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Rechtsextremismus: ein Alltagsproblem

Neue Studie Rechtsextremismus: ein Alltagsproblem

Organisierter Rechtsextremismus unter Jugendlichen ist im Landkreis nicht nachweisbar; Formen rechtsextremen Gedankenguts sind aber alltäglich.

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Rassismus auf dem Fußballplatz - unbedachte Äußerungen gehören zum Alltag.

Quelle: Vera Lehmann

Marburg. Eine Fußball-Jugendmannschaft steht vor Spielbeginn an der Mittellinie im Kreis, die Spieler haben sich gegenseitig an den Schultern gepackt und motivieren sich für das bevorstehende Match mit einem im Chor vorgetragenen Schlachtruf: „Sieg!“

Dutzende Mal ist das schon passiert, aber diesmal ist etwas anders. Hinter dem aus elf Kehlen gerufenen Wort „Sieg!“ ertönen mehrere Rufe: „Heil!“

Witzig? Unbedacht, unerheblich? Oder ein Zeichen rechtsextremenen Gedankenguts? Wie sollen Zuschauer, wie soll der Jugendbetreuer reagieren?

Vorurteile gegen Ausländer

Der Pädagoge und Rechtsextremismus-Experte Professor Dr. Benno Hafeneger hat in einer Studie im Auftrag des Kreistages über „Rechtsextreme Tendenzen bei Jugendlichen im Landkreis Marburg-Biedenkopf“ auch diese Szene erwähnt. Hafeneger und seine Mitarbeiter Dr. Reiner Becker und Katharina Seyfferth haben „keinen erkennbar organisierten Rechtsextremismus oder gewalttätiges Verhalten“ wahrgenommen, wohl aber „rechtsextreme Fragmente“ im Alltag und „latent fremdenfeindliche Einstellungen“, die sich „im alltäglichen Sprachgebrauch, in Beleidigungen unter Jugendlichen, in Witzen und Parolen“ wiederspiegeln.

Schimpfworte wie „Kanake“, „Nigger“ oder „Kopftuchtussi“ sind keine Einzelfälle, sondern gehören zum alltäglichen Sprachgebrauch.

Festgestellt haben die Autoren der Studie auch verbreitete Vorurteile gegen Ausländer - sie seien schuld am schlechten Zustand der Straßen, hieß es in einem der Interviews, die „Zigeuner“ klauen alle und sind doch „sowieso asi“, bekamen Befragte in anderen Situationen zu hören.

Weiter zeigen die Interviews, dass sich auch einzelne Ethnien und Nationalitäten gegenseitig mit Vorurteilen begegnen.

Projekte an Schulen

In Interviews hat die Forschergruppe festgestellt, dass dies alles nicht nur auf den schulischen Alltag zutrifft, sondern offenbar auch im Sport verbreitet ist. Sie berichtet sowohl von rassistischen Beleidigungen als auch von gewalttätigen Auseinandersetzungen „zwischen deutschen, russischen und türkischen Spielern“ nach einem Fußballspiel.

Auffallend ist für die Autoren, dass in pädagogisch betreuten Jugendräumen deutlich weniger rassistische Beleidigungen oder rechtsextreme Parolen wahrgenommen werden. Von sich aus, auch das gehört aber zur Wahrheit dazu, mischen sich Jugendliche offenbar selten ein, um Opfer rassistischer Beleidigungen zu schützen oder gewalttätige Auseinandersetzungen zu beenden.

Das macht, so interpretiert Professor Hafeneger die Ergebnisse seiner Studie, einen verbreiteten Aufklärungs- und Beratungsbedarf deutlich - sowohl unter Jugendlichen selbst wie unter Pädagogen, Jugendbetreuern oder Trainern. Ausdrücklich erwähnt er das bereits bestehende vorbeugende Angebot im Kreis wie Gewaltpräventionsprojekte, Projekttage an Schulen zum Thema Vorurteile sowie Gewaltprävention, Streitschlichtung und Mobbingbekämpfung an Schulen.

Darüberhinaus, regen die Autoren der Studie an, könnten Projekte an Schulen helfen, die demokratische Grundeigenschaften wie Empathie, Toleranz und Kompromissfähigkeit einzuüben.

In Jugendclubs und Sportvereinen, so schlägt es Hafeneger vor, könnten die gemeinsame Erarbeitung eines Verhaltenskodex etwa oder einer demokratischen Sportplatzordnung helfen. In jedem Falle wichtig: Der Erwerb von Kenntnissen des Rechtsextremismus und die Vernetzung der handelnden Personen.

Für den Landkreis sei es ein Anliegen, durch präventive Angebote zur Stärkung der Persönlichkeit schon im Kindergarten und Grundschule, durch Aufklärung, aber vor allem durch gute Jugendarbeit demokratische Lebensentwürfe aufzuzeigen, die anderen respektvoll und tolerant begegnen, sagte der Beigeordnete Dr. Karsten McGovern der OP. Er berichtet von positiven Erfahrungen, die andernorts etwa mit der Erarbeitung von Platzordnungen gemacht worden seien. „Allerdings hilft das reine Verbnicht viel, wenn die Vereinbarung nicht gemeinsam in der Gruppe verabredet wird“, sagte Mc Govern.

  • Die Studie wird heute ab 16 Uhr ausführlich in der Sitzung des Jugendhilfeausschuss im Kreishaus, Zimmer C 108 im Gefahrenabwehrzentrum, vorgestellt.
  • Lesen Sie die Studie schon jetzt hier:

von Till Conrad

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