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Rauchen? Kannst du knicken!

Serie "Das schaffe ich" Rauchen? Kannst du knicken!

Rauchen bedeutet für viele Genuss. Es nicht zu tun, bedeutet Freiheit. Der Weg in die Freiheit ist jedoch unbequem - denn es gilt sich mit einem schweren Thema auseinander zu setzen: der eigenen Schwäche.

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Ole Ohlsen hilft Rauchern beim Aufhören.

Quelle: Marie Lisa Schulz

Marburg. Die Frage, ob sie eine ihrer Zigaretten für ein Foto hergeben würde, beantwortet die elegant gekleidete Frau mit einem gönnerhaften nicken. „Sicher“, sagt sie. Als sie aber zu verstehen beginnt, dass die Zigarette das Fotoshooting nicht überleben wird, schnappt sie erst nach Luft, dann nach dem Glimmstengel. „Sicher nicht!“, echauffiert sie sich. Ihre Zigaretten sind abgezählt. Noch. Denn eigentlich will sie doch aufhören zu rauchen. Dafür sitzt sie hier. Im Raucherentwöhnungskurs, angeboten vom Uniklinikum. Vor ihr steht Ole Ohlsen. Der Mann, von dem sie sich ein kleines Wunder erhofft. Er soll ihr die Lust auf Zigaretten nehmen. Und wenn er das nicht schafft, dann soll er zumindest ihren Willen stärken, der Versuchung zu widerstehen.

Ole Ohlsen will von solchen Wünschen nichts wissen. Er versteht sich nicht als Wunderheiler. Eher als Augenöffner. „Beim Rauchen steht nicht das ‚wie viel‘, sondern das ‚warum‘ im Vordergrund“, erklärt er. Und das gelte es zu verstehen. Wieso überhaupt wird geraucht? Weil es schmeckt, oder doch eher, weil die Zigarette ein willkommener Bruch im Alltag ist? „Rauchen ist meist mit gewissen Emotionen gekoppelt. Das kann Stress, der Drang nach einer Belohnung oder nach einer Auszeit sein“, erklärt Ohsen. Der 49-Jährige weiß, wovon er spricht. Zwölf Jahre hat er geraucht. Mehr als acht Mal probiert aufzuhören. Er hat Pflaster geklebt und Lollis gelutscht. Hat es mit Willenstärke und Anti-Rauch-Büchern versucht. Geklappt hat es immer. Zumindest kurzweilig. Mal blieb er eine Woche rauchfrei, mal einen Monat. Aber früher oder später hatte er wieder eine Zigarette im Mund. Bis zu dem Tag, an dem er verstand. Nicht die Tatsache, dass Rauchen der Gesundheit schadet. Das wusste er schon vorher. Nein, er verstand, wieso ihm sein Hirn meldete: jetzt muss geraucht werden. „Rauchen spielt sich einfach nicht auf der rationalen Ebene ab“, erklärt er. Jeder Raucher kennt - und verdrängt die Risiken. „Nikotinabhängigkeit wird nicht als Sucht anerkannt. In der Gesellschaft fehlt die Wahrnehmung. Rauchen wird als ‚schlechte Angewohnheit‘ angesehen.“

Aber genau diese schlechte Angewohnheit sorgt für Probleme. Der Partner, der den Geruch nicht ausstehen kann, der Arzt, der auf die Risiken hinweist, die eigene Laune, die von einem kleinen Glimmstengel abhängig zu sein scheint. „Wer mit dem Rauchen aufhören will, der muss verstehen, dass es nicht darum geht, etwas nicht zu tun. Sondern das Rauchen durch etwas anderes zu ersetzten“, erklärt der Suchtberater.

Und dafür muss jeder einzelne verstehen lernen. Es geht um die Frage „Warum will ich rauchen“. Nicht um die Frage „Wie kann ich das Rauchen verhindern.“ Ist die Zigarette etwa die kleine Pause, die den Arbeitsalltag durchbricht? Ist es das, woran man sich festhalten kann, wenn man Wut, Trauer oder einfach nur Langeweile empfindet. Oder meldet das Hirn bei dem Anblick eines Bierglases einfach nur die simple Botschaft: „Bier und Zigarette - das passt.“ Einfach, weil es schon immer gut gepasst hat. Pure Gewohnheit eben. „In dem Kurs wird das Rauchverhalten analysiert. Jeder muss sich fragen, bei was einem das Rauchen hilft. Ziel ist es, die Bedürfnisse anders befriedigen zu lernen. Viele vermeiden nur und vergessen das Befriedigen der eigenen Wünsche.“ Und genau das, so Ohlsen, sei der Schlüssel zum Erfolg. Wer eine Pause braucht, der nehme sie sich einfach. Wer sich abreagieren muss, der tue das - aber ohne Zigarette in der Hand. „Es sind nicht die geselligen Momente, die das Aufhören erschweren. Auf die ist jeder vorbereitet. Es sind die stillen, unscheinbaren Momente“, weiß der Suchtberater.

Er arbeitet nicht mit Druck - den haben die meisten Raucher schon zu genüge erfahren. „Viele werden von ihren Partnern geschickt, die sich sorgen. Manche auch von Ärzten. Andere wollen einfach nicht mehr ihr Leben von einer Zigarette bestimmen lassen.“ Das Gruppenziel ist klar formuliert: das „warum“ verstehen.

Das „Warum“, so die Beobachtung von Ohlsen, sei bei Männer und Frauen häufig unterschiedlich. Frauen greifen häufiger aus emotionalen Gründen zu einer Zigarette. „Viele nutzen das Rauchen als Zeit für sich. Sie gönnen sich etwas. Eine Auszeit. Nichtstun ist heutzutage verpönt. Raucht man, tut man nichts und tut doch etwas“, weiß Ohlsen. Bei Männern passiere das Rauchen meist nebenbei. Häufig noch nicht einmal bewusst -etwa beim Autofahren. „Frauen fällt das Aufhören im ersten Moment schwerer. Es sind aber die, die sich zuerst Hilfe holen“, erklärt der 49-Jährige.

Fünf Gruppentreffen á zwei Stunden stehen auf dem Plan. Ein Anruf nach Kursende soll noch einmal ausstehende Fragen und Unsicherheiten klären. Eine Garantie, dass die Teilnehmer nach dem Kurs den Glimmstengel nicht mehr anrühren, die kann Ole Ohlsen nicht geben. „Manchmal steckt mehr dahinter, als man am Anfang denkt. Etwa eine Alkoholproblematik, eine Ess- oder Angststörung. „Wenn die Teilnehmer es nicht schaffen mit dem Rauchen aufzuhören, gehen sie nicht als Verlierer. Sie wissen, was sie zu tun haben, bevor sie sich mit dem Problem beschäftigen.“

Der nächste Infoveranstaltung für den Kurs „Zigarette ade“ am UKGM startet am 13. September um 14 Uhr am UKGM in Marburg. Anmeldung unter: gabriele.jaques@med.uni-marburg.de.

von Marie Lisa Schulz

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