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„Rassismus von oben und unten“

Podiumsdiskussion zum NSU-Prozess „Rassismus von oben und unten“

„Die Zivilgesellschaft ist ein wichtiger Mosaikstein, um die Aufklärungsarbeit voranzutreiben“, sagte Rechtsanwalt Stephan Kuhn während seines Referates über die Taten des Nationalsozialistischen Untergrunds.

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DIDF-Bundesvorstand Aziz Aslan (von links), Moderatorin Tugba Bakirci und Rechtsanwalt Stephan Kuhn diskutierten auf dem Podium.

Quelle: Arnd Hartmann

Marburg. Zu einer Podiumsdiskussion im Hörsaalgebäude lud die Hochschulgruppe der Föderation der demokratischen Arbeitervereine (DIDF) zwei Fachexperten ein, um aus erster Hand die aktuellen Entwicklungen und Einschätzungen zum NSU-Prozess in München zu erfahren. „Ich bin sehr positiv überrascht, dass so viele Leute an diesem schönen Abend hier sind“, freute sich Stephan Kuhn, der als Rechtsanwalt einen Nebenkläger des Nagelbombenattentats von Köln vertritt.

Drei Gemeinsamkeiten stellte Moderatorin Tugba Bakirci über die Mordopfer dem Publikum eingangs vor. Sie alle hatten einen Migrationshintergrund, waren Kleinunternehmer und wurden mit derselben Tatwaffe umgebracht. Aus dieser Beweislage und den daraus entstandenen Vorwürfen an Beate Zschäpe und weitere vier Mitgliedern des NSU, „gehe ich fest davon aus, das die Urteile auch vollstreckt werden“, erläuterte Kuhn.

In seinem Vortrag referierte der Jurist über die Hintergründe des Nagelbombenattentats in Köln. Er stellte jedoch zu Beginn bereits fest, dass die Öffentlichkeit eine gerechte Verurteilung erwarte, am Ende dabei aber nicht unbedingt alle Klarheiten der Geschehnisse aufgedeckt werden können.

Trotz des Versagens des Staates und der Schutzsysteme ist der „Erkenntnisgewinn extrem hoch“, um zu verstehen, welche Rolle der Alltagsrassismus in der deutschen Gesellschaft spielt, sagte Kuhn.

Ungeklärt bleibt dennoch bis heute die Zufälligkeit, mit der die Täter ihre Opfer wählten und aus welchen Gründen rund 42 Verbindungsmänner 13 Jahre lang schalten und walten konnten, ohne dabei entdeckt zu werden.

Aziz Aslan, der als Prozessbeobachter für die Zeitung „Yeni Hayat – Neues Leben“ die Verhandlungstage hautnah miterlebte, stellte seinem Referat voran: „An den Prozessen kann jeder teilnehmen, nicht nur Journalisten, sondern auch Kameraden der Angeklagten.“

Unfassbare Missachtung wirft Aslan Zschäpe vor, die mitunter Sudoku-Rätsel während der Verhandlungen im Beisein der Opferangehörigen löste.

Aus diesem Grund sprach sich Aslan auch dafür aus, gerade den Opfern und deren Familien mehr Aufmerksamkeit zu widmen.

Nach der Aufzählung der wichtigsten Fakten über die Taten des NSU-Trios blieb auch die Frage nach dem Einsatz der V-Männer und des Verfassungsschutzes, die das Trio mit Geld, Arbeit und Unterstützung belieferte, nicht unbeantwortet.

„Man darf den Verfassungsschutz nicht als Instanz sehen, die uns mehr Schutz bietet“, schloss Aslan sein Referat.

„Es gibt Rassismus von oben und unten, wir brauchen deshalb einen gemeinsamen Kampf gegen die Probleme im Alltag“, betonten Kuhn und Aslan zum Ende der Veranstaltung.

von Arnd Hartmann

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