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Rituale dienen der Götterverehrung

Forschung Marburg Rituale dienen der Götterverehrung

Die Marburger Professorin Elisabeth Rieken (Historische Sprachwissenschaft) erschließt mit Altorientalisten aus Würzburg und Mainz Keilschrift-Fragmente, die Festrituale der antiken Hochkultur der Hethiter beschreiben.

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Das Keilschrifttafelfragment eines hethitischen Festrituals.

Quelle: Akademie der Wissenschaften

Marburg. Auf mehr als 10000 Tontafeln sind die Vorschriften für die religiösen Festrituale einer längst vergangenen Hochkultur festgehalten, die vor mehr als 3000 Jahren ihre Blüte und ihren Verfall hatte. Anfang 2016 startet ein auf 21 Jahre angelegtes Forschungsvorhaben, das ein besseres Verständnis der hethitischen Götterwelt sowie der Entwicklung und Wandlung der damit verbundenen religiösen Kulte ermöglichen soll. Erforscht werden soll auch die soziale, politische und wirtschaftliche Rolle des Kultwesens im Hethiterreich. Die Texte, die nun auch digital dokumentiert und ausgewertet werden sollen, stammen vorwiegend aus der damaligen hethitischen Hauptstadt Hattusa, die in Zentralanatolien auf dem Gebiet der heutigen Türkei lag (siehe Artikel unten). Die Geschichte des geheimnisumwobenen Volkes der Hethiter wurde erst nach archäologischen Ausgrabungen Anfang des 20. Jahrhunderts besser erforscht. Die Hethiter hatten mehr als 1000 Gottheiten. Angeführt wurde die Götterwelt von dem obersten Gott - dem Wettergott Tarhunna - sowie seiner Frau, der Sonnengöttin von Arinna. Weitere Gottheiten waren unter anderem der Fruchtbarkeitsgott Telipinu oder Inara, Göttin der wilden Tiere.

Sorge um Götterkult

Monumentale Tempel prägten die Städte des Hethiterreiches, wovon heute nur noch Ruinen zeugen. Die Sorge um den Götterkult war eine der wichtigsten Aufgaben des Königs und der von ihm eingesetzten Eliten. Dem König kam als dem ranghöchsten Kultdiener eine zentrale Rolle zu, berichtet die Marburger Sprachwissenschaftlerin Elisabeth Rieken. „Unser Ziel ist es, ein Verständnis zu entwickeln für die Vorgänge und Strukturen sowie die Funktion und Entwicklung eines solchen Kult-Wesens.“ Schon seit ihrem Studium ist sie fasziniert von der Erforschung der hethitischen Keilschriften. „Die Texte haben etwas sprödes Schönes“, beschreibt Rieken, was für sie den Reiz ihres Forschungsgegenstandes ausmacht. Sie meint damit, dass die von den im hethitischen Staatsdienst angestellten Schreibern verfassten Texte in knapper und einfacher Sprache auch schwierige Sachverhalte auf den Punkt gebracht hätten.

Als Beispiel nennt sie die auf einer Tontafel festgehaltene Begebenheit, die als warnendes Beispiel für Palast-Beamte dafür gedacht gewesen sei, dass man stets gute Arbeit abliefern müsse. Darin werde in wenigen Sätzen beschrieben, dass der König beim Essen eines Brotes auf einen Stein gebissen habe. Der für das Brot verantwortliche Bäcker sei dann auf einen Berg gebracht worden. Dort sei ein Feuer angezündet und er sei „schlecht behandelt“.

Zu den Texten auf den Tafeln zählen beispielsweise Hymnen, Beschwörungen oder Gebete. Bei dem jetzt von der Mainzer Akademie der Wissenschaften und Literatur geförderten Forschungsprojekt werden speziell die Festritualtexte untersucht.

Kultischer Fachbegriff: „einen Gott trinken“

„Es ist ein Glücksfall, dass aus der relativ überschaubaren historischen Epoche des Hethiterreichs eine Vielzahl von Textquellen zur Verfügung steht“, schätzt Rieken ein. Dabei würden die Festritualtexte, in denen es um die Durchführung des Kultes an den Heiligtümern des Reiches geht, auch aufgrund ihrer großen Zahl einen besonderen Rang einnehmen.

