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Regen und Nässe erschweren Waldarbeit

Milder Winter Regen und Nässe erschweren Waldarbeit

Was passiert eigentlich mit dem Wald, wenn es dort im Winter nicht richtig Winter wird? Ist es ihm egal, passt er sich an oder nimmt er Schaden? Und was ist mit den putzigen Winterschlaf-Tieren?

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Ein verschneiter Wald ist schön anzuschauen, doch birgt er auch Gefahren etwa durch Schneebruch. So etwas ist derzeit hierzulande allerdings nicht zu
befürchten.

Quelle: Benedikt Bernshausen

Bottendorf. Hand aufs Herz, der Sonnenschein gestern über die Mittagsstunden tat doch sehr gut, oder? Wer konnte, ist raus zum Spaziergang - Doch statt auf einem festgefrorenen Boden zu laufen, wurde es jenseits der befestigten Feldwege sehr schnell nass und matschig, richtig ungemütlich. Hundebesitzer durften nach körperlicher Ertüchtigung dann noch extra Zeit damit verbringen, den sich bewegenden Matschball an der Leine wieder zu einem Hund zu säubern. Schmuddelwetter eben, wie im Herbst.

Was ist los mit dem Winter? Es ist jetzt zwar kälter als im Dezember, aber vom großen Dauerfrost - von Langzeitschnee wollen wir erst gar nicht reden - sind wir offensichtlich wieder weit entfernt. Letzte Woche zogen Zugvögel über Marburg hinweg - im Januar! Vielleicht kamen die aus dem Osten des Landes und verlagerten ihr Winterquartier nach dem dortigen einwöchigen Kälteeinbruch wenigstens mal nach Mittelhessen.

Die Wetterexperten sprechen aktuell von Regen, Sturm, Kälte und Blitzeis verbunden mit der Hoffnung, dass es dann doch mal ganz geordnet Schnee gibt. Die Tiefs sollen sich über Deutschland die Klinke in die Hand geben, doch was die genau in fünf Tagen machen, ist auch bei einer 14-Tage-Vorhersage doch recht ungewiss.

Einer, der das Wetter nehmen muss, wie es kommt, ist unser Wald. Doch kann er das auch wirklich? Braucht nicht auch ein Wald mit all seinen Ökosystemen ein bisschen mehr Verlässlichkeit in den Jahreszeiten? Der zurückliegende Sommer war doch schon viel zu trocken, wie wir uns noch erinnern. Fragen wir mal einen erfahrenen Förster, was er über einen milden Winter im Wald zu sagen weiß.

OP: Herr Leicht, man sollte doch meinen, dass ein milder Winter Waldarbeitern die Arbeit erleichtert. Oder ist ein gefrorener beziehungsweise schneebedeckter Boden besser?
Eberhard Leicht: Kälte an sich beeinträchtigt die manuelle Waldarbeit nicht, da sie mit permanenter Bewegung verbunden ist. Unsere Profis an der Motorsäge, die Forstwirte tragen zudem Spezialbekleidung und moderne Kettensägen sind mit Griffheizung ausgestattet. Andauernder Regen, der die Arbeitskleidung durchnässt, kann hingegen schon zum Problem werden. Längere Zeiten mit Temperaturen unter dem Gefrierpunkt, die ein Durchfrieren des Oberbodens bewirken, haben wir in den vergangenen Wintern schmerzlich vermisst. Die durch starke Niederschläge aufgeweichten Waldböden hatten ihre Tragfähigkeit so weit eingebüßt, dass wir die Arbeiten mit Vollernte- und besonders auch mit Rückemaschinen jeweils über mehrere Wochen einstellen mussten.

OP: Ein milder Winter soll mit dafür verantwortlich sein, dass die Zahl der Schädlinge wie etwa Borkenkäfer enorm ansteigt. Ist dem so und muss man das dann als Förster einfach hinnehmen?
Leicht: Betrachten wir das einmal am Beispiel des verbreitetsten Borkenkäfers an der Fichte, dem Buchdrucker oder Achtzähnigen Fichtenborkenkäfer: Er überwintert in allen Entwicklungsformen (Käfer, Puppe und Larve) unter der Rinde befallener Bäume, als Altkäfer bisweilen auch in der Bodenstreu. Während die empfindlicheren Larven vielleicht nach einigen Frosttagen eingehen, sind Puppen und Altkäfer nicht unterzukriegen. Selbst längere Kälteperioden von unter minus 20 Grad überstehen sie unbeschadet. Viel entscheidender für die Vermehrung des Buchdruckers ist der Witterungsverlauf während der Vegetationszeit. Die hohen Temperaturen und die Trockenheit im vergangenen Sommer haben unsere Nadelbäume gestresst und so anfälliger gemacht.

OP: Im Winter schläft die Natur, heißt es so schön. Was aber, wenn die Temperaturen wie zuletzt im Dezember auf 15 Grad ansteigen, können dadurch Waldbäume Schaden nehmen?
Leicht: Eine unmittelbare Beeinträchtigung der Waldbäume muss nicht befürchtet werden, da ihre innere Uhr sie auf Winterruhe programmiert hat. Eine neue Studie der Technischen Universität München kommt aber zu dem Ergebnis, dass wärmere Winter die Waldbäume länger ruhen lassen. Nach den Ergebnissen der Untersuchung brauchen Pflanzen einen ausgedehnten „Kälteschlaf“, damit sie im Frühjahr wieder rechtzeitig austreiben. Milde Winter könnten so unter Umständen die Wachstumsperiode für die Bäume verkürzen.

OP: Was ist mit der Tierwelt im Wald, werden Winterschläfer wach und können sie dann noch überleben?
Leicht: Die meisten echten Winterschläfer wie der Igel, der Siebenschläfer oder die Haselmaus halten ohnehin keinen ununterbrochenen Winterschlaf. Von Zeit zu Zeit werden sie - unabhängig von bestimmten Außentemperaturen - wach. Zu oft darf das allerdings nicht geschehen, denn in den Wachphasen verbrauchen die Tiere sehr viel Energie. Ob die Anzahl und Dauer der Wachphasen durch einen wärmeren Witterungsverlauf während des Winters beeinflusst wird, ist nicht bekannt. Andere echte Winterschläfer wie die Fledermäuse suchen sich spezielle frostfreie Winterquartiere, wie Höhlen, Bergbaustollen oder Keller, die alle meist eine sehr konstante Temperatur haben.

Zur Person
Eberhard Leicht ist Leiter des Forstamtes Burgwald mit Sitz in Bottendorf. Dem Forstamt sind elf Revierförstereien zugeordnet, unter anderem Wetter, Lahntal, Münchhausen, Mellnau, Rauschenberg, Bracht und Wohratal. Auf der Gesamtfläche sind rund 19600 Hektar Wald zu finden.

von Götz Schaub

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