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Richter: „Die Tat ist nicht nachzuweisen“

Aus dem Landgericht Richter: „Die Tat ist nicht nachzuweisen“

Mehrfach soll ein junger Mann einen Jugendlichen in seiner Marburger ­Wohnung sexuell missbraucht haben. Der Vorwurf bestätigte sich nicht, ausschlaggebend war die verstörende Vergangenheit des Opfers.

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Der Angeklagte wurde vor dem Landgericht freigesprochen.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Mindestens zweimal soll der doppelt so alte Mann den befreundeten Jugendlichen, damals 16 Jahre alt, zum Sex gezwungen haben. Glaubhaft war das mutmaßliche, bereits vorbelastete Opfer nicht - die Tat konnte dem Angeklagten nicht nachgewiesen werden.

Es war bei weitem nicht das erste Mal, dass der Mann vor dem Marburger Landgericht erscheinen musste. Ende November vergangenen Jahres begann die mehrwöchige Verhandlung gegen den heute 30 Jahre alten Angeklagten aus dem Hinterland, dem mehrfacher sexueller Missbrauch von drei Jugendlichen vorgeworfen wurde (die OP berichtete). Zwei der Fälle wurden vom Hauptverfahren abgespalten - gestern endete auch diese Verhandlung mit einem Freispruch.

„Die Tat ist nicht nachzuweisen“, entschied die große Jugendkammer unter Vorsitz von Richter Dr. Thomas Wolf. Zwischen Oktober 2007 und Mai 2008 soll sich der Angeklagte in seiner damaligen Marburger Wohnung dem schlafenden Jugendlichen sexuell genährt haben. Dabei nutzte er gezielt dessen Unfähigkeit zum Widerstand aus, so der Vorwurf.

Beide schliefen gemeinsam auf einer Eckcouch

Der 30-Jährige bestreitet die Tat, „ich habe nichts gemacht“, betonte er vor Gericht. Beide waren zu dieser Zeit befreundet, teilten als Heimkinder eine gemeinsame Vergangenheit, er habe dem Jugendlichen helfen wollen, ihn mehrmals bei sich übernachten lassen. Manchmal schliefen zwar beide gemeinsam auf der Eckcouch, zu sexuellen Handlungen sei es dabei aber nicht gekommen. Dem älteren Freund vertraute der Geschädigte schließlich an, als Kind vom eigenen Bruder missbraucht worden zu sein, generell wuchs er in einer gewalttätigen Familie auf.

Diesem Vorwurf ging auch das Gericht im Rahmen des aktuellen Falles nach. Strafrechtlich verfolgt wurde der Missbrauch damals nicht, stutzig machten die Ermittler jedoch einige Parallelen in den Aussagen des Jugendlichen. Beide nicht bewiesenen Taten sollen in etwa gleich abgelaufen sein, nach jedem Übergriff floh das Opfer nach eigener Aussage, verbrachte die Nacht unter freiem Himmel.

Aufgrund der überraschend ähnlichen Abfolge ordnete das Gericht im vergangenen Jahr ein aussagepsychologisches Gutachten für den Zeugen an, trennte die Fälle daher vom Hauptverfahren ab. Denn: Es gab „konkrete Hinweise auf einen Paralleltransfer“, soll heißen, der junge Mann schien das traumatische Erlebnis aus der Kindheit auf angebliche Vorfälle der Gegenwart zu übertragen.

Geschädigter verweigert Gespräch mit Gutachterin

Ein entsprechendes Gutachten gibt es bis heute nicht. Wie aus den gerichtlichen Protokollen und polizeilichen Aussagen der Beteiligten hervorgeht, verweigerte der mutmaßliche Geschädigte ein Gespräch mit der Sachverständigen. Der Grund: Er hatte Sorge, dass damit auch die verdrängten „schweren traumatischen Ereignisse“ wieder an die Oberfläche dringen. Dazu zwingen kann ihn das Gericht nicht, aufgrund des fehlenden Gutachtens ist jedoch die Glaubwürdigkeit des psychisch vorbelasteten Opfers zweifelhaft. Die nicht verwertbare Zeugenaussage brachte das Verfahren daher zu einem schnellen Ende.

Aufgrund der Vorgeschichte sei eine Begutachtung für die Glaubwürdigkeit unerlässlich, „die Vorwürfe können so nicht aufgeklärt werden“, stellte Staatsanwältin Kathrin Ortmüller fest, die Freispruch beantragte.

Dem schlossen sich Verteidigung und Jugendkammer an. Dabei werde „die ureigenste Aufgabe eines Richters“ besonders deutlich, nämlich zu bewerten ob man Zeugenaus­sagen glauben kann oder nicht, erklärte Richter Wolf.

In diesem Fall musste sich das Gericht für Letzteres entscheiden. Die tragische Entwicklung des Jugendlichen war von Dingen wie sexueller Gewalt geprägt, gewisse Einzelheiten verschiedener Taten waren dabei „identisch oder nah beieinander“. Ohne Gutachten konnte die Aussage des jungen Opfers nicht gewertet werden.

Gänzlich aus dem Schneider ist der Angeklagte dabei immer noch nicht - gegen das Urteil aus dem vergangenen Jahr legte die Staatsanwaltschaft unlängst Revision ein. Das Verfahren läuft noch.

von Ina Tannert

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