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Rentner gehen als Mediatoren in die Schule

Seniorpartner in School Rentner gehen als Mediatoren in die Schule

Dass ein Streit durch Worte beigelegt werden kann, müssen viele Kinder erst einmal lernen. Peter Kettner vom Verein "Seniorpartner in School" hilft ihnen dabei.

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Peter Kettner (rechts) ist ehrenamtlicher Schulmediator im Verein Seniorpartner in School. In zehn Schulen in Marburg und dem Landkreis helfen die Mediatoren Kindern dabei, ihre Konflikte selbst zu lösen.

Quelle: Bilderprofi Zabel, Amöneburg

Marburg. Peter Kettner ist vor sieben Jahren in Rente gegangen. Und wer ihn kennenlernt, kann sich vorstellen, dass der Architekt seinen Ruhestand nicht auf dem Sofa verbringt. „Den ganzen Tag Rasen mähen und Hecken schneiden ist nichts für mich. Mir geht es gut - ich will Menschen helfen, denen es nicht so gut geht“, sagt Kettner.

Nach dem letzten Arbeitstag, so Kettner, habe er zu Hause alles aufgeräumt und sortiert, aber dann sei er erst einmal in ein Loch gefallen. Plötzlich hatte er Zeit im Überfluss und wusste nicht, was er Sinnvolles damit anstellen sollte. Doch kurze Zeit später wurde Kettner beim Seniorenkolleg auf „Seniorpartner in School“ aufmerksam und war sofort interessiert. „Meine Frau engagiert sich im Hospiz. Das finde ich wichtig, aber ich wollte gerne mit Kindern arbeiten“, sagt Kettner, der neben vier eigenen Kindern inzwischen auch neun Enkel hat.

Kurze Zeit später begann für ihn der 80-stündige Kurs zum Schulmediatoren. „In Besprechungen im Beruf wird oft schon geantwortet, bevor Zeit war, nachzudenken. Im Seminar habe ich erst mal Zuhören gelernt“, sagt Kettner. Die Ausbildung zum Mediatoren und die bisher rund 150 Mediationsgespräche haben ihn geprägt: „Mein Sohn will bald ein Haus bauen. Früher hätte ich ihm einen Plan gezeichnet und gesagt ‚so wird‘s gemacht‘ - heute zeichne ich fünf Pläne und lasse ihn entscheiden.“

Auch in der Schule hütet sich Kettner davor, den Kindern Lösungen zu präsentieren oder Ratschläge zu geben. Das Wort „Ratschlag“ ist geradezu verpönt unter den Schulmediatoren. Stattdessen suchen sie ein Gespräch auf Augenhöhe. Sie wollen den Kindern helfen, sich in ihre Opponenten hineinzuversetzen, zu verstehen, warum der andere geschimpft, geschlagen oder geschummelt hat. Vor allem geht es darum, dass die Kinder ihren Streit beilegen und in Zukunft wieder gut miteinander auskommen.

In der Regel läuft das so ab: Schüler und Lehrer wissen, dass die Mediatoren einmal pro Woche in der Schule sind. Entweder kommen die Kinder von sich aus in die Sprechstunde, um über ein Problem zu sprechen. Oder ein Lehrer schickt Schüler, die sich gestritten haben. „Lehrer haben so viel damit zu tun, den Stoff zu vermitteln, dass sie froh sind, dass sie die Kinder mit ihren Konflikten zu uns schicken können“, sagt Kettner.

Als erstes fragt Kettner die Kinder, ob sie bei der Mediation mitmachen wollen. „Ich habe erst selten erlebt, dass ein Kind nicht mitmachen wollte. Aber spätestens, wenn ich sage, dass gehen kann, wer nicht mitmachen will, bleibt doch jedes Kind am Tisch.“ Dann müssen alle Beteiligten erzählen, was aus ihrer Perspektive passiert ist. Der Mediator gibt jeden einzelnen Bericht in seinen Worten möglichst nüchtern und ohne Wertungen wieder. Die anderen müssen zuhören, bis sie mit ihrem Bericht an der Reihe sind.

Wenn es zum Beispiel im Ursprung um die Frage ging, ob der Fußball im Aus war oder nicht, dann kann es sein, dass Kettner die Jungs auf die Idee bringt, einmal zu definieren, wo das Spielfeld endet. Am Ende solcher Mediationen - egal, ob es um Fußballregeln oder Schlägereien gehe - gebe es, so Kettner, nicht Sieger und Gewinner, sondern nur Gewinner. In 98 Prozent aller Fälle fänden sie eine Vereinbarung, wie die Streithähne in Zukunft wieder miteinander reden, spielen oder arbeiten könnten.

Kinder müssen lernen, ohne Gewalt zu streiten

Bei Mädchen ist seiner Erfahrung nach körperliche Gewalt die Ausnahme. Da gehe es eher darum, dass die eine Dinge über die andere erzählt hat, dass eine angeblich der anderen die Freundin ausspannen will, also um Beziehungsprobleme.

„Sich zu streiten ist ganz normal“, sagt Anne Traulich, die Vorstandsvorsitzende des hessischen Landesverbands von Seniorpartner in School. Die Kinder müssten nur lernen, ihre Konflikte ohne Gewalt zu lösen.

Die Seniorpartner machen aber nicht nur die Mediationen. Ein weiterer Schwerpunkt ihrer ehrenamtlichen Arbeit sind Kinder, die gemobbt werden. „Menschen werden gemobbt, weil sie anders sind und weil wir alle anders sind, kann das jedem von uns passieren“, sagt Kettner. Vor kurzen habe er einen Fall gehabt, in dem ein Junge mit ausländischen Wurzeln wegen der aktuellen Nachrichten aus seiner Heimat als Aggressor tituliert wurde. „Das hat den Jungen geärgert und die anderen haben ihn weiter provoziert“, erzählt Kettner. Mobbing sei ein ernstes Problem für die Betroffenen, das aber auch auf die ganze Klasse abfärbe. Um dagegen vorzugehen sei es wichtig, keinem Vorwürfe zu machen. Stattdessen versucht Kettner mit den Kindern zu überlegen, warum es dem einen Kind schlecht geht und was sie alle tun könnten, um das zu ändern. „Da passiert so viel in den Kindern - nach spätestens 14 Tagen merken sie, dass der oder die andere gar nicht so anders ist.“

von Thomas Strothjohann

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