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Rasante Fahrt zurück ins Krankenbett?

Vorwürfe Rasante Fahrt zurück ins Krankenbett?

Jutta Pulch ist an ihr Bett gefesselt. Als sie sich auf einem guten Weg wähnt, sich wieder mehr bewegen zu können, erleidet sie bei einer Krankentransportfahrt einen schweren Rückschlag und erhebt nun Vorwürfe gegen die Johanniter.

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Jutta Pulch liegt in ihrem Zimmer im Seniorenheim am Landgrafenschloss. Hund Leo ist mit ihrem Sohn Oliver Pulch zu Besuch gekommen.

Quelle: Peter Gassner

Marburg. „Meine Hoffnung ist, dass ich doch noch einmal selbstständig in den Rollstuhl kann“, sagt Jutta Pulch und verdrückt dabei ein paar Tränen. Seit Monaten liegt die 68-Jährige auf ihrem Zimmer im Seniorenheim am Landgrafenschloss und kann sich dort kaum selbstständig bewegen. Bei einer Bestrahlung zur Behandlung ihrer Gebärmutterkrebserkrankung erlitt sie eine Fraktur im Wirbelsäulenbereich. In Wehrda wird Pulch Ende Juli stationär in der Geriatrie behandelt und macht nach eigenem Empfinden schon innerhalb einer Woche große Fortschritte in der Beweglichkeit. Bei einer Krankentransportfahrt zur Dialyse bricht ihre Verletzung jedoch neu auf.

Neue Schmerzen nach Transport dokumentiert

Es sei „eine forsche, junge Frau“ gefahren, erinnert sich die Seniorin. Mit ihrer rabiaten Fahrweise sei es über viele Schlaglöcher gegangen „und ich habe nur noch geschrien und geheult“, so Pulch. Auf OP-Anfrage bestätigt der Ärztliche Leiter des Rettungsdienstes im Landkreis, Dr. Erich Wranze-­Bielefeld, dass die Patientin gleich nach ihrem Eintreffen im Klinikum ein Schmerzmittel erhalten habe. Nach Auskunft des verantwortlichen Arztes sei dies jedoch „bei vorgeschädigten Patienten nach einem Transport keine Besonderheit“. Tatsächlich seien aber später im Diakoniekrankenhaus Schmerzen im Bereich der Halswirbelsäule und im Iliosakralgelenk im Beckenbereich dokumentiert worden, die vor dem Transport noch nicht bekannt gewesen seien.

„Meine restliche Lebenszeit ist begrenzt“, sagt Pulch, „daher möchte ich sie eigentlich, so gut es geht, genießen“. Im Bett des Seniorenheims - in dem sie sehr gut versorgt werde - sei ihre Lebensqualität jedoch stark eingeschränkt. Ihr großer Wunsch ist es, selbstständig in ihr eigenes Zuhause zurückzukehren - ihre Wohnung möchte sie keinesfalls aufgeben. Da neben der Wohnung aber auch die Kosten für den Heimaufenthalt bezahlt werden müssen, hat Sohn Oliver Pulch ein großes Opfer auf sich genommen. Um seiner Mutter finanziell zu helfen, ist er aus seiner eigenen Wohnung in Frankfurt ausgezogen und bei Freunden im Taunus untergekommen. Für ihn ist es „sehr schlimm, die Situation meiner Mutter jetzt so zu erleben“.

Ist also der unvorsichtige Fahrstil der Johanniter-Mitarbeiterin dafür verantwortlich, dass Jutta Pulch weiterhin im Seniorenheim ausharren muss? Die Fahrerin selbst habe gegenüber Wranze-Bielefeld zu Protokoll gegeben, dass sie aufgrund des Wissens um die Verletzungen von Jutta Pulch „besonders schonend“ gefahren sei. Nichtsdestotrotz sei es „selbstverständlich denkbar, dass bei einer Patientin mit bestehender Vorerkrankung ein Transport, auch noch so schonend durchgeführt, immer eine Belastung darstellt und eine Verschlechterung hervorrufen kann“, so der Ärztliche Leiter.

Fahrerin „erfahren und zuverlässig“

Die verantwortliche Rettungsassistentin gelte als „erfahren und zuverlässig“, weitere Beschwerden gegen sie seien nicht bekannt. Den Transport halte man „als Ursache der Beschwerden zwar für denkbar, jedoch für wenig wahrscheinlich“. Auch wenn Pulch und ihr Sohn das anders sehen, geht es ihnen letztlich nicht um die Fahrt selbst, denn „die verlorene Zeit kann uns keiner zurückgeben“, so Oliver Pulch. Schwerer wiegt aus Sicht der Seniorin die Reaktion auf ihre Beschwerde.

„Mit dem Auto kann man nicht langsam fahren“, habe die Fahrerin ihr entgegnet, sagt sie. „Jetzt liege ich da und kriege dann auch noch so freche Antworten.“ Eine Entschuldigung habe es nicht gegeben. Stattdessen sei ihr von anderen Johannitern entgegnet worden, dass sie auf diese „noch lange warten“ könne und im Bezug auf ihren Sohn, der einen Beschwerdebrief geschrieben hatte, sei davon die Rede gewesen „sich das Bürschchen mal vorzuknöpfen“. Aus Sicht des Rettungsdienstes sei hingegen zu hinterfragen, warum die Beschwerde erst rund zwei Wochen später geäußert worden sei. Die Fronten zwischen den beiden Seiten bleiben also verhärtet.

Ein Gesprächsangebot mit den Verantwortlichen der Johanniter, das ihm nach drei Beschwerdeschreiben, die bis dahin ohne Antwort geblieben waren, schließlich unterbreitet wurde, lehnt Oliver Pulch ab. Er hatte „auf ein konkretes Angebot“ gehofft, das beispielsweise eine neue geriatrische Reha in der Diakonieklinik beinhaltet. Nach dem Ärger, den er nun seit Monaten mit den Johannitern gehabt habe, fehle ihm „unter diesen Umständen die Kraft für ein solches Gespräch“.

Er hofft nun, dass seine Mutter sich ihren sehnlichen Wunsch bald erfüllen und das Seniorenheim verlassen kann.

von Peter Gassner

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