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Reichs-Feier: Kritik an Burschenschaft

"Germania Marburg" Reichs-Feier: Kritik an Burschenschaft

Die Studentenverbindung „Germania Marburg“ übernimmt den Vorsitz über den als rechtsextrem geltenden Dachverband „Deutsche Burschenschaft“ (DB) und will das mit einem Reichsgründungs-Fest feiern.

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Die Germania Marburg hat mit dem Jahreswechsel den Vorsitz über den als rechtsextrem geltenden Dachverband „Deutsche Burschenschaft“, dem neben ihr in Marburg noch die Rheinfranken und Normannia Leipzig angehören, übernommen. Der Verband zeichnet verantwortlich für umstrittene Treffen und Fackelmärsche etwa rund um die Wartburg in Eisenach.

Quelle: Archiv

Marburg. Auf ihrer Internetseite, kündigt die Germania für Samstag eine „Reichsgründungskneipe und Vorsitzübergabe der Deutschen Burschenschaft“ an. Dieses Datum –
fußend auf der Kaiserproklamation im Schloss von Versailles am 18. Januar 1871 – war ein festlich begangener Tag im Deutschen Kaiserreich. Bis Ende der 1930er-Jahre wurde das Datum 18. Januar regelmäßig gefeiert, patriotische Reden gehalten und Lieder gesungen.

„Auch von völlig unpolitischen Studentenverbindungen in ganz Deutschland wird der Tag gefeiert. Die Feste sind nicht zwangsläufig Ausdruck einer konkreten politischen Meinung“, sagt Philipp Stein, Sprecher der Aktivitas der Germania auf OP-Anfrage. Die geplante Feier sorgt jedoch im umstrittenen Dachverband, dem in Marburg neben der Germania noch die Rheinfranken und Normannia Leipzig angehören, für Irritationen: „Sogenannte Kneipen zu feiern ist nichts Ungewöhnliches. Es ist aber absolut unüblich eine solche Zeremonie als Reichsgründungsfeier zu bezeichnen, so etwas höre ich zum ersten Mal“, sagt Walter Tributsch (Teutonia Wien), Pressesprecher der Deutschen Burschenschaft.
Nach OP-Informationen soll aber zumindest in Hamburg von der dort ansässigen Germania-Burschenschaft jährlich ein Reichsgründungskommers gefeiert werden – mit Festrednern aus der rechtsextremen Szene.

Kritik äußern Kommunalpolitiker und Mitglieder der Antifaschistischen Aktion (Antifa): „Von Marburg aus wird bundesweit extrem rechte Politik gesteuert und verwaltet“, sagt Sophia Stern, Antifa-Sprecherin. Die ansässigen DB-Burschenschaften  würden „Räume und Strukturen für neonazistische Politik, ob Fackelmärsche, Vorträge, Flugblattaktionen oder Naziaufkleber in der Stadt bereitstellen“. Mit den Germanen übernehme „eine neonazistische Gruppierung den Vorsitz einer bundesweiten Organisation rechter Studenten.“

Linke Gruppe: Lutherstraße ist Anlaufpunkt für Nazis

Die Antifa plant für 31. Januar, 18 Uhr eine Anti-Burschenschafts-Demonstration durch Marburg. „Die Nazivilla Germania dichtmachen. Gegen die Vorsitzende der DB!“, lautet das Motto. Für die im Internet angekündigte Demo liegt eine Anmeldung bei der Stadt vor, teilt Pressesprecherin Sabine Preisler auf OP-Anfrage mit.

Die Übernahme des DB-Vorsitzes samt der geplanten Feier zeige, dass sich die Germania „nicht mal um Täuschung bemüht“, sagt Jan Sollwedel, Grünen-Stadtverordneter. Kritik und öffentlicher Druck sei der Burschenschaft „offenbar völlig egal“. Der Kommunalpolitiker sieht „das klarstmögliche Bekenntnis zur DB und deren volksverhetzenden und außländerfeindlichen Positionen“.  

Auch der Magistrat übt Kritik: „Diese Leute und ihre Denke gehören nicht nach Marburg“, sagt Oberbürgermeister Egon Vaupel (SPD). „Wir haben es mit Ewiggestrigen zutun. Das, was unsere Zeit erfordert – Weltoffenheit, Toleranz und Solidarität – dieses Denken geht an denen offensichtlich spurlos vorbei. Mich macht das nachdenklich und traurig.“ Zumal die Reichsgründungsfeier nur wenige Tage vor dem offiziellen Holocaust-Gedenktag am 27. Januar stattfindet.

Germania-Sprecher fordert „Dialog auf Augenhöhe“

Germania-Sprecher Stein sagt: „Mit Kritik, die sachlich vorgetragen wird, setzen wir uns auseinander. Ein Dialog auf Augenhöhe muss jedoch möglich sein. Zumeist beschränkt sich die öffentliche Kritik nämlich nur auf fragwürdige Anschuldigungen, gar direkte Beleidigungen.“

Die Antifa warnt indes: Die Germania sei „ein Anlaufpunkt für die Neonaziszene“, die linke Gruppe weist zudem den von Stein geäußerten Vorwurf einer „gezielten Hetzkampagne“ zurück. Antifa-Sprecherin Stern sagt, ihre Organisation stufe nicht alle Verbindungen als rechtsextrem ein – aber „für Nationalismus, Chauvinismus, Männerbund und Vaterland“ – Ansichten, die viele Verbindungen in Marburg vereine – sei „in einer demokratischen Gesellschaft kein Platz“.

von Björn Wisker

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