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Rote Schere gegen alte Zöpfe

SPD-Landratskandidat Rote Schere gegen alte Zöpfe

„Kommunen vor, Kreisumlage runter, politische Kultur rauf“. Das ist Michael Richter-Plettenbergs Motto für die Landratswahl, die er für die SPD gewinnen will. Und wenn das klappt, dann soll sich vieles ändern.

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Michael Richter-Plettenberg ist der SPD-Kandidat für den Posten des Landrats.

Quelle: Tobias Hirsch

Marburg. Die SPD gibt sich siegessicher und ist am Donnerstagabend gelöst und guter Dinge. Ein bisschen mag das auch am Glühwein liegen, den es schon eingangs des Bürgerhauses Cappel kostenlos gibt. Zumindest feixt Michael Richter-Plettenberg nach seiner Wahl zum Landratskandidat (die OP berichtete gestern), dass das mit dem Glühwein eine super Idee gewesen sei.

Der 46-jährige Amöneburger ist guter Dinge. Er will im kommenden Jahr die Landratswahl für Marburg-Biedenkopf gewinnen und nach 18 Jahren Robert Fischbach die CDU an der Spitze der Kreisverwaltung ablösen. Dann will er aufräumen - und den Landkreis wieder das machen lassen, was er eigentlich machen soll: Der Unterstützer der Kommunen sein, der das übernimmt, was die Städte und Gemeinden nicht selbst leisten können.

Dass dies in der Zeit von Fischbach und Schwarz-Grün mit Unterstützung der Freien Wähler und die meiste Zeit auch mit der FDP versäumt wurde, will Richter-Plettenberg in seiner 40-minütigen Rede argumentativ beweisen. „Der Kreis bleibt hinter seinen Möglichkeiten - er hat die Sichtweise der Kommunen aus den Augen verloren“, sagt Richter-Plettenberg und führt dies aus: Der Kreis sei nicht zuständig für den Bau und Betrieb von „Leuchttürmen“ wie das Gefahrenabwehrzentrum oder das „viel zu teure und mangelhafte“ Tagungsgebäude am Kreishaus. „Er soll vielmehr machen, was über die Fähigkeiten der Kommunen hinausgeht“ - und sich von Prestigeobjekten fernhalten.

Das Thema erneuerbare Energien und wie der Landkreis damit umgeht: „Mehr Schein als sein“, sagt Richter-Plettenberg und verweist darauf, dass die Idee der Gründung einer kreisweiten Energiegenossenschaft, für die sich der Landkreis rühmt, von den Kommunen gekommen sei. „Wie sollen wir energieautark werden, wenn wir nicht in die Erzeugung einsteigen wollen?“, fragt er in Richtung Landkreis.

Eine „Schauveranstaltung“ sei auch die vom Kreis ausgerufene Gesundheitsregion in einem Landkreis, in dem Einschnitte bei der ärztlichen Versorgung drohten, die Geburtshilfe Biedenkopf um ihren Fortbestand kämpfen müsse und die Problemdiskussion über Uniklinikum und die gescheiterte Privatisierung allgegenwärtig seien.

Seit 1995 sei der Landkreis wenig engagiert, seine finanzielle Situation zu verbessern - „unter dem Motto, wir können nichts machen, die anderen müssen das tun“. Den letzten Haushalt habe der Landrat „schlechtgerechnet“, um ein Argument für die Kreisumlagen-Erhöhung zu haben, damit im Wahljahr ein ausgeglichener Haushalt mit Plus präsentiert werden könne. Im öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) fehle es an Kooperation mit der Stadt Marburg und an Innovation. In der Stadt herrsche Wohnungsnot, in den Landgemeinden ringsum Leerstand - durch einen besseren ÖPNV könne ein Ausgleich geschaffen werden, eine Verzahnung mit dem Individualverkehr müsse her. Und eine Zielvereinbarung zur Erhöhung der Fahrgastzahlen sei erforderlich, um das Defizit abzubauen.

Das Ende für „Politik nach Gutsherrenart“

Zu wenig Innovation, zu wenig Mut: Der neue Schulentwicklungsplan - er sei ein Schulverwaltungsplan, der versuche, möglichst wenig anzuecken, ging Richter-Plettenberg auf ein weiteres aktuelles Thema ein.

In der Diskussion um die Rekommunalisierung der Stromnetze habe der Landkreis es versäumt, die Kommunen zu unterstützen und zu vermitteln. So hätte eine Spaltung des Landkreises verhindert werden können durch die Gründung einer kreisweiten Netzgesellschaft, sagte der SPD-Kandidat. „Jetzt soll‘s durch die Eon-Rekommunalisierung wieder gerettet werden.“

Dem „Politikstil nach Gutsherrenart, der nur auf Machterhalt ausgelegt ist“ will der 46-Jährige als SPD-Landrat ein Ende bereiten. Er will alte Zöpfe abschneiden und eine Verwaltungsreform anstoßen - „und dabei würde ich auch nicht davor scheuen, meine eigene Stelle wegzurationalisieren“, versprach er. Ob in Sachen Finanzen, ÖPNV und Altenhilfe - der Amöneburger will es besser machen. Und dabei setzt er auf eine enge Zusammenarbeit mit der Stadt Marburg, wodurch Geld und Ressourcen gespart werden sollen.

Richter-Plettenberg bekam breite Unterstützung: Mit 99 von 103 Stimmen wurde er zum Kandidaten gewählt. Marburgs Oberbürgermeister Egon Vaupel und Lahntals Bürgermeister Manfred Apell gehörten zu denen, die ihm mit Reden den Rücken stärkten. Dabei war sich Vaupel sicher, dass ein SPD-Mann, der zweimal in der CDU-Hochburg Amöneburg zum Bürgermeister gewählt wurde, auch Landrat wird. Sein Lahntaler Bürgermeister Kollege gab Richter-Plettenberg, der für sein mitunter hitziges Temperament und seine schnellen Antworten bekannt ist, dies mit auf den Weg: „Ich wünsche mir, dass du etwas geduldiger wirst - man muss nicht immer gleich seitenweise antworten, lass es mal einen Tag liegen.“

Als Geschenk vom Unterbezirksvorsitzenden Sören Bartol erhielt Richter-Plettenberg eine sehr lange rote Schere - „zum Abschneiden der alten Zöpfe.

von Carina Becker

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