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Rollstuhlfahrer kriegen ihre Haustüre kaum auf

Türöffner sollen nachgerüstet werden Rollstuhlfahrer kriegen ihre Haustüre kaum auf

Ein halbes Jahr lang war das Nachhausekommen eine Tortur für die Rollstuhlfahrer in der Uferstraße 20. Auf Nachfrage der OP lenkt die Gewobau nun ein und verspricht eine Nachbesserung der Türen.

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Thomas Birnkammer (von links), Cornelia Herklotz und Mudher al Jaberi vor den Türen des Gewobau-Gebäudes in der Uferstraße. Die Rollstuhlfahrer können die schwere Eingangstür nur unter Schmerzen öffnen. Auf Nachfrage der OP verspricht die Gewobau nun, vier Türen nachträglich umrüsten zu lassen. Foto: Nadine Weigel

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. Nachhausekommen ist eigentlich ein schönes Gefühl. Nicht aber für Thomas Birnkammer. Der 51-Jährige wohnt im ehemaligen EAM-Gebäude in der Uferstraße. Und hier gibt es ein Problem. Er kommt nur mit Mühe und unter Schmerzen in das Gebäude. Der Grund: Es gibt keine elektronischen Türöffner. Birnkammer, der nach einem Schlaganfall im Rollstuhl sitzt und seine Arme auch nur noch eingeschränkt bewegen kann, kann die Eingangstür kaum öffnen.

„Es geht schwer“, stöhnt er und demonstriert die Technik, die er entwickelt hat, um die massive Tür aufzustoßen. Er schließt auf, fährt dann mit dem Rollstuhl gegen die Tür, seine Füße stoßen an die Glasscheibe. Mit dem rechten Arm versucht er, die Tür aufzuschieben, dabei fährt er immer ein Stückchen weiter vor. Ein Kraftakt, der ihm mittlerweile einen Tennisarm beschert hat. „Das tut weh“, erklärt er mit Blick auf seine Füße.

Mit dem Problem ist er nicht allein. Auch Mudher al Jaberi bekommt die Eingangstür nur unter Schmerzen auf. „Es ist ohne Hilfe fast nicht möglich“, sagt der 27-jährige Rollstuhlfahrer. Er greift nach seinem Hosenbein, zieht es hoch und präsentiert die blauen Flecken und offenen Stellen, die er sich im Kampf gegen die Eingangstür zugezogen hat.

Im Mai dieses Jahres wurde das von der Gewobau für 4,4 Millionen Euro umgebaute Gebäude aus den 1950er Jahren offiziell eingeweiht. Bei der Ortsbegehung waren die Verantwortlichen stolz darauf, barrierearm gebaut zu haben. Doch barrierearm sei das Gebäude beim besten Willen nicht, sagt Wolfgang Urban, Geschäftsführer des Vereins zur Förderung der Inklusion behinderter Menschen (Fib): „Barrierearm bedeutet, dass das Gebäude uneingeschränkt zugänglich ist. Das ist hier nicht gegeben“, betont Urban. Im Zuge der Bauplanung habe er die Gewobau darauf hingewiesen, dass die Türen elektronische Öffner brauchen. „Man sagte mir, dass man dies berücksichtigen werde“, erinnert er sich. Passiert ist seither nichts. Die insgesamt 34 Wohnungen waren schnell vergeben. Auch die fünf „barrierearmen“ Wohnungen. „Als ich hier einzog, habe ich darauf hingewiesen, dass ich die Türen aufgrund meiner Behinderung nur schwer aufbekomme“, erinnert sich Cornelia Herklotz, die ebenfalls eine der barrierearmen Wohnungen bewohnt. „Man sagte mir, dass man sich darum kümmere. Die Türen seien nachrüstbar“, gibt die 57-Jährige wieder. Weil Monate später noch immer nichts passiert war, stellte Herklotz eine schriftliche Anfrage bei der Gewobau. Die Antwort brüskiert die Frau, die nach einem septischen Schock vor 20 Jahren beide Beine amputiert bekam. „In dem Schreiben steht, dass man das nie so kommuniziert habe. Man schlug uns vor, dass wir doch einen Umbau über die Pflegekasse finanzieren sollen“, erzählt Herklotz und schüttelt den Kopf.

Die Gewobau sieht das anders: „Wir hatten eigentlich gar nicht geplant, barrierearme Wohnungen zu schaffen“, berichtet Oliver Hanneder von der Gewobau auf Nachfrage der OP. Vielmehr habe die Gewobau auf Ansinnen des Fib „guten Willen gezeigt und fünf Wohnungen nachträglich barrierefrei umgerüstet“. Die Mehrkosten von rund 50000 Euro habe die Gewobau allein und freiwillig getragen, sagt Hanneder. Dies sei aber nur unter der Prämisse geschehen, dass die Kosten für elektronische Türöffner von den Rollstuhlfahrern getragen werden. „Zwei der Rollstuhlfahrer haben uns auch klar gesagt, die Türen seien für sie gar kein Problem“, sagt Hanneder, der die jetzige Situation sehr bedauert. „Es ist schlimm, wenn die Rollstuhlfahrer solche Probleme haben.“ Nach einer kurzen Rücksprache mit dem Geschäftsführer verkündet Hanneder dann die Überraschung: „Wir werden elektronische Türöffner anbringen.“ Die Umrüstung der vier Türen wird die Gewobau rund 20000 Euro kosten. „Wir würden gern mit dem Fib, den Bewohnern und der Stadt nach der besten Möglichkeit suchen, damit eine nachhaltige Lösung gefunden wird, die jeden zufrieden stellt. Wir werden auch ausloten, ob wir als Unterstützung noch öffentliche Mittel bekommen können“, so Hanneder.

von Nadine Weigel

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