Die Gesamtheit der Riten und Feste habe der Verehrung und Pflege der Götter durch die Menschen gedient. Beispielsweise habe es spezielle Frühlings- oder Winterfeste gegeben. Aus der Überarbeitung und Abschrift dieser Texte könne man auch ablesen, wie sich der Ablauf und die Gestaltung der Festrituale immer wieder verändert habe. So müssten Ritualvorschriften neuen Situationen angepasst werden oder von Königen gestiftete zusätzliche Opfer eingearbeitet werden, erklärt die Forscherin. Die Festritualtexte stellen aus Sicht der Forscher einen frühen Versuch dar, durch „systematisches Qualitätsma­nagement seitens der Staatsverwaltung landesweit die Einhaltung bestimmter Standards sicherzustellen“.

Diese durch die göttliche Autorität legitimierten und vorgeschriebenen Standards würden sowohl die Gunst der Götter gewähren, als auch einen wichtigen Beitrag zur Wohlfahrt des hethitischen Königtums und Staates leisten. Die kulturwissenschaftliche Komponente des Forschungsvorhabens hat vor allem der Alt­orientalist Professor Daniel Schwemer (Universität Würzburg) im Blick, der das Projekt auch federführend leitet. Besonderes Augenmerk wirft die Marburger Professorin Elisabeth Rieken - zusammen mit Schwemer Projektleiterin - auf die sprachliche Analyse der Texte. So fragt sie beispielsweise, wie die Schreiber ihre eigenen Ziele mit sprachlichen Mitteln einfließen ließen.

Vorschriften und Gebete

Zudem untersucht sie die kultische Fachsprache, die im Laufe der Jahrhunderte auch weiterentwickelt wurde. Als Beispiel dafür nennt sie den immer wiederkehrenden Ausdruck „einen Gott trinken“. Dieser sei eine Kurzformel dafür, dass der König und die „Kultfunktionäre“ zur Verehrung eines Gottes ihm aus einem Becher zuprosten.

Anhand ihrer bisherigen Analyse der Text-Tafeln kann sie auf jeden Fall Folgendes sagen: „Die Schreiber waren hochgebildete Spezialisten mit einem guten Gedächtnis.“ Außerdem seien sie fähig gewesen, unterschiedlichste Textsorten von Kultvorschriften über Gebeten bis hin zu künstlerischen Texten zu schreiben.

Zur Person

Professorin Elisabeth Rieken (50) stammt aus Gießen und ist seit 2002 Professorin für Historisch-Vergleichende Sprachwissenschaft an der Marburger Universität. Von 1984 bis 1992 studierte sie in Hamburg und Bochum Vergleichende Sprachwissenschaft mit dem Schwerpunkt Hethitologie. 

Nach der Promotion in Bochum über ein Thema zur Wortbildung des Hethitischen im Jahr 1996 folgten die Habilitation in Berlin im Jahr 2001 sowie Forschungsaufenthalte in England und in den USA.
 Zu ihren Forschungsschwerpunkten gehört neben der hethitischen Sprache das Themenfeld „Nebensatzkonstruktionen des Altirischen“.

Gemeinsam mit Professor Daniel Schwemer (Uni Würzburg) leitet sie das Forschungsvorhaben über „Das Corpus hethitischer Festrituale“, das an der Akademie der Wissenschaften und der Literatur in Mainz angesiedelt ist und Anfang 2016 anläuft. Für die Reihe „Lehrbücher orientalischer Sprachen“ (Ugarit-Verlag) hat sie ein Buch mit dem Titel „Einführung in die hethitische Sprache und Schrift“ verfasst.

Forscher planen Veröffentlichung der schriftlichen Quellen in webbasierten Texteditionen

In dem Forschungsprojekt der Deutschen Akademie der Literaturen und Wissenschaften gibt es bis zum Jahr 2037 insgesamt sieben Projektphasen.

