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Richter: „Wir tappen im Dunkeln“

Arzt-Prozess am Landgericht Richter: „Wir tappen im Dunkeln“

Die Hauptverhandlung im Marburger Arzt-Prozess kommt nicht so recht voran, auch nach zahlreichen Zeugen-Vernehmungen herrscht weiterhin eine undurchsichtige Aussage-gegen Aussage-Situation.

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Dem Gericht bleiben Zweifel an der Glaubwürdigkeit des mutmaßlichen Opfers.

Quelle: Thorben Wengert / pixelio.de

Marburg. Im Berufungsverfahren gegen einen Marburger Arzt, der einen jungen Süchtigen im Austausch gegen Medikamente zum Sex genötigt haben soll, steht weiterhin die Glaub­würdigkeit des verstorbenen mutmaßlich Geschädigten im Mittelpunkt der laufenden Beweisaufnahme.

Weitere Zeugen berichteten am Freitag vor der Strafkammer des Landgerichts über ihre Erfahrungen und Gespräche mit dem Ende 2012 gestorbenen Mann. Eine enge Freundin, bei der das mutmaßliche Opfer vorübergehend bis kurz vor seinem Tod wohnte, sprach über regelmäßige Treffen zwischen dem Süchtigen und dem Angeklagten.

Fast täglich soll der Mediziner den jungen Mann mit Bargeld versorgt haben. In dem Gepäck des Geschädigten fand sie zahlreiche Medikamente – über deren Ursprung oder die Beziehung zu seinem Arzt habe der langjährige Freund nicht mit ihr sprechen wollen, erwähnte keine sexuellen Kontakte. Nach seiner Spanienreise Mitte 2012 verschlechterte sich sein gesundheitlicher Zustand, der damals 22-Jährige wurde erneut rückfällig, wirkte „bedrückt und sehr belastet“, sagte die Zeugin.

Theologe: Süchtiger sprach von „Sex gegen Drogen“

Auch ein Theologe, der den jungen Mann während eines Berufsorientierungsprojekts betreute, berichtete von Gesprächen, in denen der Süchtige zugab, im Jahr 2012 einen ihm angebotenen Handel „Sex gegen Drogen“ wahrgenommen zu haben. Den Namen des Anbieters nannte er jedoch nicht. Sexuelle Handlungen „gegen seinen Willen“ und dass er seinen Körper verkaufe, erwähnte er ebenfalls gegenüber seiner Bewährungshelferin, teilte eine Mitarbeiterin der Gerichtshilfe mit.

Die Vorwürfe „waren immer wieder Thema“, der Zustand des jungen Mannes dabei aufgrund seiner Suchtproblematik stark schwankend. Auch über die Wohnung des Arztes, in der er zeitweise lebte, habe der Klient häufig gesprochen. Diese war jedoch zu jener Zeit bereits aufgelöst und neu vermietet, stellte das Gericht fest.

Daneben berichtete ein Marburger Apotheker, der häufig die Praxis des Angeklagten belieferte, über die Geschäftspraktiken zwischen Arzt und Apotheke. In mehreren umfangreichen Quartalsrechnungen tauchten unter anderem der Name des Verstorbenen auf sowie verschiedene Arten von Medikamenten, darunter rezeptpflichtige Stoffe, Schmerzmittel, aber auch übliche Körperpflegeprodukte. Es komme durchaus vor, dass Medikamente für Patienten, die eigentlich auf Kosten der Kasse gehen könnten, auf der Privatrechnung der Ärzte auftauchen, versehentlich oder mit Absicht.

Apotheker: Es gab keine fehlenden Rezepte

Der Angeklagte habe demnach „aus Schusseligkeit oder Gutmütigkeit“ immer wieder mal Medikamente für Patienten übernommen und auch bezahlt, so der Apotheker. Fehlende Rezepte oder illegale Praktiken aus der Arztpraxis seien ihm dabei nicht aufgefallen.

Während der langwierigen Verhandlung zog der Vorsitzende Richter Dr. Frank Oehm eine deutliche Zwischenbilanz des bisherigen komplizierten und undeutlichen Verfahrens. Knackpunkt des Prozesses ist die schwer belastende Kernaussage des verstorbenen Süchtigen, er habe unter Zwang „Medikamente gegen Sex“ erhalten. Seine Angaben bei der Polizei hatte er später jedoch widerrufen. Das stete „Hü und Hott“ des besonders schwer einschätzbaren mutmaßlichen Opfers kompliziere die Wahrheitsfindung.

Zudem fehlen objektive Beweise außerhalb seiner Aussage, die seine Version stützen könnten, sagte der Richter. „Wir stehen immer noch vor der Frage: Was war die Wahrheit?“ Keiner der Zeugen konnte unmittelbar aus eigenen Erlebnissen berichten, sich lediglich auf Angaben des jungen Mannes in verschiedenen fragwürdigen Lebenslagen oder von Dritten stützen. Einige Aussagen wurden bereits widerlegt. „Wir tappen im Dunkeln. Derzeit ist die für eine Verurteilung erforderliche Sicherheit für das Gericht nicht gegeben“, brachte es Oehm auf den Punkt.

  • Die Verhandlung wird am Mittwoch, 3. Juni, fortgesetzt.

von Ina Tannert

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Der Marburger Arzt, der einen Patienten gegen Drogen zu Sex genötigt haben soll, ist in zweiter Instanz vor dem Landgericht freigesprochen worden.

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