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Rohmilch schützt Kinder vor Asthma

Forschung Marburg: Asthma Rohmilch schützt Kinder vor Asthma

Besonders der hohe Grad von Omega-3-Fettsäuren erklärt, wieso das regelmäßige Trinken von unverarbeiteter Kuhmilch (Rohmilch) Kinder vor Asthma schützen kann.

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Der kleine Thore (15 Monate) trinkt ein Glas Milch. Wie Rohmilch vor Asthma schützt, wurde jetzt erforscht.

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. Die Rohmilch macht‘s - und zwar den Schutz von Kindern vor Asthma mit Hilfe eines besonders hohen Anteils von Omega-3-Fettsäuren. Die Chemikerin Yvonne Schober (Institut für Labormedizin) und die Allergieforscherin Professorin Petra Ina Pfefferle (Biobank der Universität Marburg) haben zusammen mit weiteren Forschern aus Marburg und München nachgewiesen, dass unverarbeitete Milch direkt vom Bauernhof einen höheren Omega-3-Fettsäuregehalt als pasteurisierte, homogenisierte und fettreduzierte Milch aus dem Laden besitzt. Diese Tatsache sei mitverantwortlich dafür, dass Kinder unter sechs Jahren aufgrund des regelmäßigen Genusses von Milch vom Bauernhof seltener Asthma entwickeln als Altersgenossen, die nur industriell verarbeitete Milch aus dem Supermarkt zu sich genommen haben.

Ausgangspunkt für die jetzt veröffentlichte Studie war die bereits vor Jahrzehnten von Wissenschaftlern aufgestellte „Bauernhof-Theorie“, wonach das Aufwachsen auf einem Bauernhof Kinder am besten vor Asthma und Allergie schützt.

Als mögliche Hauptgründe waren in mehreren Studien die abhärtende Wirkung der nicht völlig keimfreien Umgebung auf den Höfen, aber auch die gesundheitsfördernde Wirkung der direkt vom Bauernhof stammenden Kuhmilch ausgemacht worden. Doch was ist das gewisse Etwas dieser unbehandelten Rohmilch? Auf die Spur dieses Asthma-Präventionseffektes begaben sich die Forscher aus Marburg im Gefolge der Langzeitstudie „PASTURE“ (siehe HINTERGRUND), bei der rund 1000 Mütter europaweit die Daten zur Ernährung und Gesundheit ihres Kindes bis zum sechsten Lebensjahr regelmäßig festhielten.

In der Unterstudie wurde nun eindeutig nachgewiesen: Das Risiko, mit sechs Jahren an Asthma zu erkranken, war bei jenen Kindern geringer, die ab der frühen Kindheit regelmäßig unverarbeitete Milch vom Bauernhof tranken.

„Vorangegangene Studien legten bereits diesen Effekt nahe, bisher konnte aber keine Milchkomponente ausfindig gemacht werden, die für den schützenden Effekt der Rohmilch verantwortlich ist“, erläuterte Petra Pfefferle im Gespräch mit der OP. „Je mehr Omega-3-Fettsäuren die Milch enthält, desto höher ist der Schutz vor Asthma“, folgert Dr. Andreas Nockher vom Marburger Uni-Institut für Labormedizin. Zudem wurde von den Forschern auch der höhere Fettanteil als mitentscheidend für den krankheitsabweisenden Schutz angesehen. Möglich sei aber auch, dass noch weitere Inhaltsstoffe der Milch dafür verantwortlich sind.

Das könnten weiterführende Studien klären.

Rohmilch kann auchKrankheiten auslösen

Omega-3-Fettsäuren sind für den Menschen lebensnotwendig. Sie können vom Körper nicht selbst produziert und müssen mit der Nahrung aufgenommen werden. Nach Darstellung der Forscher stellen sie Ausgangsstoffe für bestimmte Stoffe (Mediatoren) dar, die entzündliche Prozesse wie sie beim Asthma bronchiale ablaufen, kontrollieren, hemmen und sogar auflösen können. Dennoch empfehlen die Wissenschaftler nicht, völlig unbehandelte Rohmilch zu trinken, weil diese krankmachende Mikroorganismen enthalten kann. Auch wenn im Rahmen der „PASTURE“-Studie“ bei den beteiligten Kindern keine krankheitsfördernden Effekte notiert wurden: Unbehandelt als Rohmilch kann Milch bakteriell belastet sein und verschiedene Krankheiten wie Listeriose, Tuberkulose Durchfallerkrankungen und schwere Niereninsuffizienz auslösen. Um diese potenziellen Krankheitserreger in der Milch unschädlich zu machen, wird die Milch bei der industriellen Verarbeitung erhitzt, beim Pasteurisieren auf Temperaturen zwischen 72 und 75 Grad Celsius. Zudem wird die Milch homogenisiert, damit sie nicht aufrahmt. Die flächendeckende Versorgung der Bevölkerung mit hygienisch einwandfreier Rohmilch wäre unter den heutigen Be­dingungen der Lebensmittelindustrie auch aus logistischen Gründen nicht möglich. Die Forscher regen stattdessen die Entwicklung neuer schonender Verfahren in der industriellen Milchverarbeitung an, damit diese Milch einerseits einen möglichst hohen Grad der Omega-3-Fettsäuren bewahrt.

Auch wenn Molkereimilch weniger Omega-3-Fettsäuren für die tägliche Ernährung liefert, kann sie nach Ansicht von Pfefferle und Schober dennoch einen gewissen Schutz vor Asthma bieten. So empfehlen sie den Müttern, ihren Kindern Milch zu trinken zu geben - und zwar nach der Faustregel „Je näher an der Natur, desto besser“.

von Manfred Hitzeroth

  • Hintergrund: Das Forschungsprojekt „PASTURE“ ist die Abkürzung von „Protection against Allergy: Study in Rural Environments“ (auf Deutsch: Schutz gegen Allergie: Eine Studie in ländlichen Umgebungen). Das von 2002 bis 2012 laufende (und jetzt bis 2016 verlängerte) Langzeitforschungsvorhaben wird von Professorin Erika von Mutius (Uni-Kinderklinik München) geleitet. Zu den Projektbeteiligten zählt auch Professor Harald Renz (Leiter des Zentrums für Labormedizin des Uni-Klinikums Marburg). Es ist eine Geburtskohorten-Studie zum Allergieschutz in der über einen längeren Zeitraum die Daten von mehr als 1000 Kindern in ländlichen Gebieten in Deutschland, der Schweiz, Österreich, Frankreich und Finnland erfasst wurden.
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Logistisch höchst aufwändig war die Analyse der Milchproben, die das Trinkverhalten der an der Studie teilnehmenden Kinder dokumentieren.

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Forschung Marburg: Asthma
Yvonne Schober und Dr. Andreas Nockher stehen im Institut für Labormedizin an einem Gerät, mit dem die Milchproben analysiert wurden. Foto: Thorsten Richter

Logistisch höchst aufwändig war die Analyse der Milchproben, die das Trinkverhalten der an der Studie teilnehmenden Kinder dokumentieren.

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