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Raus aus der Opferrolle

Integration von Migranten Raus aus der Opferrolle

Integration kann jeder - das ist die Botschaft des Vereins „Integreater“. Gegründet wurde er von einer Marburger Studentin, heute setzt sich der Verein bundesweit für die Bildungschancen von Migranten ein.

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Eine bunte Truppe: Die „Integreater“ bei einem bundesweiten Sommerfest. In der Regionalgruppe Gießen/Marburg sind unter anderem Julia Jednakowski und Tayfun Özkul (rundes Bild) aktiv.

Quelle: Integreater

Marburg. Als Tayfun Özkul in die 4. Klasse ging, wurde er von seinen Mitschülern häufig ausgegrenzt. In seinem persönlichen Umfeld hatte er es kaum mit Deutschen zu tun, stattdessen mit vielen Einwandererfamilien - vor allem aus der Türkei. „Ich habe nicht sehr gut Deutsch gesprochen und hatte enorme Schwierigkeiten, Kontakt zu anderen Mitschülern aufzubauen“, erinnert er sich. Die Versetzung auf eine Sonderschule stand schon im Raum, doch dann „hat es in meinem Gehirn plötzlich Klick gemacht“. Özkul arbeitete hart an sich, schaffte die Integration und erlangte das Abitur - „nicht, weil ich überdurchschnittlich intelligent bin, sondern weil ich die richtigen Entscheidungen in meinem Leben getroffen habe“. Heute arbeitet der 29-Jährige als Polizist.

Sein Beispiel soll kein Ausnahmefall sein. Im Verein „Integreater“ engagiert sich Özkul ehrenamtlich und betreibt dort Aufklärungsarbeit. Mit seinen Mitstreitern aus der Regionalgruppe Gießen/Marburg - allesamt mit Migrationshintergrund - geht er in Schulen, aber auch in Moscheen, Kulturzentren oder andere Bildungseinrichtungen. An den eigenen positiven Ausbildungswegen soll aufgezeigt werden, dass es einer gewissen Einstellung bedarf, um Bildung zu erlangen. Und das auf Augenhöhe. Die Botschaft: „Wenn wir das schaffen, schafft ihr das auch!“

2010 wurde „Integreater“ von der damaligen Marburger Medizinstudentin Ümmühan Ciftci und dem Frankfurter Unternehmer Jochen Sauerborn gegründet. Inzwischen besteht der Verein aus über 200 „Integreatern“ und 49 fördernden Mitgliedern in ganz Deutschland. Ausgezeichnet wurde er dafür unter anderem 2013 von der Bundesregierung als „eine der 50 besten Ideen für die Bildungsrepublik“ und mit dem „Hessischen Integrationspreis 2014“.

Gleiche Erfahrungen schaffen Vertrautheit

„Bildung ist die Schlüsselkomponente, um sich erfolgreich zu integrieren“, sagt Özkul. Viele Migrantenkinder aber bleibe sie verwehrt, weil sie in den Verhältnissen, in denen sie aufwachsen, keine Perspektive sähen. Oft wohnten sie in ärmeren Stadtvierteln, wo sie überwiegend mit anderen Migranten zu tun hätten. Zur Gesellschaft fühlten sie sich dort nicht immer zugehörig. „Einige steigern sich dann in eine Opferrolle rein“, so der Deutsch-Türke. Daher gehe es darum, „Grenzen in den Köpfen einzureißen“. Erfolg zu haben - das müsse keine Ausnahme sein.

Gerade aufgrund dieser „Opferrolle“ sei es viel effektiver, wenn nicht ein Deutscher versuche diese Botschaft zu vermitteln. Selbst gegenüber den Lehrern herrsche zum Teil das Gefühl: „Der mag mich nicht“. Und auch die eigenen Eltern könnten bei der Integration häufig nicht helfen. Manchmal seien sie selbst nicht mit der deutschen Kultur und Sprache vertraut. Hilfreich seien deshalb Vorbilder, die die gleichen Erfahrungen gemacht hätten und auch altersmäßig noch nicht zu weit entfernt seien. „Das schafft Vertrautheit, die ein Deutscher nicht erreichen kann“, sagt Özkul.

Dementsprechend wirkungsvoll verlaufen die Termine des Integreater-Teams in den Schulen, berichtet Julia Jednakowski. Die Ukrainerin kam als Fünfjährige mit ihren Eltern nach Deutschland, wuchs in Gelsenkirchen auf - „auch in so einem Block, wo viele Ausländer unter sich waren“, erzählt sie. Dass sie es bis zum Zahnmedizin-Studium in Gießen schaffte, habe sie lediglich ihren Eltern zu verdanken. „Sie wollten sich hier ein Leben aufbauen und haben als Vorbild fungiert. Damit sind sie aber eine große Ausnahme“, so die 24-Jährige. „Oft herrscht extreme Unwissenheit, zum Beispiel auch über das Bildungssystem“.

„Geben den ein oder anderen Schlüsselmoment“

Wenn sie mit den „Integreatern“ in den Schulen ist, erlebt sie nahegehende Momente. „Es wird manchmal sehr emotional. Ich hatte auch schon den Fall, dass Jugendliche geweint haben“. Nacheinander stellen die „Vorzeige-Migranten“ ihre Lebensgeschichte vor und beantworten anschließend die - oft zahlreichen - Fragen. „Ob das was bringt, lässt sich ja nur langfristig sagen. An der Zahl der Nachfragen kann man aber die Begeisterung ablesen. Wir sind uns sicher, dass wir den ein oder anderen Schlüsselmoment geben, durch den ein Leben einen alternativen Pfad nimmt“, sagt Özkul. Umso wichtiger werde diese Arbeit zudem in einer Zeit, „in der die Gesellschaft zunehmend polarisiert ist und nationales Denken zunimmt“.

Die Regionalgruppe Gießen/Marburg wird von Schulen aus ganz Mittelhessen angefragt oder bietet ihre Dienste dort selber an. Je nach Nachfrage bedeutet das mal mehr, mal weniger Zeitaufwand. Einmal im Monat gibt es zudem ein „Regio-Meeting“. Meist seien es „etwa ein bis zwei Stunden pro Woche, in denen man etwas für die Gesellschaft tut“, so Özkul. Obwohl er inzwischen berufstätig ist und im Schichtdienst arbeitet sei das kein Problem: „Wenn man sich engagieren will, dann klappt das immer“.

  • Die Gruppe sucht neue Mitstreiter zwischen 18 und 32 Jahren, nachdem einige Mitglieder aufgehört haben. Willkommen sind sowohl Studenten als auch junge Menschen, die eine Ausbildung machen - „auch das ist Erfolg“, sagt Özkul. Einzige Voraussetzungen sind ein Migrationshintergrund, Motivation und ein wenig Zeit.
    Kontakt: Vereinsbüro Frankfurt unter Telefon: 069/90755671 oder per E-Mail an die Regionalgruppe: marburg@integreater.de beziehungsweise gießen@integreater.de

von Peter Gassner

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