abgesehen, hat vor allem Thomas Spies ziemlich viel Blödsinn erzählt. Der Gipfel war bei der Podiumsdiskussion in der Elisabethschule, als er sagte, dass es doch gut wäre, wenn Kinder mit hohem Fieber trotzdem sehr gerne in die Schule wollen. Das fand ich ziemlich erschreckend

OP: Am bekanntesten ist Ihre Forderung, die Oberstadt zu fluten. Wie soll das klappen und vor allem: was soll das bringen?
Beckmann: Es gibt alte Pumpsysteme, die das Wasser zum Schloss pumpen könnten. Dann braucht man Staumauern, zwischendurch auch mal Auffangbecken. Auf jeden Fall ist ein flutungsfreier Randbereich nötig, Geschäfte und Wohnungen laufen sonst voll, das soll ja nicht sein. Es soll eher wie ein umgekehrtes Grachtensystem aussehen, wo in der Mitte hochgebaut wird und dann Schiffe lang fahren.  An den Seiten kann man ganz normal entlanggehen, um zu den Kneipen, den Läden zu kommen. Der Marktplatz selber soll so geflutet werden, dass ein Sommerbad 2.0 entsteht. Ein großes Becken für Seniorenschwimmen am Sonntagmorgen, so dass auch der Marktfrühschoppen nicht mehr stattfinden kann. Wir hoffen auch, dass sich dann viele possierliche Tierarten ansiedeln, das wird ja immerhin ein einzigartiges Biotop. Und diese neue Oberstadt à la Venedig wird auch viele Touristen anziehen. Aber hier riecht es nicht so streng wie in Venedig.

OP: Und wo bringt man die ganzen Touristen dann unter, etwa in einem Hotel am Renthof, wie OB Vaupel das vorschwebt?
Beckmann: Da muss man sich noch etwas einfallen lassen. Die Nachnutzung der Philfak, wo Wohnungen und Gästezimmer entstehen könnten, etwa. Was den Renthof angeht: Ja, Egon Vaupel hat durchaus manchmal sinnvolle Ideen. Für ihn wäre es nach all den Jahren in der SPD noch nicht zu spät zu sagen: „Bei ‚Die Partei‘ habe ich auch noch Möglichkeiten mit meinen Ideen.“

OP: Der Marktfrühschoppen sollte also nicht mehr stattfinden?
Beckmann: Nein. Die Flutung der Oberstadt kommt ja nicht von ungefähr. Ich bin ein klarer Gegner des Fests.

OP: Die Partei verschreibt sich auch der Elitenförderung, sie kritisiert aber Burschenschaften – ja was denn nun?
Beckmann: Wir brauchten im Parteinamen eben ein E – da passte Elitenförderung. Das klingt ja auch erstmal ganz gut. Im Laufe der Jahre haben wir uns darauf verständigt zu fördern, dass alle Menschen Elite sind. Daher greifen solche Gegenkonzepte wie Studentenverbindungen nicht.

Verbindungen „baulich ausgemeinden“

OP: Was soll mit den Studentenverbindungen denn passieren?
Beckmann: In der Lutherstraße und am Hainweg haben wir die Möglichkeit, diese baulich auszugemeinden. Das heißt: Wir ziehen eine Mauer drum herum, sagen, ja okay, wozu gehört das Ganze jetzt? Gerne auch per Bürger- und Bürgerinnenbefragung, ob das jetzt zu Gießen oder Wiesbaden gehören soll. Dann ist das nicht mehr das Problem von Marburg. Den Bewohnern aller anderen Verbindungshäuser könnte man nahelegen, hinter die Mauern zu ziehen. Aus deren schönen Häusern könnte man hingegen sozialen Wohnraum machen.

OP: Haben Sie eigentlich die Rotmilane am Lichten Küppel ausgesetzt?
Beckmann: Ja, das sind gekaufte Rotmilane und die waren nicht ganz billig. Deswegen sind es auch so wenige und das ist auch der Grund, warum sie so ein absonderliches Flugverhalten haben. Die ziehen alle paar Jahre woanders hin und verhindern dort Windräder, Kohlekraftwerke oder was halt gerade so anfällt.

OP: Sie hatten ja mal den Spiegelslustturm als Windkraftstandort ins Spiel gebracht. Wie könnte das denn dort aussehen?
Beckmann: Entweder das Herz abmontieren – das sieht sowieso aus wie Eierstöcke – und stattdessen ein Windrad dort dran- montieren. Oder aber eine Anlage auf den Turm oben draufsetzen. Müsste man halt gucken, was besser aussieht.

OP: Soll die Anlage dann auch so leuchten wie das Herz?
Beckmann: Das wäre ein Kompromissvorschlag an die Grünen. Wir schreiben einfach drauf: „Rotmilane sind doof“ und dann leuchtet es eben nachts.

OP: Wie sieht es mit Offshore-Windrädern in der gefluteten Oberstadt aus?
Beckmann: Auch eine Möglichkeit, aber da ist nicht so viel Platz. Vielleicht im Schlosspark ein oder zwei Anlagen. Aber wenn es umfällt, sollte nicht die  ganze Oberstadt platt sein und man sollte daran auch noch vorbeigehen können.