Die Förderung des großen Forschungsvorhabens der Sprachwissenschaftlerin Professorin Elisabeth Rieken (Uni Marburg) und des Altorientalisten Professor Daniel Schwemer (Uni Würzburg) zur Erforschung der Festrituale der Hethiter wurde von der Gemeinsamen Wissenschaftskonferenz des Bundes und der Länder Ende Oktober beschlossen. Für eine Laufzeit von 21 Jahren gibt es für das an der Akademie der Wissenschaften und der Literaturen (Mainz) angesiedelte Forschungsprojekt eine Gesamtsumme von 8,3 Millionen Euro.

Damit sollen unter anderem die Stellen von wissenschaftlichen Mitarbeitern finanziert werden. Zudem sollen sieben Promotionsarbeiten entstehen. Es liegt schon eine detaillierte Zeitplanung für alle von 2016 bis 2037 geplanten sieben Projektphasen vor.

Ursprung des Projekts geht ins Jahr 1961 zurück

Angeknüpft wird übrigens an ein 1961 begonnenes Akademie-Projekt, das von dem damaligen Marburger Professor Heinrich Otten initiiert worden war und vom Jahr 2000 bis zu diesem Jahr von Gernot Wilhelm weitergeführt wurde.
 Zum aktuellen Forschungsvorhaben gehört die Veröffentlichung der Quellen in Form von webbasierten Texteditionen. Damit die in mesopotamischer Keilschrift abgefassten Tafeln noch besser ediert und erforscht werden können, werden computergestützte Methoden zur Schriftanalyse und zur Rekonstruktion der fragmentierten Tafeln entwickelt. Denn teilweise müssen die unvollständigen Tafeln noch aus zerbrochenen Einzelteilen zusammengesetzt werden.
Außerdem sind „schriftmetrologische Untersuchungen“ geplant, bei denen mithilfe von 3-D-Scannern gemessen wird, wie tief und in welchem Winkel die Griffel der Schreiber in das Tonmaterial eingedrückt worden sind. Auch diese Besonderheiten der Handschrift verschiedener Schreiber sollen helfen, die verstreuten Fragmente wieder zu vollständigen Texten zusammenzusetzen.

Originaltafeln liegen in Museum in Ankara

Der größte Teil der Tafelfragmente liegt in der türkischen Hauptstadt Ankara im Museum für anatolische Zivilisationen sowie im Archäologischen Museum in der türkischen Metropole in Istanbul. An beiden Standorten befinden sich vor allem die Funde der archäologischen Ausgrabungen von deutschen Wissenschaftlern.

Jährlich sind regelmäßige Forschungsaufenthalte der an dem Projekt beteiligten Wissenschaftler zur Sichtung und Analyse der Originaltafeln. Besonders um den Kontrast von Licht und Schatten beim Lesen der Tafeln nutzen zu können, sei es wichtig, auch die Originale anzuschauen, erläutert Rieken.

Hintergrund

Auf den Tontafeln sind Festrituale beschrieben. Aus einem der auf Deutsch übersetzten Texte bringen wir einen Auszug:

  • Der König trinkt im Sitzen den Wettergott (und) den Wettergott von Zippalanda aus einem goldenen Stierrhyton. Mit einem iskaruh-Gefäß nimmt er (es) auf. Der Mundschenk bringt 1 saures Dickbrot von draußen mit einem Rhyton herbei. Die Tischmänner aber nehmen vom Tisch des Königs 2 süße Dickbrote und geben (sie) dem König. Der König bricht (sie). Die Tischmänner nehmen dem König die Dickbrote ab. Und sie legen sie zurück auf den Tisch des Königs. Das große Inanna-Instrument (ertönt). Die Priestersänger singen. Sobald aber der Mundschenk das Rhyton des Wettergotts fortschafft, spricht der Rezitator. Nach dem Rhyton spricht niemand. Sobald die Sänger die Inanna-Instrumente zum Schweigen bringen, (dann) der Re(zitator spricht.

von Manfred Hitzeroth

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