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Ringkampf mit bloßen Worten

Debatieren mit den Profis Ringkampf mit bloßen Worten

Hängende Schultern, Fummelei am Stift, müde Blicke: Obamas TV-Debatten-Flop im US-Wahlkampf wäre nicht passiert, wenn er auf die Tipps der Bundesliga-Spitzenreiter im Debattieren gehört hätte: Sie kommen aus Marburg.

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OP-Redakteur Tim Gabel (links) stellte sich im Rededuell dem Debatier-Profi Tobias Kube.

Quelle: Foto: Michael Hoffsteter, Monatage: Alexander Pavlenko

Marburg. Mein Besuch bei den künftigen Rhetorik-Profis beginnt mit einem doppelten Knall. Kurze Stille im Hörsaal an der Biegenstraße. Tobias Kube hat mit voller Wucht auf das hölzerne Schreibbrett geschlagen, das vor ihm in der Sitzreihe des Hörsaals angebracht ist. Der Redner vorne am Pult – der bis gerade leidenschaftlich vor der Tafel gestikuliert hat – bedankt sich beim „Plenum“ und verstummt: „Einmal klopfen bedeutet, dass eine Minute Redezeit vorbei ist, zweimal Klopfen beendet die Redezeit“, erklärt der Vorsitzende des Marburger Brüder Grimm Debattierclubs Tobias Kube, der an diesem Abend den Juror gibt.

Unbekanntes Thema wird erarbeitet

Vornehmlich die Anfänger des Vereins haben sich getroffen, um sich in einem clubinternen Turnier nach allen Regeln der Kunst niederzuringen: Kampfsport mit Worten. Zwei Teams á zwei Personen übernehmen jeweils die Rolle der Regierung und der Opposition. Sie müssen sich innerhalb von 15 Minuten ein vorher unbekanntes Thema erarbeiten und dann das Publikum von ihrer Meinung überzeugen. Diskutiert werden so Denk-Brocken wie: „Sollten nach einem Regimewechsel die Denkmäler des alten Regimes zerstört werden“, oder „Sollte der Westen den Entwicklungsländern Geld geben, damit sie ihren Umweltschutz verstärken“.

Warum tut man sich so etwas freiwillig in der Freizeit an? „Ich wusste, dass ich in meinem Studium ständig frei reden muss, fast in jedem Seminar erwartet mich ein einstündiges Referat. Das hier ist eine gute Übung“, sagt Martin Grau, der im dritten Semester Psychologie studiert und gerade um den Finaleinzug gekämpft hat. Martin muss sich mit seinem Teamkollegen gegen neun andere Gruppen durchsetzen: Rede und Gegenrede wechseln sich bei einem Duell ab, wie bei einem echten Schlagabtausch im Bundestag. „British Parliamentary Style“, heißt dieser Wettkampf in der Debattier-Sprache“, erklärt Tobias, „die Tradition der Debattenclubs kommt aus dem anglo-amerikanischen Raum“.

Der Name ist das einzige, das hier etwas angestaubt wirkt. Der Club ist keine Elite aus Verbindungsstudenten, die im Frack parlieren. „Wir haben inzwischen Mitglieder aus allen Studienrichtungen, viele Studentinnen, und sind auch für Interessierte offen, die nichts mit der Uni zu tun haben“, sagt Tobias.

Es gibt unterschiedliche Duell-Formen: Beim „British Parliamentary Style“ kommt es weniger auf das Repertoire an Gesten oder die Variation der Stimme an, sondern mehr auf den Inhalt. Schlüssige Argumente zählen hier und der Aufbau der Rede: „Sage was du sagen wirst, sage es und dann sage, was du gesagt hast“, erklärt mir Tobias den perfekten Aufbau aus Einleitung der Rede, Argumentation und Zusammenfassung.

Redepausen sind perfekt gesetzt

Wenige Momente später werde ich diese erste Debattier-Weisheit gut gebrauchen können. Ich fordere Tobias zu einem Blitz-Duell heraus. Schließlich ergibt sich hier die Gelegenheit gegen einen der talentiertesten Nachwuchs-Redner Deutschlands anzutreten:
Im Oktober hat der Marburger Debattierclub das erste Turnier der bundesweiten Uni-Liga in Mainz gewonnen. Die Saison ist gerade gestartet, die Marburger derzeit Spitzenreiter. Mein Vorteil: Ich darf mir das Thema aussuchen und glaube ihn so in die Knie zwingen zu können. Meine Diskussionsthese: „Man sollte als Student unbedingt in einen Debattier-Club eintreten“. Tobias muss widersprechen.

Die Vorbereitungszeit ist vorbei, bevor mir ein zweites Argument einfällt. Schon finde ich mich auf der Bühne wieder, erkläre den Studenten mit etwas schwitzigen Händen, wie wichtig es auch für das Berufsleben ist, in freier Rede geübt zu sein und seine Meinung adäquat verkaufen zu können. Ich bin zufrieden als es vorbei ist. Doch dann kommt Tobias. Er wickelt sein Publikum ein, erzählt wie viel Spaß das Debattieren macht, aber wie sehr man sein Studium vernachlässigt. Reichert seine Rede mit Aufzählungen und rhetorischen Fragen an. Jede Pause ist perfekt gesetzt. Er lässt Zwischenfragen zu, das ist guter Stil beim Debattieren! Für dieses Mal will ich mich geschlagen geben. Tobias‘ Tipp: Mehr Variation in der Stimme. Die Rede auch mal beschleunigen und mit der Stimme das Gesagte betonen.
Und: „Den Stift aus der Hand legen. Das sieht unprofessionell aus“. Aber das vergesse selbst der US-Präsident hin und wieder.

Sudenten gegen Professoren

Am Mittwoch (21.November) um 20 Uhr kann man die jungen Rhetoriker vom Brüder Grimm Debattierclub in Aktion sehen: Schon zum sechsten mal treten im Marburger Rathaus drei Studierende gegen drei Professoren der Philipps-Universität in einer Showdebatte an! Das Publikum wählt hierbei aus zwei Themenvorschlägen der Moderatoren das Thema für den Abend und kürt nach der Debatte das Siegerteam. Zuletzt hatten die Professoren die Nase vorn.

von Tim Gabel

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