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Raubzug schockiert Rentnerin

Verbrechen Raubzug schockiert Rentnerin

In und um Marburg steigen Diebe immer häufiger in Wohnungen ein. Zuletzt wurde eine 89-Jährige Opfer von Kriminellen. Bei der Polizei widmen sich Experten dem Schutz vor Einbrechern.

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Während sie in ihrem Lesesessel im Wohnzimmer saß, überfiel ein junger Mann die Rentnerin Marga Stafunsky (89). Sie fürchtet seitdem täglich neue Einbrüche. Sie erzählt ihre Geschichte öffentlich, um andere Senioren zu warnen.

Quelle: Björn Wisker

Marburg. Marga Stafunskys Drama hat im Sessel begonnen. Gerade noch las sie in ihrem Buch, als ein junger Mann in die Wohnung stürmte. „Geld her, Geld her!“, schrie er die 89-Jährige an, warf ihr eine Decke über den Kopf. Der Schock, die Angst: Das Atmen fiel der Rentnerin schwer. Stafunsky ist eine von Dutzenden Marburgern, die jährlich Opfer von Einbrüchen werden. Laut der jüngsten Kriminalstatistik steigt die Zahl der Wohnungseinbrüche in der Region. 2012 verzeichneten die Behörden in und um Marburg 189 Straftaten, rund zehn Prozent mehr als im Vorjahr - und damit einen der höchsten Werte der vergangenen fünf Jahre.

Stafunsky erinnert sich noch genau an den Überfall: „Ich hörte einen Schlag, dachte mir aber nichts dabei. Ein paar Minuten später schlug die Schlafzimmertür auf, der Mann warf Tisch und Hocker um und kam schreiend auf mich zu.“ Sie habe gezittert, dem Einbrecher sofort ihr Geld gegeben. Wie die Ermittlungen der Polizei ergaben, handelte es sich offenbar um einen sorgsam geplanten Überfall eines Bekannten des Opfers. 

Täter entscheiden sich spontan für ihr Opfer

„Schmuck und Bargeld findet man meistens, ohne zu wissen, was noch im Haus zu holen ist“, sagt Willy Schwarz, Sprecher des Polizeipräsidiums Mittelhessen. Diebe streifen seiner Erfahrung nach hin und wieder durch Wohngebiete, kundschaften die Gegend aus. Häufig nutzen sie die erstbeste Gelegenheit. „Wir unterscheiden zwischen Planungs- und Gelegenheitstätern. Spontan heißt dabei nicht, dass jemand gerade mal einbricht, weil es ihm einfällt, sondern dass er einen Beutezug zwar vorhat, das Wohnhaus aber vorher nicht gezielt aussucht“, erklärt Schwarz.

Als der Räuber flüchtete, griff Stafunsky zum Telefon - die Leitung war gekappt. Die Gehbehinderte quälte sich ins Nebenzimmer, riss das Fenster auf und schrie um Hilfe. Nach Minuten entdeckte eine Nachbarin sie, alarmierte die Polizei. Das Martyrium war vorüber. Scheinbar. Denn das Gefühl, dem Angreifer ausgeliefert zu sein, im eigenen Zuhause, dem Refugium, bleibt. Und es schmerzt. „Ich bin völlig verängstigt. Ich kann nicht mehr alleine in der Wohnung sein, der Freund meiner Tochter schläft nach der Arbeit bei mir. Sonst wüsste ich nicht, was ich tun soll“, sagt sie.

Zehn Prozent der Opfer erleiden Trauma

Die Reaktion kennen Experten: „Die Sicherheit der eigenen Wohnung ist weg, das ist auch ein Einbruch in die Intimsphäre“, sagt Karl-Günther Theobald, Psychologe bei der Opferhilfsorganisation Weißer Ring. Er schätzt, dass etwa zehn Prozent der Einbruchsopfer unter sogenannten posttraumatischen Belastungsstörungen leiden. Heißt: Sie sind krank. Die eigene Wohnung sei der Ort, an dem man die Kontrolle habe und sich sicher fühle. Dieses Gefühl sei nach einem Einbruch weg, die Angst dominiere. Umso dramatischer, dass nur etwa jeder vierte Fall (27,5 Prozent) aufgeklärt werden kann.

Die Polizisten wissen um die Folgen eines Einbruchs. Wird jemand, wird eine Nachbarschaft von Kriminellen heimgesucht, beeinflusst das dauerhaft das Sicherheitsgefühl der Anwohner.Um gegenzusteuern, um Einbrüchen vorzubeugen, hat Claus Dieter Jacobi sein Büro im Polizeipräsidium in der Raiffeisenstraße eingerichtet. Er ist Marburgs kriminalpolizeilicher Berater, hilft in Sicherheitsfragen. „Einen wirksamen Einbruchsschutz erhält man etwa durch den Einbau geprüfter Fenster und Türen, spezieller, innenliegender Schlösser“, sagt er. Für Diebe sei es oft leicht, auch nur mit einem Schraubenzieher in Häuser einzudringen. Dagegen helfe mechanischer Schutz. Videokameras, Alarmanlagen, Bewegungssensoren: Das seien auch nicht die perfekten Schutz-schirme. „Aber schon gar nicht Placebos wie etwa Hunde-gebell-Klingeln“, sagt Jacobi.

Bei allem Schrecken kann Stafunsky dem Überfall auch eine aufmunternde Erkenntnis abgewinnen: Hilfsbereitschaft. Bei den Nachbarn, die die Polizei alarmierten und sich um sie kümmerten, will sie sich daher bedanken. „Und zwar öffentlich. Auch, um darauf aufmerksam zu machen, wie wichtig Hilfe ist und dass es noch Helfer gibt.“

von Björn Wisker

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