OP: Stichwort Seilbahn: Das klingt nach einem utopischen Plan – der könnte glatt von Ihnen sein.
Beckmann: Ja, das stimmt. Aber wenn man sich die Konzepte anschaut, erkennt man, dass es keine gute Idee ist. Wenn es um alternative Verkehrsideen geht, dann ist der barrierefreie Schiffsverkehr von Schloss bis zum Hauptbahnhof beziehungsweise umgekehrt eindeutig die bessere Wahl.

Dr. Thomas Spies „redet sehr viel, aber wenig Sinnvolles“

OP: In Ihrem OP-Steckbrief haben Sie geschrieben, Sie möchten SPD-Mann Dr. Thomas Spies als OB verhindern. Wieso?
Beckmann:   Ich habe ihm noch nie länger als 30 Sekunden zu- gehört – ich schaff‘ das einfach nicht. Er redet sehr viel, aber wenig Sinnvolles. Traurig, wenn das die Profis unter den Politikern sind. Das erklärt auch ein Stück weit die Politikverdrossenheit.

OP: Sie wollen die Beatles in die neue Stadthalle holen. Glauben Sie denn, dass bis zur Fertigstellung des Baus noch Bandmitglieder leben?
Beckmann: Ja das ist natürlich ein Problem. Aber dann muss man eben die Reste einladen. Außerdem gibt es große Fortschritte in der Hologramm-Technologie und vielleicht ist das Klonen in zehn Jahren auch schon weiter.

OP: Ist Politik nicht zu ernst für Satire?
Beckmann: Ich finde, man muss über alles Satire machen. Ich denke nicht, dass Politik dafür zu ernst ist. Es braucht Satire und Satire muss weh tun. Sie muss wie Medizin sein. Wenn sie nicht bitter ist, dann wirkt sie auch nicht. Die Politik selbst liefert die besten Argumente dafür, dass es Polit-Satire gibt. Wenn man es zu ernst nimmt, dann muss man sich nicht über Politikverdrossenheit wundern.

OP: Also wollen Sie durch Satire etwas ernsthaft verändern?
Beckmann: Wir möchten den etablierten Parteien den Spiegel vorhalten.

OP: Vielen Wählern ist es eventuell nicht sofort klar: Wo genau ist denn die Grenze zwischen Ihrer Satire und den ernst gemeinten Vorschlägen, die Sie haben.
Beckmann: Ich halte das Stimmvieh für schlau genug das selbst zu merken. Das muss man nicht besonders kenntlich machen.

„Es sollte in Marburg wieder eine Brauerei geben“

OP: Erklären Sie mal, was Ihre seriösen Ideen sind.
Beckmann: Es sollte in Marburg wieder eine Brauerei geben, am besten als Genossenschaft in der Hand der Bürgerinnen und Bürger. Für die Bierkultur ist es schlecht, wenn es nur noch wenige Großbrauereien, Monopolisten gibt. Das wäre auf Jahre gerechnet auch ein finanzieller Gewinn für Marburg. nicht zuletzt durch Studierende, gibt es hier ja einen hohen Bierkonsum. Außerdem könnte man in der Genossenschaft auf Qualität achten. Ein zweiter Punkt ist ein Maklerverbot, auch wenn das erstmal drastisch klingt. Dadurch könnte man günstigen Wohnraum erreichen. Wenn dieser hier geschaffen wird, dann immer sehr zentriert. Die Nachnutzung der Verbindungshäuser außerhalb der baulich ausgemeindeten Lutherstraße wäre eine Möglichkeit, wenn die Burschenschaften dort ausziehen würden. Auch was mit dem Philfakgelände passiert, müsste man diskutieren. Bei Leerständen, wie zum Beispiel bei der alten Fronhof-Schule sollte die Stadt nicht immer sofort verkaufen und auch das KFZ wäre eine Option, um dort Wohnraum zu schaffen, nach dem Umzug in die Stadthalle. Drittens: Klares Nein zum Marktfrühschoppen.

OP: Ihre Forderung nach Gründung eines Demenzdorfs hat Ihre Konkurrenten und einige Wähler verärgert. Wie bewerten Sie die Kritik?
Beckmann: Ich war irritiert. Über andere Dinge, die ich gesagt habe, hätte man sich viel mehr aufregen können. Das ist tatsächlich ein ernstgemeintes Konzept, das es zum Beispiel schon in den Niederlanden gibt. Wir haben es nur „Demenzhausen“ genannt, was eine Namensanpassung an Marburger Verhältnisse gewesen ist. Ich finde nicht, dass wir damit Grenzen überschritten haben. Aber wahrscheinlich haben es nicht alle Gegenkandidaten verstanden.

OP: Welchen Eindruck haben Sie bislang vom, wie Sie es nennen, Stimmvieh?
Beckmann: Die Rückmeldungen sind zu 80, 90 Prozent sehr positiv. Sicher, ich werde auch angepöbelt, gefragt, was der ganze Quatsch soll. Einige sind verärgert, aber wenn man seit 30, 40 Jahren SPD oder CDU wählt, wird man wohl
irgendwann verbittert.

von Björn Wisker und Peter Gassner

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