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Regierung setzt zu sehr aufs Ehrenamt

Kreismitgliederversammlung der Grünen Regierung setzt zu sehr aufs Ehrenamt

Bei der Kreismitgliederversammlung wurden aus Sicht der Grünen „aktuelle Defizite“ in der Flüchtlingspolitik und die positive Flüchtlingsarbeit im Landkreis aufgezeigt.

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Ein beherrschendes Thema bei der Kreismitgliederversammlung der Grünen war die Flüchtlingspolitik und deren Auswirkungen auf den Landkreis Marburg-Biedenkopf.Foto: Sarah Stolle

Marburg. Insgesamt kamen 30 Mitglieder und Gäste der Partei „Bündnis 90/Die Grünen“ zur Kreismitgliederversammlung in die Geschäftsstelle nach Marburg. Schwerpunktthema der Sitzung war die gegenwärtige Situation der Flüchtlinge im Landkreis. Hierzu hatte Ute Hoppe, Mitglied im Kreistag, Gäste aus dem Landkreis eingeladen, die derzeit in der Flüchtlingsarbeit tätig sind. Diskutiert wurde über Defizite in der aktuellen Flüchtlingspolitik, aber auch über Erfolge innerhalb der Gemeinden wurde berichtet.

„Das Flüchtlingsheim, das es seit den 90er Jahren in Wohra gibt, bietet Platz für 60 Personen“, berichtete Harald Homberger. Er ist mit 14 weiteren Personen in einem Arbeitskreis vor Ort tätig. „Wir treffen uns regelmäßig zum Austausch mit den Bewohnern und mit den Helfern. Es gibt bereits eine Kleiderkammer im Ort und Patenschaften für einige der Flüchtlingsfamilien. Das Haus ist mittlerweile auch von den Bürgern akzeptiert und sie zeigen sich offen“, sagte Homberger. „Bald wird auch eine ,Clearingstelle‘ - ein Anlaufpunkt für minderjährige Flüchtlinge, die alleine aus ihrer Heimat geflohen sind - in Halsdorf eröffnet. Aus anfänglichen Ängsten ist auch hier ein großer Rückhalt aus dem Ort entstanden. Eine Gruppe aus Halsdorfer Bürgern nimmt sich der Verwaltung des Hauses an“, so Homberger weiter. Gerhard Scriba ist aktiv in der Flüchtlingsarbeit in Rauschenberg tätig. Er sagt: „Bei uns ist es ähnlich. Wir sind ca. 20 Aktive, die sich engagieren. Wir führen Asylbegleitung in Form von Behördengängen oder Arztbesuchen durch. All das, was den Flüchtlingen eben ohne fremde Hilfe und ohne ausreichend Deutschkenntnisse so ohne weiteres gar nicht möglich wäre.“

In Kirchhain engagieren sich, neben Helga Sitt, sieben weitere Personen aktiv und 30 „drum herum“. Es gibt ein Begegnungs­café und Patenschaften für Familien. Außerdem wird eine Verkehrserziehung durch das Ordnungsamt angeboten.

Oberweimar wurden zu viele Flüchtlinge zugeteilt

„In Cölbe gibt es ein Gartenprojekt und eine Lernbetreuung. Viele der jungen Flüchtlinge spielen zudem Fußball. Persönlicher Kontakt ist besonders wichtig“, sagt Silke Jahns. Doch neben all dem Engagement sind oftmals auch Ängste der Bürger zu spüren. „In Oberweimar gab es eine Protestaktion in Form von Unterschriften. 57 Flüchtlinge empfanden manche einfach zu viel für 500 Einwohner. Mittlerweile sind wir aber auch 54 Helfer, wovon fünf täglich als Ansprechpartner vor Ort sind“, berichtet Wiltrud Potthoff.

Doch neben all dem Positiven wurde auch viel Negatives in der Flüchtlingsthematik deutlich. So waren sich beispielsweise alle einig, dass die Regierung derzeit zu viel auf das Ehrenamt setze. Man wünsche sich vor allem mehr hauptamtliche Unterstützer. Und auch über die Zuteilung von Deutschkursen müsse geredet werden. Während jedem Flüchtling 100 Stunden Deutsch zustünden, die sowieso nicht ausreichend seien, um die Sprache ausreichend zu lernen, hätten die Flüchtlinge, die in der Stadt untergekommen sind, mehr Möglichkeiten. Beispielsweise könnten diese noch kostenlos Deutschkurse besuchen, während die Flüchtlinge auf dem Land die Kosten dafür selbst tragen müssten. Außerdem würden ehrenamtliche Deutschlehrer verständlicherweise oftmals die anfänglich noch sehr hohe Motivation verlieren, was nicht zuletzt darauf zu schließen sei, dass es sich oftmals nicht um Profis, sondern um hilfsbereite Menschen handle, hieß es aus den Reihen der Partei. Defizite in der Politik zeigten sich derzeit auch im Zeltlager der Hessischen Erstaufnahmeeinrichtung (HEAE) in Stadtallendorf. Professionelle, hauptamtliche Helfer würden dringend benötigt, um klare Strukturen zu schaffen. Bei den Ehrenamtlichen seien die Grenzen oftmals erreicht.

Künftig wollen die Kreismitglieder laut einem Antrag an die Versammlung unter anderem dafür sorgen, dass Belegungskapazitäten eingehalten und wenn nötig, neue geschaffen werden, dass die medizinische Versorgung ausreichend gewährleistet ist und dass Deutschunterricht für alle Flüchtlinge bereits in den Erstaufnahmeeinrichtungen stattfindet.

Ein weiteres Thema der Sitzung war der Stand des aktuellen Wahlprogramms. Derzeit seien die Formulierungen in Arbeit und Mitglieder könnten Vorschläge online über die sogenannte „Programmwerkstatt“ einreichen. Delegierte für die Bundesdelegiertenkonferenz vom 20. bis 22. November in Halle sind Sabine Matzen, Dagmar Kemmerling und Karsten McGovern.

von Sarah Stolle

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