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Reise-Fan ist von Beruf Traum-Erfüller

Lebenswege Reise-Fan ist von Beruf Traum-Erfüller

Den eigenen Traum leben - wer möchte das nicht. Doch das Leben mit seinen Anforderungen und Zwängen scheint der Erfüllung von Visionen im Wege zu stehen. Das das nicht so sein muss, beweist die Geschichte des Marburgers Martin Smik.

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Martin Smik (links) hat sich 1997 einen Lebenstraum erfüllt – Birgit Glöckner hilft ihm dabei. Und mit ihrem Reisebüro helfen sie wiederum Behinderten, die Welt auf Reise.

Quelle: Heike Döhn

Marburg. Der Geschäftsführer des Reisebüros „Weitsprung“ ist einer von zwölf Menschen, deren Geschichte Dennis Betzholz und Felix Plötz in ihrem gerade erschienenen Buch „Palmen in Castrop-Rauxel erzählen. Geschichten von Menschen, die sich ganz unterschiedliche Lebensträume erfüllt haben - mit Mut, Glück und Anstrengung.

Der Journalist und der Unternehmer haben sich mit dem Buch selbst einen Traum erfüllt, sind für die Recherche quer durch die Republik gereist, haben es über Crowdfunding finanziert und im Eigenverlag herausgebracht. Sie schreiben von einem Mann, der mitten im Ruhrgebiet einen Versandhandel mit Palmen und anderen exotischen Pflanzen auf die Beine gestellt hat, einem Rettungssanitäter, der nebenbei als DJ europaweit auflegt oder die gelernte Chemielaborantin, die sich mit selbstgemachtem obstförmigem Sexspielzeug selbstständig macht.

Smik will Lebensträume erfüllen

Und eben von Martin Smik, der 1997 zusammen mit Birgit Glöckner ein ganz besonderes Reisebüro gegründet hat. Bei „Weitsprung“ in der Gutenbergstraße kann man zwar dieselben Reisen buchen wie in anderen Reisebüros auch, das „Herz“ aber sind die individuellen Reisen für Behinderte, die beide austüfteln.

Menschen mit Behinderungen dabei zu helfen, Länder, Landschaften und andere Menschen kennenzulernen, das war der Traum von Martin Smik. Der Pädagoge hat manches ausprobiert im Leben, schon neben dem Studium als Begleiter bei Reisen für Behinderte gejobbt. Bei dem Marburger Verein AG Freizeit, der Freizeiten für Behinderte anbietet, hat er gearbeitet, aber dort waren ihm die Möglichkeiten zu beschränkt. Er will vor allem eines: Behinderten die Welt zeigen, Lebensträume erfüllen.

Martin Smik entschloss sich zusammen mit seiner Kollegin Birgit, dann eben das eigene Ding zu machen. Eine „Mischung aus Naivität und Überzeugung“ nennt er das heute - und die ersten Jahre mit dem Reisebüro sind wahrlich kein Zuckerschlecken. „Ich bin Pädagoge, ich hatte keine Ahnung von Finanzen“, sagt Martin Smik, und so stand das Unternehmen „Weitsprung“ nach drei Jahren fast vor dem Aus. Doch zur Verwirklichung eines Traums gehört es auch, Hilfe von anderen anzunehmen, und mit der Unterstützung eines Unternehmensberaters wühlten sich Martin Smik und Birgit Glöckner in die Welt der Buchführung und der Kontoauszüge.

Erfolgreich: Weitsprung hat mittlerweile Niederlassungen in Hamburg, Bremen und Paderborn und organisiert jährlich etwa 50 Reisen für behinderte Menschen - in den Bayerischen Wald ebenso wie ins Elsass, in die Toskana nach Südafrika oder sogar Vietnam. „Wir fahren dahin, wo wir auch gerne selbst hinreisen“, sagt Smik. Unterstützt werden sie dabei nicht nur von acht Mitarbeitern, sondern auch von 500 ehrenamtlichen Betreuern, Anders wäre der Begleitschlüssel von einem Betreuer auf zwei Gäste auch nicht zu stemmen. Und wenn ein Gast eine noch intensivere Betreuung braucht, dann wird auch das möglich gemacht.

Träume brauchen Ziele

Wenn Martin Smik von seinen Erlebnissen mit seinen Gästen erzählt, werden ihm oft die Augen feucht - auch nach so vielen Jahren bleibt er von den einzelnen Schicksalen berührt. Er erzählt von dem Mädchen, das Rund-um-die-Uhr-Betreuung braucht und seiner Familie, die nie Urlaub machen konnten und dann gemeinsam das Meer gesehen haben. Oder von der 98-Jährigen, die in Vietnam noch gelernt hat, mit Stäbchen zu essen.

Von ganz vielen Begegnungen können er und Glöckner erzählen, von gelebter Integration und Inklusion, von intensiven Glücksmomenten. Dass es viel Kraft gekostet hat, diesen Traum vom erfüllten und sinnvollen Leben zu verwirklichen, dass es nicht reicht, ein guter Mensch zu sein, das erzählen sie auch - von den Panikmomenten, wenn das Scheitern bevorzustehen schien.

Ein klares Ziel müsse man haben, wenn man wirklich einen Traum verwirklichen will, sagt Smik. Nicht zuviel wollen auf einmal, das rät er auch.

Dass er mit seiner persönlichen Geschichte plötzlich so im Rampenlicht steht, ist Smik ein bisschen unheimlich. Aber immerhin steht die jetzt neben der von Freshtorge alias Torge Oelrich, einem Sozialarbeiter, der als „Sandra“ zum Youtube-Star wurde - zumindest in den Augen seines zehnjährigen Sohnes erhöht das seinen Coolness-Faktor. Das Buchprojekt der beiden Autoren Betzholz und Plötz empfindet er als „einen echten Mutmacher“. Ebenso wie die beiden Autoren ist er nämlich auch der Überzeugung, dass es derzeit eine Trendwende in Deutschland gibt, dass immer weniger junge Menschen sich damit zufrieden geben, sich in der Firma aufzureiben und möglichst viel Geld zu verdienen, die Karriereleiter zu erklimmen. Dass neue Arbeitsmodelle im Kommen sind und das Streben nach Glück und Erfüllung eine neue Wertigkeit bekommt - und dass das eigene Glück oft ganz viel mit dem Glück anderer zu tun hat. Mit dem Glück der Menschen zum Beispiel, die mit „Weitsprung“ an Orte kommen, die sie sonst nie zu sehen bekommen hätten.

von Heike Döhn

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