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Rehkitze in Gefahr

Tod durch Kreiselmäher Rehkitze in Gefahr

Sie liegen wehrlos im hohen Gras, gut versteckt vor Füchsen und anderen natürlichen Feinden. Gut versteckt aber auch für die Landwirte und deren Kreiselmäher. Die Rede ist von Rehkitzen.

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Ein Kitz liegt in einer Wiese. Weil die Tiere ihren Fluchtreflex erst noch entwickeln müssen, ducken sie sich tief ins Gras, sobald Gefahr droht.

Quelle: Thomas / Deutscher Jagdverband

Marburg. Auf den ersten Blick erscheinen Kitze, die allein im hohen Gras einer grünen Wiese liegen, als leichte Beute. Doch das Gegenteil ist der Fall: Gerade weil sie noch klein und wehrlos sind, legt die Ricke ihren Nachwuchs in den Wiesen ab und nähert sich nur, um die Kitze zu säugen. Lediglich gut 35 Minuten am Tag verbringt sie bei ihren Jungtieren, um ja keine natürlichen Feinde - wie etwa Füchse - auf die Kleinen aufmerksam zu machen. Selbst den Eigengeruch hat Mutter Reh kurz nach der Geburt abgeleckt. Alles um ihren Nachwuchs zu schützen.

„Das hilft aber alles nichts, wenn die Wiese gemäht wird, während das Kitz noch im Gras liegt“, sagt Dr. Gerhard Willmund, Vorsitzender der Jägervereinigung Marburg. Der Eigentümer der Fläche, sprich der Landwirt, hafte stets für das, was auf seiner Fläche passiere. „Also auch für den Mähtod eines Kitzes“, betont Willmund. Landwirte seien dazu verpflichtet, den zuständigen Jagdausübungsberechtigten über die anstehende Mahd zu informieren und Vorkehrungen zu treffen, um den Tod der Tiere zu verhindern.

Laut Bundesjagdgesetz und Strafgesetzbuch stellen Unterlassungshandlungen eine Straftat dar. Das Töten von Wildtieren infolgedessen verstößt gegen das Tierschutzgesetz, informiert der Tierschutzverein ­PETA Deutschland zu dem Thema. In der Vergangenheit hat der Verein wiederholt Strafanzeigen gegen Landwirte erstattet, die keine entsprechenden Schutzmaßnahmen getroffen und damit den grausamen Tod von Wildtieren billigend in Kauf genommen haben. Laut eines rechtskräftigen Urteils des Amtsgerichts Biedenkopf aus dem März 2010 ist dies strafbar (Az.: 40 Ds - 4 Js 8205/09). Das Strafmaß für das „Töten von Wirbeltieren ohne vernünftigen Grund“ reicht von Geldstrafen bis zu drei Jahren Haft. Im vorliegenden Fall kam der Bauer und sein Sohn mit einer Bewährungsstrafe davon.

Verschiedene Variantenzur Rettung der Tiere

„Natürlich kann man den Tod eines Kitzes oder eines anderen Kleintieres in einer Wiese nicht immer verhindern“, weiß Willmund aus eigener Erfahrung. Eine effektive Wildtierrettung beginne deshalb bereits vor dem Mähen. Das bestätigen der Deutsche Jagdverband, der Deutsche Bauernverband, der Bundesverband der Maschinenringe und der Bundesverband der Lohnunternehmen in einer gemeinsamen Pressemitteilung. Darin empfehlen die Verbände den Landwirten, den Mähtermin mindestens 24 Stunden vorher mit dem Jagdpächter abzusprechen oder selbst Rettungsmaßnahmen zu treffen.

„Es gibt da die verschiedensten Möglichkeiten“, betont Dr. Gerhard Willmund. Eine Möglichkeit der Jäger sei beispielsweise die Wiese vorher Schritt für Schritt, Meter für Meter abzugehen. „Wenn man dann ein Kitz findet, kann man es behutsam aufheben und in eine andere Wiese tragen“, erklärt er. Das habe er beispielsweise in der vergangenen Woche selbst vor einer Mahd gemacht.

Eine andere Technik ist die Vergrämung. Dabei werden einen Tag vor der Mahd Plastiksäcke, Knistertüten oder Flatterbänder an Pflöcken in der Wiese aufgestellt. „Die Ricke kommt dann nachts und holt ihr Kitz aus der Wiese, weil sie die Säcke, Tüten oder Bänder als bedrohlich empfindet“, berichtet ein Jäger aus Emsdorf. Dort haben sie mit dieser Methode in den vergangenen Jahren gute Erfahrungen gemacht. „Wichtig ist, dass Landwirte und Jäger miteinander reden.“

Das betont auch Willmund. Denn ein durch einen Kreiselmäher getötetes oder schwer verletztes Kitz löse bei Jägern wie auch bei Landwirten große Betroffenheit aus.

Selbst wenn der Termin zur Mahd erst kurzfristig festgelegt wird, kann bei entsprechender Rücksichtnahme Schlimmeres verhindert werden. So empfehlen Jagdverband, Bauernverband und die Verbände der Maschinenringe und Lohnunternehmen, das Feld grundsätzlich von innen nach außen zu mähen. So haben Feldhasen, Fasane und Co. während der Mahd die Möglichkeit zur Flucht. „Denn die Tiere laufen immer dorthin, wo es noch Deckung in Form von hohem Gras gibt“, so der Vorsitzende der Jägervereinigung. Frisch geborene Kitze besitzen allerdings noch keinen Fluchtreflex, stattdessen ducken sie sich ganz flach ins Gras.

Forschung mit Drohnen und Wärmebildkameras

„Wir versuchen auf jeden Fall Rücksicht zu nehmen. Wir gehen ja tagtäglich mit Tieren um“, erklärt Karin Lölkes, Vorsitzende des Kreisbauernverbandes Marburg-Biedenkopf. Ein tot gemähtes Rehkitz sei auch für die Landwirte eine unangenehme Situation. Dennoch sei es im Landkreis durch die Kleinteiligkeit der Wiesen und Felder schwer, jedes Mal Vorsichtsmaßnahmen zu treffen. „Besonders das Von-innen-nach-­außen-Mähen gestaltet sich auf kleinen Flächen schwierig“, erläutert Lölkes.

Auf Basis der Erkenntnisse eines Grundlagenprojektes des Bundesforschungsministeriums wird aktuell die Praxistauglichkeit von Wildrettersystemen am Traktor selbst erforscht. Mit Hilfe der finanziellen Unterstützung des Bundeslandwirtschaftsministeriums wollen namhafte Hersteller von Landtechnik und Elektronik marktfähige Geräte entwickeln, mit denen künftig in den Wiesen liegende Rehkitze bei der Mahd erkannt werden können. Bisherige Projektergebnisse sind laut Deutschem Jagdverband vielversprechend, um die Tiere insbesondere unter Verwendung von Drohnen und Wärmebildkameras ausreichend schnell zu finden.

von Katharina Kaufmann

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Von Redakteur Katharina Kaufmann

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