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Rekordverdächtig: 60 Wohnungen besichtigt

Schimmelnde Küchen, hohe Mieten Rekordverdächtig: 60 Wohnungen besichtigt

Das Problem ist bekannt - es fehlt an Studentenwohnungen. Wie sich dieser Mangel aus Erstsemester-Sicht darstellt, kann dennoch erschreckend sein. Eine vernünftige Bleibe zu finden, ist eine große Herausforderung.

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Lisa Freitag verrät ihren Besichtigungstipp mit der Schokoladentafel in ihrem neuen Zimmer.

Quelle: Peter Gassner

Marburg. Lisa Freitag hatte Glück. Sie erhielt ihre Zusage für den Studiengang Jura bereits im August und machte sich in weiser Vorahnung sofort auf die Suche nach einer WG. Einfach hatte sie es dennoch nicht. Die Studentin aus Mülheim an der Ruhr packte sich ihren Zeitplan randvoll und sah sich 15 Wohnungen in nur zwei Tagen an.

Doch „bei manchen WGs kommt man rein und merkt gleich: das wird nichts“, so die 20-Jährige. Bei dem ein oder anderen potentiellen Mitbewohner merkte sie schnell, dass die Chemie nicht stimmte und bekam dort im Nachhinein auch nicht einmal eine Absage. Als viel schlimmer empfand sie es aber beispielsweise, als sie einen Termin „auf irgendeinem Dorf sechs Kilometer außerhalb“ vereinbart hatte und an der Haustür erfuhr, dass das Zimmer „leider schon weg“ sei. Besonders in kleineren WGs habe sie wiederum gemerkt, dass es sich um reine Zweckgemeinschaften handele. „Ich möchte aber in meiner Wohnung auch spüren, dass das mein Zuhause ist“, findet sie und schloss diese Möglichkeit für sich aus. Mehrere Besichtigungen, in denen nur einer von mehreren Mitbewohnern überhaupt beim Gespräch dabei war, erschwerten ihr daher ebenfalls die Einschätzung, wo sie sich überhaupt wohlfühlen könnte.

Mit Schokolade bestochen

Ein weiteres Problem sei oft auch der Zustand der Zimmer. Schimmel ziehe sich „wie ein roter Faden durch“, sodass sie „zum Teil von den Wohnungen schockiert war“. Selbst in ihrer jetzigen WG gebe es die ein oder andere Schwachstelle. So habe etwa ihr Mitbewohner „ein Loch in der Decke, aus dem Schlamm kommt“. Die Marburger Vermieter schlügen „ziemlich viel Profit aus der Situation“. So habe sie auch bei einigen Castings erfahren, dass etwa die Waschmaschinennutzung 1,50 Euro pro Marke kosten sollte und die Länge der Waschgänge so eingestellt sei, dass man immer zwei Marken nutzen müsse.

Letztlich hatte sie aber - vorerst - Erfolg bei der Suche und kam für ein halbes Jahr Zwischenmiete in einem 21 Quadratmeter großen Zimmer im Marbacher Weg unter. Möglicherweise muss sie dann wieder auf die Suche gehen, hat dafür aber einen guten Trick parat. Um nicht als eine unter vielen Kontaktdaten auf einer langen Bewerberliste zu landen, band sie einen Zettel mit ihrer Telefonnummer an eine Tafel Schokolade und schenkte sie der jeweiligen WG, um im Gedächtnis zu bleiben. Auch für die nächste Suche bleibt sie daher positiv. Schließlich habe Marburg auch viele schöne Seiten und nach einer „tollen ersten Woche“ habe sie sich bereits „ein bisschen in die Stadt verliebt“.

Diese Einschätzung kann Sandra Ryborz hingegen nicht teilen. Sie sei froh, dass sie nun in einem gewissen Abstand wohne und habe trotz ihrer Vorzüge „mit der Stadt abgeschlossen“.

Die 21-jährige kam im vergangenen Jahr mit ihrem Freund nach Marburg und sah sich seitdem rund 60 Wohnungen an. „Ich habe meine Zulassung erst im letzten Moment bekommen“, erzählt sie und besichtigte daher nahezu jedes Angebot. „Viele Wohnungen sind einfach Bruchbuden und die Vermieter kümmern sich um nichts,“ schildert sie ihren Eindruck. Oft seien Schimmel oder vermoderte Einbauküchen zu sehen und selbst wenn man sich selber darum kümmern wolle, seien die Vermieter nicht bereit für die Instandsetzung zu zahlen. Eine ordentliche Wohnung in ihrem eigentlich recht hoch angesetzten Budget zu finden, sei so nicht möglich gewesen. Dabei sei ihr einziger Anspruch Sauberkeit gewesen.

Sandra Ryborz wohnt jetzt außerhalb

Auch die WG-Suche, die sie mangels Alternativen gestartet hatte, war nicht erfolgreich. „Je kleiner die WG, desto mehr Anforderungen wurden auch an den Mitbewohner gestellt“, erinnert sie sich. Die Konkurrenz war dabei immer zahlreich. Gut zu sehen sei das etwa in der facebook-Gruppe „Wohnungsmarkt Marburg“, wo unter jedem Angebot gleich „nach ein paar Minuten 14, 15 Kommentare“ stünden.

Zunächst gelang es ihr aber dennoch mit ihrem Freund zusammen eine Wohnung in der Straße „Am Richtsberg“ zu beziehen. Doch schon nach zwei Wochen kam die böse Überraschung. „Plötzlich kamen die Tapeten von der Wand und es wurde so viel Schimmel sichtbar, dass wir den in der kurzen Zeit unmöglich verursacht haben konnten“. Genau das behauptete jedoch die Vermieterin und schaltete sogar einen Anwalt ein. Sandra Ryborz zog aus der Wohnung aus und pendelte den Rest des Semesters jeden Tag zwei Stunden hin und zwei Stunden zurück aus ihrer Heimat Heidelberg und verpasste so einige Vorlesungen, was sich auch in den Prüfungen bemerkbar machte. „Einmal hatten wir morgens auf der Autobahn eine Panne und haben die Prüfung sogar deshalb verpasst“, erzählt sie ihr Dilemma. Inzwischen hat sie aber eine Bleibe gefunden, in der sie auf 52 Quadratmetern - in einem Dorf außerhalb - glücklich ist. Und jetzt, dank günstiger Miete, kann sie sich für den Weg zur Uni ein Auto leisten.

von Peter Gassner

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